30 Jahre traditionelles germanisches Heidentum

Von Allsherjargode Géza v. Nahodyl Neményi

 

Anfang 1983 fing es bei mir mit dem Heidentum an, also etwa vor 30 Jahren. Grund genug, hier darüber zu berichten.

Ich hatte mich schon immer für Esoterik und Magie interessiert und habe mir das Buch „Runenmagie“ von Karl Spiesberger (Schikowski-Verlag Berlin) gekauft. In diesem Buch fand sich zwar die von rassistischen Bestandteilen befreite ariosophische und unwissenschaftliche Runendeutung, aber das wußte ich ja damals noch gar nicht. Es wurden aber auch einzelne Eddastrophen zitiert und so kaufte ich mir eine alte Simrock-Edda aus dem Reclam-Verlag. Auch hatte ich das Buch von Wilhelm Wägner, „Germanische Götter- und Heldensagen“ (1907) antiquarisch gekauft und war davon sehr begeistert. Aus der Bibliothek hatte ich zuvor schon seine zweibändige Neuauflage „Nordisch-Germanische Götter- und Heldensagen“ und „Deutsche Heldensagen“ (1937) ausgeliehen und gelesen.

Die Edda selbst hatte ich übrigens schon im Alter von 6 Jahren (1964) durch das Kinderbuch „Wunderbare Fahrten und Abenteuer der kleinen Dott“ (Tamara Ramsay, 1950/51) kennengelernt, denn eine Eddastrophe wird in diesem Buch zitiert. Doch hatte ich dem natürlich damals keine besondere Bedeutung zugemessen. In dem Buch wird aber ganz klar Stellung genommen für Pflanzen und Tiere und Naturgeister, daher war es wichtig auch für meine eigene Ausrichtung.

Angeregt durch Karl Spiesbergers Buch wollte ich mir nun Runenstäbchen anfertigen, denn daß Runenkarten  (die dem Buch im Normalfall beilagen, in meiner Fassung fehlten sie aber) hier nicht richtig sind, war mir schon damals klar, es müssen Stäbchen sein. Daß es in Berlin auch heidnische Kultstätten gibt, hatte ich schon in der Grundschule erfahren, denn wir nahmen im Deutschunterricht auch die Sage vom Hexentanzplatz auf Scharfenberg durch. Schon im Mai 1982 (möglicherweise auch schon 1981) bin ich mit meiner Schwester zur Insel gefahren, hinübergerudert, und wir haben uns im Gebüsch des Blocksberges auf die Lauer gelegt. Ich hatte ein aus Hanfseilen über die Brust gebundenes Kreuz, was einen vor bösen Hexen schützen sollte. Wir lagen in der Walpurgisnacht also auf der Lauer und warteten auf die Geisterstunde. Aber keine Hexe ließ sich sehen, was eine Enttäuschung war. Wir hatten auch keine Uhr dabei. Schließlich gaben wir auf, ruderten zurück und gingen zur Endhaltestelle des Busses, der uns wieder in die Stadt fahren sollte. Hier fanden wir eine Uhr und sahen, daß es noch mehrere Minuten vor 12 Uhr gewesen war – wir hatten unser Experiment also zu früh beendet.

Ich fand nun nach und nach den Übergang vom Katholizismus zum Heidentum. Da die Insel Scharfenberg recht weit entfernt ist und von einem grimmigen Hausmeister bewacht wird, mußte ich einen anderen Ort für meine Kulte finden. Ich wählte mir den Havelberg im Grunewald aus, der einer der höchsten Berge ist und nicht oft von Spaziergängern betreten wird. Ich errichtete dort einen Steinkreis, und zwar sammelte ich  24 etwa fußballgroße Findlinge, malte mit einem Edding-Faserschreiber auf jeden eine Rune des älteren Futharks und stellte sie auf dem Berge in einem Kreise von etwa 3 Mtr. Durchmesser auf. Der Stein mit der f-Rune stand im Norden. Das Gras in diesem Runensteinkreis entfernte ich, so daß es eine freie Sandfläche wurde, denn ich wollte ja Feuer entzünden und dabei einen Grasbrand vermeiden. In einem Indiashop hatte ich mir auch ein langes weißes Gewand gekauft, daß ich im Walde trug. Hier hielt ich nun meine Runenkulte ab. Einige Wochen früher hatte ich noch einen andern Ort in der Nähe gehabt, einen Vorberg, doch eines Tages, ich war gerade beim Runenraunen, lief eine ganze Gruppe Waldläufer an mir vorbei, was doch ein wenig störte. Deswegen nun der neue Steinkreis auf dem Havelberg. Ich schnitt mir die Buchenzweige (von Buchen am Havelberg) und beritzte sie kultisch mit Runen nach Spiesbergers Anleitung:

„Allvater Wuotan ich rufe Dich,
Durchströhm mit magischen Allkräften mich,
Erwecke die Runen, das Urwissen in mir,
In heiliger Liebe streb’ ich zu Dir!
Mit Runenkraft bann’ ich all’ böse Gewalten
Denn ich diene Deinem göttlichen Walten.
Alu – Luwatuwa – Arahari – Fimbultyr“

So lautete einer der Ritualsprüche, den ich immer noch auswendig kann (ich hatte ihn ein wenig abgeändert im Gegensatz zu der Fassung in Spiesbergers Buch).

