Bei dem folgendenden Arikel handelt es sich um urheberrechtlich geschütztes Material des Allsherjargoden Géza v. Nahodyl Neményi, des obersten altheidnischen Priesters in Deutschland. Nachdruck, auf Internetseiten oder Server setzen und jegliche andere Verwendung sind ohne Genehmigung untersagt und werden zivilrechtlich verfolgt. Hier geht es zur Startseite.

 

Bragi und Iðunn

 

Bragi ist der Gott der Beredtsamkeit und Dichtkunst, der weiseste unter den Asen. Óðinn übergab jedem der Götter irgendeine Eigenschaft, welche derselbe wieder an seine Lieblinge verleihen kann, so Þórr die Stärke, der Freyja die Liebe, dem Baldr die Schönheit und dem Bragi den begeisternden Dichtermet. Nun bewahrt Bragi denselben, spendet ihn aber nur an wenig Erlesene, macht aber selbst häufig Gebrauch davon, so daß seinem Munde kein geistloses Wort ent flieht, und alles, was er sagt, Weisheit im Gewande der Schönheit ist.

 

Bragi ist ein Sohn Óðins, es wurde vermutet, daß Bragi von Óðinn mit Gunnlöð gezeugt wurde, als Óðinn den Óðrœrir-Met erwarb. Dann wurde Bragi vom grimmen Suttung in einem Schiff dem Meere übergeben, um den Nachkommen des verhaßten Asenkönigs aus dem Leben zu tilgen. Ein altes, dunkles Skaldenlied erzählt, daß Bragi auf einem Zwergenschiff schlafend im großen Meere lag. Als das Schiff an der Schwelle des Zwerges Náinn (Tod) vorüberglitt, da erwachte Bragi und sang ein Lied, daß durch die neun Welten schallte. Als der Gott an Land stieg, erblickte er die Tochter des Zwergenvaters Ivaldis, Iðunn, die er mit diesem Liede für sich gewann und mit der er gen Asgarðr zog.

Grundlage dieser Erzählung sind zwei Strophen des Egill Skallagrimsson, nämlich Str. 2 und 3 aus dem Liede Sónatorrek (Klagelied über das Ertrinken der beiden Söhne Egils). Sie lauten:

Nicht leicht strömt - Kummer macht dies,
schwer Lastenden - aus des Denkens Stätte
willkommener Fund von Friggs Gesippen,
voreinst gebracht aus Jötunheim.

Ohne Fehl war Nachens Bragi,
draußen blieb er auf nacktem Fels
Riesenhalses Wunden rauschen
vor der Verwandten Náins Bootshaustoren.

Des „Denkens Stätte“ ist das Haupt des Dichters, der Fund von Friggs Gesippen, nämlich Óðins, ist der Raub des Óðrœrirmetes (Dichtermets) durch den Gott. In den Strophen ist vom Raub des Dichtermets durch Óðinn die Rede, wobei der fehllose Bragi auflebte. Soll damit die Geburt Bragis an dieses Ereignis (Raub des Mets) geknüpft werden? Strophe 3 beginnt im Original:

»lastalauss es lifnaþe á nockvers nökkva Brage«.

Statt dem Begriff „nockvers“ vermutet Sophus Bugge ein verderbtes „nóttvers“ (Nachtaufenthalt) und die Zeile »a nóttvers nökkva“ wäre dann ein Kenningar mit der Bedeutung „im Bett“. Daß in dreinächtiger Liebesvereinigung von Óðinn mit Gunnlöð, der Wächterin des Dichtermets, kein Nachkomme erzeugt worden sein sollte, wäre höchst unwahrscheinlich, da Óðinn auch für Fruchtbarkeit zuständig ist. In den Hávamál 110 heißt es, daß Óðinn Gunnlöð „sich grämen“ ließ, dies kann ein versteckter Hinweis auf ein Kind sein, und ein solches Kind der Hüterin des Dichtermets und des Gewinners dieses Mets muß natürlich selbst ein begabter Dichter sein. Und selbstverständlich wird der Sohn des Gottes von Suttung, dem eigentlichen Besitzer des Metes, verstoßen worden sein.

