Aufgaben der Goden 

 

Wenn wir uns die zitierten und weitere Überlieferungen zum germanischen Priesterwesen ansehen, dann können wir die folgenden Aufgaben ableiten:

  •  Leitung eines Heiligtums oder Tempels, d. h. regelmäßiges Ausrichten und Feiern der Jahres- und Lebensfeste darin;
  • Unterhaltung des Heiligtums oder Tempels, d. h. Reinigung und Wartung des Tempelgebäudes, Beschaffung und Wartung der heiligen Gerätschaften;
  • Leitung der Jahresþinge, was Kenntnisse im Rechtswesen voraussetzt, Unterstützung der eigenen Leute (Þingmannen) auf dem Þing;
  •  Fahrt zum Alþing und Teilnahme daran in der Lögretta, Mitwirken bei Priesterinitiationen;
  • Durchführung der Götterbefragungen während oder außerhalb der Blóts;
  • Unterrichtung von Hilfspriestern und Godenanwärtern;
  • Unterrichtung und Unterweisung der Mitglieder der eigenen Kultgemeinde (Þingmannen);
  • Leitung von heidnischen Initiationen in die eigene Kultgemeinde;
  • Einnahme des Hoftollr (Tempelzolls, Þingabgabe).  
     

     

 Der Allsherjargode bei der Leitung eines Blóts.

 

Dies sind wohl die wichtigsten Aufgaben der Goden, die wir aus den Quellen eindeutig ableiten können. Sie setzen umfangreiche Kenntnisse voraus, und zwar Kenntnisse der Glaubenslehren (also u. a. Namen und Bedeutungen der Gottheiten, Geisterglaube, Vorstellungen von Tod, Jenseits, Wiedergeburt, Schicksal, Weltbeschaffenheit, Sinn des Lebens), Kenntnisse der Mythen (Göttermythen, Heldenmythen, Schöpfungs-, Untergangsmythen, mythische Bilder und ihre Deutung), Kenntnisse des Kalenders (Bestimmung der Jahresfesttermine), Kenntnisse der Riten und Bräuche (die Jahresfeste und die Lebensfeste, rituelle Texte wie Anrufungen, Opfersprüche und -hymnen), Götterbefragung (Runenkunde, Runenbedeutung und Loswerfen) und Kenntnisse des Rechts (Þingleitung). Alle diese Kenntnisse setzen eine umfangreiche Ausbildung voraus und können nicht durch einfache Wahl zum Goden erworben werden. Und selbstverständlich reicht es nicht aus, bestimmte Riten der Form nach genau durchzuführen, man muß ihren höheren Sinn auch verstanden haben.

Von einem germanischen Priester wurde nicht nur verlangt, daß er die Riten, Bräuche, Weihehandlungen, Anrufungsformeln oder Rechtstexte kennt, es gibt auch Hinweise darauf, daß er einem ganz bestimmten Lebenswandel und Reinheitsgeboten verpflichtet war.

 

 

 

Opferzeremonie vor einem Götterbild am heiligen Baum.


 

 
 

Der römische Priester bei einem Ritual mit Géza v. Nahodyl Neményi.

 

 

Géza v. Nahodyl Neményi zusammen mit dem Priester der römischen Heiden.

 

 

Richtlinien für Goden

 

Das traditionelle Heidentum geht davon aus, daß Goden (immer auch weiblich gemeint) wenn sie in der überlieferten Weise eingesetzt sind, eine besondere spirituelle Kraft besitzen. Diese besondere Kraft entsteht dadurch, daß die folgenden drei Voraussetzungen erfüllt werden:

1. Weihe durch einen in gleicher Art eingesetzten und lebenden Allsherjargoden (oder drei Diar) und damit Kraftübertragung,
2. Regelmäßiges Feiern der Feste und damit Herstellung einer Verbindung zu den Göttern und Aufnahme von Götterkräften,
3. Beachtung eines besonderen Lebenswandels und Leben nach den Regeln der Götter.

Wenn einer oder mehrere dieser Punkte nicht eingehalten werden, dann ist davon auszugehen, daß die besondere Kraft nicht vorhanden ist.

Als Gode geweiht kann nur werden, wer eine Initiation vollzogen hat (Vorbedingung) und dem Lehrstand oder Adel angehört (wird durch das Horoskop festgestellt). Anwärter, die Neidingstaten begehen oder begangen haben, können nicht Gode werden. Nach der Ausbildung findet eine Godenprüfung (Wissensprüfung) statt, die bestanden werden muß, danach erfolgt die Weihezeremonie durch den Allsherjargoden oder drei Diar. Damit ist der Anwärter Gode, zur Übernahme eines Goðorð (Godengebiet, Gemeinde) ist noch eine Wahlbestätigung durch die Heiden dieses Gebietes notwendig.

Also zusammengefaßt: Gode ist, wer die Vorbedingungen erfüllt und eine Prüfung, Weihe und Wahl hat.

© 2014 Allsherjargode Géza v. Nahodyl Neményi