So wurde ich nach und nach ein Runenmagier, und natürlich wollte ich auch die Feste auf dem Havelberg feiern. Ich hoffte auch, auf Gleichgesinnte zu stoßen, denn zu Mittsommer hätte es ja sein können, daß andere Heiden sich hier auch einfinden. Ich hatte sogar die weißen Steine im Wald, auf denen die Wege bezeichnet sind, mit dem Filzstift „ergänzt“ um die Aufschrift „Malberg“ – denn damals wußte ich nur, daß Kultstätten Malstätten oder Malberge waren. Zu Mittsommer fand ich mich also auf dem Berge ein, hoffte, daß andere kommen, sammelte Holz und zündete es an, indem ich Benzin darüber goß – wie man ein Feuer ohne Brandbeschleuniger entzündet, wußte ich noch nicht. Es wurde eine sehr großes Feuer und es war windig, ich mußte es mit Sand am Rand bedecken um es kleinzuhalten. Und ich blieb ganz allein. Damals war ich sogar noch mit dem Mofa in den Wald gefahren, auf dem Rückweg setzte der Motor aus und ich mußte treten. Das war aber sehr gut, denn neben meinem Weg im Gebüsch hatten sich amerikanische Besatzungssoldaten eingegraben, und wenn die ein Mofa in Betrieb gesehen hätten, hätte das Probleme geben können, da es verboten ist, mit Motorfahrzeugen den Wald zu befahren. Als ich dann an ihnen vorbei war, konnte ich den Motor wieder starten, was schon merkwürdig war.

Aber daß ich ganz allein war, daß ich der einzigste Heide in einer Stadt mit 3,7 Millionen Einwohnern war, das war enttäuschend. Ich wollte das ändern. In der Buchhandlung, wo ich die esoterischen Bücher gekauft hatte, dem Yggdrasill-Buchladen in der Mindener Straße war ich sehr häufig, weil man da Tee bekam und in ganz familiärer Athmosphäre über esoterische Theorien diskutieren konnte. Gotthold und Angela Deißing hatten den Laden betrieben. Dort hängte ich nun einen Aufruf aus (das Original ist noch vorhanden, siehe Bild), um so neue Heiden zu werben und nicht mehr allein Feste feiern zu müssen. Da ich befürchten mußte, wegen meines Interesses für die "germanische" Mythologie in eine bestimmte politische Ecke gerückt zu werden, verwendete ich meinen Familiennamen in einer gekürzten Fassung, wobei ich den ungarischen Teil beibehielt in der Hoffnung, daß man einen Ungarn kaum in eine politisch rechte Ecke stellen würde (ein Irrtum, wie ich später feststellen mußte); deswegen auch die Formulierung "keine Politik". Von Anfang an wollte ich einen Verein gründen, was ich dann auch ein Jahr später mit der "Heidnischen Gemeinschaft" die 1985 zum "e. V." wurde, tat. Zu einer Gemeinschaftsgründung sind mehrere Menschen nötig, und diese habe ich mit meinem ersten Aufruf, den ich auch als Kleinanzeige verbreitete, zusammengebracht (heute bestreiten gegen die deutlichen Belege einige, daß ich der Initiator und Gründer der "Heidnischen Gemeinschaft e. V." gewesen bin). Der Text des Aufrufes zeigt, daß ich damals noch sehr von Wilhelm Wägner und dem von ihm zitierten G. A. B. Schierenberg beeinflußt war. Schierenberg hatte alle Himmelsburgen der Götter im Teutoburger Wald gefunden, z. B. Bilskirnir (Thors Palast) in der Bielsteinschlucht und der Bielsteinhöhle, daneben das Lukeloch brachte er mit Loki in Verbindung, und da die ganze Gegend in einer alten Karte „Truhem“ hieß, was natürlich „Thrudheimr“ entsprach, schien alles klar zu sein. Ich bin dort auch hingereist, die Gegend südlich der Externsteine ist ja ein kultisches heiliges Land, der „Osning“ (Asenhain). Deswegen konnte ich auf dem Aushang tatsächlich „Reisen nach Asgard“ anbieten, denn diesen Asgard-Osning hatte ich gemeint.