Heute wird die dunkle Strophe 3 des Sonatorrek meist auf einen der verstorbenen Söhne des Egil gedeutet. Danach wäre „Nachens Bragi“ ein Seefahrer, nämlich der tote Sohn Böðvar, den Kenningar „Riesenhalses Wunden rauschten“ bezieht man auf den aus dem Halse blutenden Urriesen Ymir, Ymirs Blut aber ist das Meer. „Vor der Verwandten Náins Bootshaustoren“ deutet man als eine Felsenküste mit spitzen, torähnlichen Auswaschungen. Náinn ist ein Zwerg, seine Verwandten sind die im Felsen hausenden Zwerge.

 

Abb. Iðunn reicht den Göttern von den Äpfeln. J. Penrose, um 1890.

 

Iðunn, Bragis Frau, wird in der Lokasenna 17 weißarmig genannt, ein germanisches Schönheitsideal, sie ist die jüngste von Ivaldis älteren Kindern. In Grímnismál 43 und Gylfaginning 43 heißt es, daß Ivaldis Söhne das Schiff Skiðblaðnir schufen. In den Skáldskaparmál 35 machen die Zwerge, die Ivaldis Söhne genannt werden, auch noch Sífs Goldhaar und Óðins Speer Gungnir. Ivaldi wird als *iwa-waldan (in der Eibe waltend) gedeutet, ein Zusammenhang mit den Iviðjar (die im Walde hausenden), den Waldgeistern scheint nahezuliegen, denn Iðunn verkörpert auch das Grün der Bäume.

Der Name Iðunn bedeutet Erneuerung, Verjüngung, er ist auch als Frauenname auf Island bezeugt. Die alten deutschen Frauennamen Ida, Idaberga, Iduberga, Idburg, Idfrida, Iken, Idda, Itta, Itte und Ite haben einen Bezug zur Göttin Iðunn. Die Namensform „Iduna“ ist übrigens vertrauliche Koseform für „Iðunn“ und sollte daher von uns nicht verwendet werden. Die älteste Erwähnung der Göttin Iðunn findet sich als Runeninschrift auf einem Schnallenrahmen von Weimar, Thüringen, vom Ende des 5. bis Anfang des 6. Jh. Sie lautet:

»ida:bigina:hahwar:|:awimund:isd:leob:|idun« (= 33)

Übersetzung:

„Ida, Bigina, Hahwar, Awimund, Isdag, Liebes-Iðunn“.

Wahrscheinlich soll die Göttin Iðunn den fünf aufgezählten Personen Liebes zuteil werden lassen.

 

Abb. Þjazi in Adlergestalt raubt Iðunn. Giovanni Caselli 1978 (© Eurobook Ltd.).

 

Eine weitere frühere Erwähnung findet sich in Þjóðólfs ór Hvinis Skáldengedicht Haustlöng (in der Jüngeren Edda erhalten), das um 900 verfaßt wurde und den Mythos nacherzählt, wie Iðunn vom Riesen Þjazi geraubt wurde. Auch Bragerœður behandelt den Mythos. Die Asen, Óðinn, Loki und Hœnir wollen sich unterwegs einen Ochsen braten und werden von Þjazi in Adlersgestalt daran gehindert. Er erzwingt sich einen Anteil am Braten, nimmt aber so viel Fleisch, daß Loki ihn mit einer Stange erschlagen will. Der Adler schleift Loki über Stock und Stein und Loki bittet um Gnade. Diese gewährt Þjazi unter der Bedingung, daß Loki ihm Iðuns jugendspendende Äpfel verschafft. Mithilfe ähnlicher Äpfel lockt Loki Iðunn aus Asgarð und diese wird von Þjazi in Adlersgestalt geraubt. Die Asen beginnen zu altern und zwingen Loki, Iðunn wiederzuholen. Mit Hilfe von Freyjas Falkengewand trägt er die in eine Nuß (nach einer Handschrift auch eine Schwalbe) verwandelte Göttin zurück, verfolgt von Þjazi, den die Asen durch Feuer zum Absturz bringen und innerhalb Asgarðs erschlagen. Skáði, Þjazis Tochter kommt nach Asgarð und fordert für ihren Vater Buße. Interessant ist, daß Iðuns Äpfel gar nicht mehr erwähnt werden; sie wurden wahrscheinlich mit Iðunn zusammen in eine Nuß bzw. Schwalbe verwandelt. Der Mythos zeigt sein Alter dadurch, daß weder auf Island noch in Norwegen Äpfel vorkommen, von einzelnen Anpflanzungen in Klostergärten abgesehen. Äpfel kommen dafür aber in anderen Mythen vor. In der Merlinssage finden sich Äpfel, von deren Essen oder Anbiß Leben, Tod und Verwandlung abhängen. In der Fortunatussage geben Äpfel Hörner und nehmen sie wieder. Die irische Sage, wonach drei Brüder in Falkengestalt die Wunderäpfel Hisbernas rauben, von den Töchtern eines Königs in Greifengestalt verfolgt, und entkommen, scheint schon antiken Einfluß zu haben, denn der Name Hisbernas erinnert doch stark an die Äpfel der Hesperiden, die den Apfelbaum mit goldenen Äpfeln der Hera bewachen. Auch Demeter trägt Äpfel im Malophoros-Tempel und Aphrodite hat den Apfel als Attribut. Von Hera ist die Heva oder Eva des Paradieses als Apfelhüterln abgeleitet. In der Völsunga saga finden wir einen Apfel als Fruchtbarkeitssymbol, und die celtische jenseitsinsel „Avalon“ (Apfelinsel) hat Apfelbäume, die den Verstorbenen Jugend und Leben im Jenseits garantieren.

Auch in den Märchen finden sich häufig Äpfel, z. B. Schneewittchen, Frau Holle oder Vom goldenen Vogel. In Skirnisför 19 werden elf goldene Äpfel genannt; es wurde daher von Mythologen vermutet, daß diese die Vorlage für Iðuns Äpfel waren und daß Iðunn eine von der Frigg oder Freyja abgeleitete Gottheit sei. Dies ist eine haltlose Spekulation, denn der Mythos vom Raube der Iðunn wird in vielen nordischen Balladen besungen. In einer schottischen Ballade war der Riese Hind im Besitze eines Fruchtbaumes und Iðunn pflückt und beraubt den Baum. Da bindet der Riese sie an den Baum fest, dann aber reißt er den Baum mit den Wurzeln aus und setzt sie in dem tiefen Erdloche gefangen. In Vogelgestalt wird Iðunn wieder befreit. Der Name „Eschenvöglein“ im Märchen wurde zu Aschenputtel, der mythische Eschenbaum gibt die Gewänder und den Schmuck für Eschenvöglein-Aschenputtel. Mit Asche oder - in einem andern Märchen - durch Umhängen einer Tierhaut macht sich das Mädchen unkenntlich, wie das der Iðunn umgehängte Wolfsfell im Hráfnagaldr als Symbol des Winters. Verwandt ist auch die Sage der hl. Kümmernis, der auf ihr Gebet ein Bart wächst, der sie unkenntlich macht, damit der ungeliebte Freier sie verschmähe. Dieser läßt sie ans Kreuz schlagen. Ein treuer Spielmann folgt ihr und läßt zu ihrer Ermutigung seine Weisen erklingen. Dafür wirft sie Ihm einen goldenen Schuh hinab, und an diesem wird sie erkannt, als man den Spielmann wegen des vermeintlichen Diebstahls festnimmt. Die Bilder der hl. Kümmernis zeigen vor dem Kreuze einen Becher, dessen Bedeutung als Dichtermet die christliche Legende vergessen hat. Wenn Þjazi als ursprünglicher Hüter der Äpfel oder des Apfelbaumes anzusehen sein sollte, dann paßt dazu auch der Name eines seiner Brüder: Iði. Dieser Name kann als „Verjüngender“ wie der Name der Göttin übersetzt werden. Iði wäre demnach der ursprüngliche Hüter des Baumes. Beider Vater ist der Riese Ölvalði (Bierwalter) und dieser erinnert an die Bezeichnung für Iðunn „ölgefn“ (Biergeberin) im Hráfnagaldr. Elard Hugo Meyer deutete Iðunn deshalb als Göttin des Frühlingsregens und Regenwolke, die vom Sturmwind Þjazi fortgeblasen wird. Nach L. Uhland dagegen ist Iðunn die verjüngende Kraft des wiederkehrenden Lenzes. Finn Magnussen deutete die Äpfel der Iðunn als Sterne, Trautvetter sah in ihnen die Tage, die im Herbst abgebissen, d. h. kürzer werden.