Der Aushang wurde dann auch in einer Artikelserie in der Zitty (illustrierte Stadtzeitung) erwähnt, und ich habe den Aushangstext auch als Kleinanzeige in der Zitty geschaltet. Die Anzeige erschien in der Ausgabe vom 12. 11. 1982. Genaugenommen war ich schon 1982 Heide, hatte aber noch keine Ahnung und keine Gemeinschaft. Der Aushang und die Anzeige beweisen: Ich wollte von Anfang an einen Verein gründen und „keine Politik“, wie ich schrieb. Den Verein habe ich wie gesagt kurz darauf, 1983 gegründet, 1985 eingetragen (Heidnische Gemeinschaft), aber daß ich keine politischen Ziele hatte und habe, das glaubten mir wenige. Damals war der Begriff „Germane“ gleichbedeutend mit „Nazi“.

Auf die Anzeige meldeten sich einige Leute, darunter auch recht zwielichtige Figuren. So lernte ich z. B. den „Asgard Bund“ kennen, eine rechtsextreme Gruppe des Neonazis Priem. Natürlich gab ich mich mit diesen Leuten nicht weiter ab. Heidentum mit extremistischer Politik zu vermischen entsprach und entspricht nicht meiner Auffassung.

In der Yggdrasillbuchhandlung lag auch die photokopierte Zeitschrift von Harald Schmidt, der seinen Namen in „Radegeis“ geändert hatte, aus. In dieser Zeitung waren die Adressen der damals aktiven Gruppen, z. B. die Deutschgläubige Gemeinschaft e. V. von Dr. Odfried Jungklaaß, der Treuekreis Artglaube Irminsul von Wilhelm Kusserow, die Artgemeinschaft e. V. von Guido Lauenstein, der Goden-Orden und der Armanen-Orden von Adolf und Sigrun Schleipfer (sie nahm später den Mädchennamen ihrer Mutter an: „Freifrau von Schlichting“). Alle diese Gruppen schrieb ich an und bat um Informationsmaterial. Von W. Kusserow erhielt ich ein Paket mit Büchern und einer Zahlkarte, damit ich diese unbestellten Bücher gleich bezahle (ich schickte alle bis auf ein Heft über „Gesichtssteine“ zurück), Sigrun Schleipfer begrüßte mich in einem Brief freundlich und verwies mich an ihre Berliner Armanen, Matthias Wenger und Bernhard Schulz. So kam ich mit ihnen in Kontakt und erhielt von Matthias Wenger Einladungen zu Vorträgen. Diese fanden in der ehemaligen Wohnung von Harald Schmidt statt, der gerade nach Eitzum umgezogen war. Matthias Wenger übernahm die leere Wohnung und dort stand ein Baumstück als Tisch und darum Stühle. Es war eine grüne Plastik-Auslegware. Ich brachte mich da nun mit ein und  besuchte die Vorträge. Einmal sollte es um Märchen und ihre Deutungen gehen, da war auch eine Professorin aus der Hochschule der Künste als Gast gekommen. Aber an dem Tag klingelte es und die Polizei war mit vielen Beamten da: „Was ist denn das hier für eine Veranstaltung?“ fragten sie, und begehrten Einlaß. Matthias Wenger ließ sie ein, um ihnen zu zeigen, daß hier nichts ungesetzliches geschah, dennoch wollten sie die Ausweise kontrollieren. Der Staat reagierte empfindlich auf Leute, die die Germanen positiv sahen. Übrigens: Als Harald Schmidt auszog, halfen wir beim Einladen der Kisten aus dem Keller, und darunter befanden sich auch Waffen (vermutlich keine scharfen). Was wäre geschehen, wenn sie die in der Wohnung entdeckt hätten? Später las ich einmal in einem Verfassungsschutzbericht: Harald Schmidt unterhält Verbindungen zu 3 Rechtsextremisten und 2 Linksextremisten.

Jedenfalls war das nun eine kleine Gruppe von Heiden in Berlin, eigentlich nur drei Personen. Zu den Festen trafen wir uns in der Wohnung, und dann wurde über das Fest geredet, auch wohl mal eine Runenübung gemacht oder Spiritus in einer Feuerschale entzündet. Das wars.