Auch wenn man die wissenschaftliche Literatur über Bragi und Iðunn liest, stößt man immer wieder auf Deutungen, die diese Götter als Erfindungen aus der Zeit Snorri Sturlusons hinstellen. Da wir Altheiden an die Götter glauben, ist es für uns besonders wichtig, über Bragi und lðunn Klarheit zu erhalten, denn an Erfindungen wollen wir nicht glauben.

In einer Strophe der Grettis saga Ásmundarsonar wird Bragi erwähnt, und im Eddalied Ägisdrecka oder Lokasenna (Prosaeinleitung) wird Bragi als Gott und Gemahl der Göttin Iðunn genannt. Wie in den Liedern Eireksmál und Hákonarmál begrüßt hier (Vers 8-14) Bragi die Ankommenden, aber nicht den Loki. Óðinn schließlich bietet Loki einen Platz an, weil er mit ihm in der Urzeit Blutsbrüderschaft geschlossen hatte. Loki seinerseits grüßt nun alle Götter mit Ausnahme des Bragi. Bragi bietet dem Loki Ringe zur Buße für sein unhöfliches Verhalten (Ihn nicht bewillkommnet zu haben) an, doch Loki geht nicht darauf ein und wirft Bragi stattdessen Feigheit vor. Bragi erklärt, daß er nicht kämpfe, weil er in Ägirs Halle sitzt (und somit Gast ist in einer Friedensstätte). Später (Str. 17) wirft Loki der Iðunn vor, den Mörder ihres Bruders zu lieben. Wenn sich dies auf Bragi bezieht, dann wäre Bragi der Töter von Iðuns Bruder. Möglicherweise war der Sohn Þjazis, der Riese Iði, der nach der Legende der Hüter des Apfelbaumes war, der Bruder der Iðunn, und Bragi tötete ihn, als er Iðunn aus seiner Haft befreite.

In den Sigrdrifumál 16 heißt es, daß Runen stehen

»auf des Bären Tatze und auf Bragis Zunge«.

Runen sind ja nicht nur Zauberzeichen, sondern ursprünglich ist eine Rune der geraunte Zauber selbst, d. h. eine Art des kultischen Gesanges. Und natürlich symbolisieren Runen auf der Zunge des Gottes des Wortes und des Skáldengesanges dessen besondere, magische Fähigkeiten auf diesen Gebieten. Möglich ist auch, daß Bragi der Erfinder der Sprache ist. In den Grímnismal 44 schließlich wird Bragi als der Skálden bester erwähnt.

Gerade diese letzteren beiden Erwähnungen des Gottes haben Mythologen (Eugen Mogk, E. O. Gabriel, Turville-Petre) in der Vermutung bestärkt, bei dem Gott Bragi handele es sich um eine Vergöttlichung des ältesten Skálden, dessen Werk wir kennen, des Bragi enn gamli Boddasson (Bragi Boddasson der Alte). Bragi Boddasson wird im Skáldatal (Liste der Skalden) aus dem 12./13. Jh. als Dichter der sagenhaften schwedischen Könige Beli und Björn at Haugi, der mit einem König Bern von Birka identifiziert wurde, bezeichnet. Diesen besuchte der hl. Anskar um 830, so daß Bragi Boddasson in dieser Zeit schon erwachsen gewesen sein muß. Die Egils saga Skallagrímssonar und die Landnámabók dagegen ordnen Bragi Boddasson in Stammbäume, nach denen er zwischen 835 und 900 gelebt haben müßte. Schon 100 Jahre nach seinem Tode soll dieser Skálde zum Dichtergott Bragi vergöttlicht worden sein. Bezeichnenderweise beruft sich Bragi Boddasson in seinen erhaltenen Skáldenstrophen nirgends auf den Gott Bragi, nach dem er benannt ist, sondern immer auf Óðinn allein.