In der Zwischenzeit hatte ich aber schon relativ viele Bücher über die Germanen und das Heidentum gelesen und wußte, daß unsere Vorfahren die Feste immer im Freien gehalten hatten. Ich fing also an, zu kritisieren, wir müßten doch ins Freie gehen. „Aber was ist, wenn es regnet?“ hieß es. Naturverbundenheit war wohl noch nicht vorhanden. Auch kannten wir ja noch nicht die Heiligtümer. Bei einem „Fest“ (Ostern 1983?) verabredeten wir uns deshalb auf dem Zwillingshügel des Teufelsberges (ein Trümmerberg), also gar kein spiritueller Ort. Bernhard hatte eine King-George-Bibel mit und es war für ihn völlig klar, daß die im Osterfeuer verbrannt werden müsse. Meine Verwunderung war noch nicht beendet, da entschuldigte Matthias sich dafür, daß er nur einen katholischen Katechismus dabei hätte. Und ich war so naiv und wollte tatsächlich schnödes Brennholz sammeln. Ich mußte diesen beiden Armanen also irgendwie klarmachen, daß „Heidentum“ nicht nur die Abwesenheit vom Christentum ist, sondern eine eigene, ernstzunehmende Religion, und Bücherverbrennungen nicht dazugehören.

      

Auf einem der Vorhügel befand sich eine hölzerne, sechseckige Schutzhütte mit tragendem Stamm in der Mitte und rundumlaufender Bank, der Eingang in südlicher Richtung, eigentlich als Tempel gut geeignet (siehe die Bilder). Die wählte ich aus, damit wir da künftig unsere Vorträge halten könnten (die Wohnung in der Lüneburger Straße wurde später von Matthias bewohnt und war nicht so gut geeignet). Bernhard aber setzte sich in der Hütte nie hin, die Holzbänke waren ihm zu unsauber. Am 24. 2. 1984 erschien dann in der Bild-Berlin ein Artikel „Sektenpfarrer warnt or Heiden: Mit Bier und Runenorakel – Opferfest am Teufelsberg“ (siehe hier den Artikel im Faksimile). Der Artikel bezog sich auf einen Vortrag von Sektenpfarrer Gandow in der Urania, wo auch viele Heiden gekommen waren. Jedenfalls wurde diese Hütte kurze Zeit später abgerissen.

Mein erstes Fest, das ich für die Gemeinschaft leitete, fand am 12. 11. 1983 an der Blanken Helle statt, es war das Winternacht-Fest.

Ich half nun mit das Vortragsprogramm "Germanisches Heidentum in Berlin" zu machen und tippte die Vorträge dafür mit der Fraktur-Schreibmaschine ab. Den Entwurf gab ich Matthias, doch der setzte später ohne mein Wissen handschriftlich ariosophische Vorträge (über die „Menschenrassen“ oder Lesung aus den Werken von Guido von List) mit auf das Programm und druckte und versendete es selbst. So stand mein Name unter derartigen Vorträgen, was mir später sehr geschadet hatte, dabei war ich daran völlig unschuldig. Auch hatte Matthias Werbung für den Armanen-Orden mit auf das Programm kopiert. In einer nichteingetragenen und nicht von einer Satzung geregelten Gruppe kann so etwas passieren. Das war ein weiterer Grund für mich, daß endlich ein Verein gegründet werden muß, aber es gelang mir nicht, die 7 notwendigen Gründungsmitglieder zusammenzubekommen. Wir waren zwar schon mehrere Personen (durch meine Inserate), aber die kamen nie alle zusammen und die meisten wollten wohl auch keinen Verein. Dann verabredeten wir uns 1983 zu einer Gründung, in der Wohnung von Matthias (nicht die Wohnung von Harald Schmidt, sondern eine Wohnung in der Mindener Straße). Es kamen 4 Personen: Matthias, Bernhard, ich und ein Herr Tamm. Wir besprachen unsere Ziele und wie es mit der Gründung gehen sollte. Herr Tamm war ein Ableuchter, den uns der Journalist Jochen Maes geschickt hatte. Tamm hatte ein 10seitiges Gedächtnisprotokoll über das Treffen verfaßt, was der Journalist Maes 1988 an die Öffentlichkeit lanzierte, als wir bei den Berliner Grünen gewesen waren. Darin war die Wohnung genau beschrieben und zu jeder Person eine Seite Einschätzung. Ich war danach die „Graue Eminenz“ der Gruppe.

Wir holten schließlich die nötigen Unterschriften einzeln ein, indem wir immer wenn einer gekommen war, ihn gleich unterschreiben ließen. Doch dann überlegten es sich Matthias und Bernhard anders und zogen ihre Unterschriften wieder zurück. Die Armanenleitung hatte ihnen gesagt, daß die Armanen ja auch kein Verein wären und das ginge auch. Da war die Gründung erstmal wieder um 2 Jahre verschoben. Inzwischen kam auch Michael Pflanz hinzu, der Bernhard im Museumsdorf Düppel an seinem Thorshammer als Heiden erkannt hatte und man war ins Gespräch gekommen. Michael Pflanz ließ sich von meinen Vereinsplänen überzeugen, denn er wollte Lehrer werden und dazu mußte für den Staat durchsichtig sein, was wir machen wollten. Aber weil nun Matthias und Bernhard fehlten, ließen wir die Gründung ersteinmal ruhen. Als es dann Streit mit Matthias gab, weil wir alle uns als „rechts“ bekannten Adressen gegen seinen Willen aus der Programmkartei nahmen, und er ein Programm unter dem Namen „Heidnische Gemeinschaft“ herausbrachte, ohne mich und die anderen zu fragen, auch das Zeichen, das ich für die HG ausgewählt und seit 1983 verwendet hatte, das "Triglavsymbol", durch die "Irminsul" ersetzt hatte, gründete ich mit den Freunden nun endlich die „Heidnische Gemeinschaft“ als gemeinnützigen eingetragenen Verein. Ich hatte sie erst „Heidnische Glaubensgemeinschaft“ nennen wollen, aber Heiden der Artgemeinschaft hatten Michael davon überzeugt, das klinge zu christlich, „Glauben“ heiße nicht „Wissen“ und Heiden glaubten nicht, sondern „wissen“. Die gleiche Gruppe, die hier so vehement gegen unsern Namen anredete, hatte Jahre später kein Problem damit, sich im Untertitel „Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“ zu nennen. Wir wollten mit anderen Gruppen harmonieren, und so nannte ich die Gemeinschaft „Heidnische Gemeinschaft“ (HG). „Germanisch“ konnte man sich 1985 noch nicht nennen, aber von der Germanischen Glaubens-Gemeinschaft hatten wir natürlich schon gehört, allein durch die vorhandenen Bücher, z. B. Alarichs „Germanische Glaubenslehre für den Unterricht“.

Irgendwann kam der Bruder unseres Mitgliedes Uwe Menz, nämlich Bernd Menz zu einem Vortrag und warb dort dafür, daß wir als naturverbundene und naturachtende Menschen doch bei den Grünen eintreten könnten, da unsere Ziele doch identisch seien. Das fanden wir eine gute Idee und so wurden einige von uns (Matthias, Bernhard, Michael und ich) Mitglieder im Grünen Landesverband Berlin. Ich persönlich erhoffte mir mit diesem Schritt auch, das Heidentum von dem rechten Image zu befreien. Wir hatten uns soweit wieder mit den beiden Armanen vertragen und konnten wieder gemeinsame Veranstaltungen durchführen.

Bei den Grünen kamen wir aber ahnungslos in eine ganz andern Konflikt: Die Bundesgrünen waren für Gewaltfreiheit, die Berliner „Alternative Liste“ (AL) aber hatte bewußt auf Gewaltfreiheit verzichtet. Der Grüne Landesverband war von der AL gegründet worden, damit die von ihr in die Bundesgremien delegierten Vertreter offiziell auch „Grüne“ werden konnten, denn die Bundesgrünen waren mit der AL nicht identisch. Dieser Landesverband entwickelte nun aber ein Eigenleben, indem sich dort bürgerliche und gewaltfreie Grüne sammelten, denen die AL nicht zugesagt hatte. Der Landesverband hatte 150 Mitglieder, die AL hatte über 2000. Um den Status als Partei nicht zu verlieren, verlangte das Gesetz alle 8 Jahre (glaube ich) die Teilnahme an einer Wahl. Deswegen stellten sich die Grünen des Landesverbandes zur Berliner Wahl. Das bedeutete aber natürlich eine Konkurrenz zur AL, die nun alles versuchte, um den ungeliebten Landesverband aufzulösen oder die Arbeit zu boykottieren. Daß sie dabei auch sehr unfair und gar nicht „alternativ“ vorgingen, war eine wichtige Lehre für mein Leben. Man fing an, einzelne Mitglieder des Rechtsextremismus zu bezichtigen und diese Anklagen startete man über Zeitungen (Stern, Spiegel usw.) und nicht durch offene und ehrliche Diskussion. Die angeblichen Rechtsextremisten dienten als Vorwand, den ganzen Landesverband auflösen zu können. Grüne vom Bundesvorstand kamen nach Berlin und wollten dem Landesverband verbieten, die Wahlunterlagen beim Wahlleiter abzugeben. Nur dadurch, daß unser Vorsitzender nicht erreichbar war, konnten wir es verhindern. In diesem Zusammenhang hatte sich auch Jutta Ditfurth sehr übel und intrigant verhalten: Unser Vertreter W. D. Neupert reiste zum Bundesvorstand und erklärte, warum es unsern Landesverband gab und was wir wollten, auch daß es da gar keine Neonazis gibt. Er mußte dann den Raum verlassen und die lieben Bundesgrünen sind auf seine Argumente mit keinem Wort eingegangen, sondern diskutierten nur, mit welchen satzungsmäßigen Tricks es ihnen gelingen könnte, den Landesverband aufzulösen. Einer dieser Tricks war, daß sie erst den Landesverband auflösen wollten, und dann die Einzelfälle vor dem Schiedsgericht behandeln wollten. Das bedeutet im Klartext: Mit der Begründung, der Landesverband sei rechtsextrem unterwandert, wird er aufgelöst. Danach wird erst in jedem Einzelfall nachgesehen, ob es wirklich Rechtsextremisten waren. Selbst wenn sich dann herausstellt, daß es solche nicht gab, ist dann der Landesverband längst aufgelöst. Heute erblödet sich Jutta Ditfurth nicht, in Talkshows für glaubwürdige und ehrliche Politik zu werben, damals war Sie eine der fiesesten Intrigantinnen gegen unsern Landesverband, wie Rechtsanwalt Wolf-Dieter Neupert festgestellt und uns berichtet hatte.

Ohne Rücksicht auf uns hatte man eine Politik des Rufmordes betrieben, um die mitgliederstarke AL zum Landesverband der Grünen werden zu lassen und den Grünen Landesverband auflösen zu können. Daß die Auflösung eines ganzen Landesverbandes durch den Bundesverband (Bundesvorstand) der Grünen nun alles andere als basisdemokratisch war, sei am Rande erwähnt. Basisdemokratie heißt nämlich, daß die Basis entscheidet, nicht irgendein Vorstand, irgendeine Obrigkeit.

Der Landesverband wurde also aufgelöst und ich wurde für ein Jahr aus der Partei ausgeschlossen, Matthias, Bernhard und Michael kamen der Entscheidung durch Austritt zuvor. Es war eine Verfolgung wegen unserer heidnischen Religion. Nach dem Jahr aber war der Landesverband nicht mehr da, in den ich nun hätte zurückkehren können. Also ging ich zur AL und erklärte dort meinen Beitritt. Damals war es in der AL so, daß laut Satzung jeder Mitglied ist, der schriftlich seinen Beitritt erklärt hatte. Doch bei mir sollte das nun plötzlich nicht mehr gelten, man wollte mich nicht und betrieb Mobbing. Mein Beitritt wurde ignoriert und danach schnell die Satzung geändert: Nun konnten Mitglieder abgelehnt werden, und das wendete man rückwirkend auf mich an: Ich wurde nicht aufgenommen und der Delegiertenrat diskutierte meinen Fall; hier konnte ich immerhin auch Stellung nehmen. Am Ende hieß es zwar, ich würde nicht als Rechtsextremist gelten, hätte aber durch meine Gemeinschaft (die HG) eben eher Kontakt zu solchen Leuten und könne deswegen nicht in die AL eintreten. Damit wurde mir das Grundrecht auf politische Mitwirkung, was in einer Demokratie selbstverständlich sein sollte, nur wegen meiner heidnischen Religion genommen. Aber ich war am Ende doch schlauer und überlistete diese AL. Denn nach der Wende gab es ja die Grünen/AL und das Bündnis90 aus dem Osten. Es war im Gespräch, beide Parteien zu vereinigen. Ich trat also schnell in das Bündnis90 ein, und als die Vereinigung war, mußten sie mich in der neuen Gesamtpartei natürlich übernehmen.

Ich bin erst unter Protest ausgetreten, als die "pazifistischen" Grünen mit in der Regierung saßen und für den Kosovo-Krieg gestimmt hatten. Solche deutlichen Brüche von Wahlversprechen waren für mich nicht hinnehmbar.

Im Jahre 1989 legte ich vor dem Gemeinschaftsrat der Heidnischen Gemeinschaft die Prüfung zum Goden ab, auch Uwe Ecker folgte mir kurz darauf. Nach bestandener Prüfung und erneuter Wahl durch die Thingleute war noch die rituelle Weihe durch drei heidnische Priester nötig. Da es nun aber noch gar keine Goden gab, auf die wir hätten zurückgreifen können, mußten wir Ritualleiter anderer heidnischer Richtungen nehmen, und zwar den Wicca Aragorn, den Druiden Arienvey und Hermine Sigrun. Das Ritual selbst war aber von uns in altheidnischer Tradition rekonstruiert.

1990 hörten wir durch den Heidentratsch, daß der Neonazi Arnulf Winfried Priem die „Germanische Glaubens-Gemeinschaft“ (GGG) reaktivieren wollte, denn es soll da noch alte, wertvolle Bücher gegeben haben, die der GGG gehörten und die er so in den eigenen Besitz bekommen wollte. Da die GGG bei uns einen guten Ruf hatte, wollten wir es nicht zulassen, daß sie in die Hand eines Neonazis fällt. Deswegen wollten wir dem Priem zuvorkommen. Ich recherchierte mit Unterstützung von Dr. Odfried Jungklaaß die alte Verfassung der GGG, suchte die alten Mitglieder und den letzten Vorsitzenden, Ludwig Dessel. Er unterstützte unsere Aktion, die GGG zu reaktivieren, aktiv. Leider ließ sich das Vereinsgericht in Wuppertal nicht darauf ein, die Löschung des Vereins von 1964 wieder zu röten (rückgängig zu machen). Deswegen ließen wir die GGG mit der gering geänderten alten Verfassung in Berlin neu eintragen. Immer wieder wird die Frage gestellt, ob unsere GGG nun mit der alten GGG identisch ist, oder nicht. Wir sagen, daß sie identisch ist, denn die GGG war nie an eine bestimmte Vereinseintragung gebunden, war zeitweilig sogar in mehreren Vereinsgerichten gleichzeitig oder auch (1907 bis 1924) gar nicht eingetragen und existierte als nichteingetragene Gruppe auch nach der Löschung 1964. In den 80er Jahren unterschrieb die GGG einen Aufruf gegen politische Vereinnahmung des Heidentums durch politische Extremisten, den man im Buche von Sektenpfarrer Friedrich-Wilhelm Haack, „Wotans Wiederkehr“ finden kann. Unsere GGG ist also mit der alten GGG identisch. Juristisch aber hat unser Verein „GGG e. V.“ eine andere Registernummer, als der Verein vor 1964. Wenn wir also als „GGG e. V.“ auftreten, sind wir juristisch nicht mit dem e. V. von früher identisch, als Gemeinschaft „GGG“ aber entsprechen wir voll der alten GGG. Das Recht dazu haben wir auch dadurch, daß der letzte gewählte Vorsitzende der (alten) GGG e. V. unsere (neue) GGG e. V. unterstützt hat und die Altmitglieder werden bei uns weiterhin beitragsfrei geführt. Wir führen auch das Original Protokollbuch weiter und haben die Mitgliederkartei der (alten) GGG übernommen.

Inhaltlich hatte sich nichts zur HG geändert, in der GGG betrieben wir auch und ausschließlich das "überlieferte, und durch wissenschaftliche und eigene Forschungen erschlossene germanische Heidentum".

Nachdem unsere Gründung, die man besser Reaktivierung nennen sollte, 1991 erfolgt war, erfuhren wir, daß der Neonazi Priem gar nicht die GGG neuaktivieren wollte, sondern die „Nordische Glaubensgemeinschaft“ (NGG).

Nun, 1991 begann zuerst der Streit mit der rechtsextremen „Artgemeinschaft“. Sie war 1956 gegründet worden und war damals eine Konkurrenz zur GGG und mitverantwortlich, daß die damalige GGG Mitglieder verloren hat. Sie nannte sich vollständig „Die Artgemeinschaft e. V.“ und hatte einen inoffiziellen Untertitel: „Glaubensbund wesensgemäßer Daseinsgestaltung“. 1990 wollte man diesen Untertitel auch zum offiziellen eingetragenen Vereinsnamen aufnehmen und besprach das auf der Mitgliederversammlung. Da schlug jemand vor, stattdessen doch den Untertitel „Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“ anzunehmen, was dann auch getan wurde. Als die nun erfuhren, daß wir gerade die GGG reaktiviert hatten, führte das zu einer Klage der Artgemeinschaft gegen uns, wir dürften den Namen nicht verwenden. Diese Klage haben wir aber in zwei Instanzen gewonnen, aber bis heute gibt es Verwechselungen zwischen unser GGG und der „AG-GGG“ zumal diese ihren Untertitel immer unzulässig verkürzt. Nach dem Tode des Vorsitzenden der „Artgemeinschaft“, Jürgen Rieger, hatten wir die Hoffnung, daß der neue Vorstand vielleicht den Untertitel ändert und unseren Namen aufgibt. Bisher gab es aber noch keine Reaktion auf unsere Anfrage.

Grund für unsere Reaktivierung war also in erster Linie, die Übernahme einer bei uns in gutem Ruf stehenden Gemeinschaft durch Neonazis zu verhindern. Ergebnis war, daß wir nun zwei Vereine (GGG und HG) hatten. Deswegen planten wir, die GGG als überregionale Gemeinschaft zu nutzen, die HG aber als Landesgemeinde für Berlin-Brandenburg. Aber in der HG waren einzelne Mitglieder von diesem Plan nicht überzeugt und wollten ersteinmal mehr Informationen über die GGG haben. Dafür habe ich ab 1991 die alte Zeitschrift der GGG, „Germanen-Glaube“ produziert, mit 4 oder 6 Nummern pro Jahr. Von Anfang an hatten wir in der HG einen „Godenrat“ vorgesehen, in welchem die gewählten und geprüften Goden (Priester) sitzen sollten und inhaltliche Dinge regeln (das war u. a. im Heft "Die Godenprüfung" vorgesehen). Der Godenrat existierte als Godenrat der HG ab 1989, mit mir als geprüftem und geweihtem Goden und Uwe Ecker als lediglich geprüftem Goden (seine Weihe erhielt er Anfang 1990). Als wir die GGG reaktivierten und in Berlin neu eintragen ließen, änderten wir in der Verfassung der GGG den „Ältestenrat“ in einen „Godenrat“ um. Natürlich war dieser Godenrat vereinsunabhängig gedacht, denn die Goden der HG sollten selbstverständlich auch darin Sitz und Stimme haben. Beide Vereine sahen sich ja als Teil einer einzigen Gemeinschaft und auch die Mitglieder in Berlin gehörten beiden Vereinigungen an. Die GGG war als Dachverband konzipiert worden. Da wir ab 1989 erst drei Goden ausgebildet, geprüft und geweiht hatten, und natürlich wußten, daß es nicht allzuviel Goden geben wird, haben wir von Anfang an die Vorstände beider Vereine mit beratender Stimme mit in den Godenrat genommen, und auch Anwärter für die Godenschaft waren zugelassen. Der Godenrat wählte mich 1991 zu seinem Vorsitzenden und ab 1992 haben wir dieses Amt und weitere gemäß eines Thingbeschlusses mit germanischen Bezeichnungen benannt. Aus dem „Vorsitzenden des Godenrates“ wurde so der "Allsherjargode", aus dem Vorsitzenden des Gemeinschaftsrates wurde der "Lagmann" bzw. die "Lagkona".

Nach einem tätlichen Angriff auf mich durch den Goden Uwe aus gekränkter Eitelkeit heraus war es zu einem Streit gekommen und in dessen Folge trennten sich beide Gemeinschaften. Es war sowieso nicht mehrheitsfähig in der HG, sich zu einer Landesgemeinde der GGG zu erklären. Somit waren unsere zwei Vereine nicht mehr Teile einer einzigen Gemeinschaft, sondern unabhängig. Die Doppelmitglieder mußten nun auch ihre Beiträge in beide Gemeinschaften zahlen und die in der GGG verankerte Forderung, daß man in keiner anderen Religionsgemeinschaft Mitglied sein darf, wenn man in der GGG ist, mußten wir nun durchsetzen. Ich wählte die guten Mitglieder für die GGG aus, also jene, die wirklich Heiden sind und auch zu den Festen gekommen waren, die anderen ließ ich in der HG. Inhaltlich aber waren beide Gemeinschaften immer noch völlig identisch, die HG hatte auch nie ihre Beteiligung am Godenrat gekündigt, aber auch nicht mehr Interesse dafür gezeigt. Hier wurde ein Beamter Vorsitzender, der seinen Posten mit allen Mitteln halten wollte und sich eine Konkurrenz durch ausgebildete Goden ersparen wollte. Denn in der HG war es so geregelt, daß die Feste nur von den Goden geleitet werden sollten, und nur wenn keine richtigen Goden da sind (weil sie z. B. ausgetreten sind), dann sollte das der lediglich gewählte, aber nicht ausgebildete Vorsitzende machen. Dieser Vorsitzende wollte nun sein Amt als Festleiter nicht einem Goden abgeben und deswegen lehnte er die Goden und den Godenrat ab.

Beide Gemeinschaften gingen nun ihren eigenen Weg. Aus den drei Gründern (Matthias, Bernhard und mir) waren nun in 10 Jahren mehrere Gemeinschaften (Gemeinschaft für heidnisches Leben mit der Zeitschrift „Der Hain“, Heidnische Gemeinschaft mit der Zeitschrift „Der Runenstein“ und Germanische Glaubens-Gemeinschaft mit der Zeitschrift „Germanen-Glaube“) geworden. Auch gab es einen „Nebelwald Coven“ von Lotan (Michael Frantz) betrieben, der aus unserer magischen Arbeitsgruppe hervorgegangen war und dann in eine Hexenschule überging. Insofern war es insgesamt betrachtet eine produktive Zeit, damals. Es gab aber mehrere Rechtsstreite, weil meine Schriften („Germanische Reihe“) illegal nachgedruckt worden waren und meine Lieder in einem Liederbuch gleichfalls ohne Genehmigung nachgedruckt worden waren.

Die weiteren Streitereien finden sich im Internet. Diese jüngere Geschichte werde ich zu einem späteren Zeitpunkt darstellen.

© Allsherjargode Geza v. Nahodyl Nemenyi