Es ist allerdings eine sehr gewagte Interpretation, hinter Grímnismal 44 oder Sigrdrífumál 16 einen menschlichen Skálden sehen zu wollen. Grímnismal 44 stellt Bragi als besten Dichter neben Óðinn als ersten Ásen oder Yggdrasill als besten Baum. In direkten Zusammenhang mit dem höchsten Gott hat man sicher keinen menschlichen Skálden gestellt, das wäre sehr anmaßend gewesen. Und es wird in dem Vers deutlich zwischen Óðinn und Bragi unterschieden, der Name „Bragi“ kann also kein Beiname Óðins sein. Außerdem gehört das Eddalled Grímnismál zu den ältesten Eddaliedern, es wurde um 1085 von Seæmundr aufgeschrieben, entstand aber viel früher. Auch Sigrdrífumál ist eines der älteren Eddalleder. Die Eddalieder können nicht in oder nach der Zeit der Skálden entstanden sein, da ihre Versarten gegenüber den Versarten der Skáldendichtungen viel älter und archaischer sind. Man vergleiche etwa nur die viel älter wirkenden Eddastrophen mit Skálden strophen z. B. von Egill Skallagrímsson (9. Jh.). Das Eddalied Lokasenna oder Ägisdrekka, in welchem Bragi und Iðunn gleichfalls erwähnt werden, wird von Germanisten als jüngeres Eddallied gedeutet, weil in ihm Loki alle Götter verspottet und man glaubt, daß eine derartige, die Götter abfällig behandelnde Dichtung nur in christlicher Zeit entstanden sein kann.

Dem steht entgegen, daß Spottreden zwischen Göttern z. B. auch aus der indischen Mythologie bekannt sind. Auch im Eddalied Hráfnagaldr Óðins werden Bragi und Iðunn erwähnt, aber dieses Lled ist nur in einer Handschrift des 16. Jhs. erhalten, obwohl es sicher viel älter ist. Es ist sehr dunkel und schwer verständlich.

Der um 1650 lebende Isländer Eirik Hallsson grübelte 20 Jahre über dieses Lied, ohne es zu entschlüsseln. Ein gerade erst gedichtetes zeitgenössisches Lied hätte er sicher leichter deuten können. Es wird darin erzählt, daß Iðunn von der Weltesche herabgesunken ist. Allvater sendet Heimdallr, Loki und Bragi aus, die vorwissend genannte Göttin Iðunn nach den Weltgeschicken zu fragen, doch diese erhalten keine Antworten, schlafbetäubt erscheint die Göttin. Heimdallr und Loki kehren daher um, nur Bragi bleibt bei seiner Frau. Das Lied ist wohl unvollständig erhalten, denn es deutet an, daß eine weitere Fahrt zu Iðunn in die Unterwelt geplant war, und die Titel „Rabenzauber“ oder „Vorhersagelied“ weisen darauf hin, daß es dabei wohl gelang, mithilfe des Rabenzaubers von Iðunn doch noch eine Vorhersage zu erhalten. Iðunn wird hier (unter anderen Namen wie z. B. Urð, Nanna) als Wächterin des Óðrœrir-Mets und „ölgefn“ (Biergeberin) bezeichnet.

Doch zurück zu Bragi. In späterer Zeit (12./13. Jh.) gab es einen Skalden Bragi Hallsson; möglicherweise war die Bezeichnung „Bragi“ eine Art Ehrentitel für Skalden oder auch Häuptlinge, wie ja auch „Rigr“ ein Gottesname Heimdalls und Ehrentitel für Könige ist. So heißt es in Skáldskaparmál Kap. 64, daß ein Sohn Hálfdans des Alten Bragi hieß, von dem die Bragninge abstammten. In Skáldskaparmál Kap. 65 heißt es:

»Bragnar („Gefolgschaft“) waren die Gefolgsleute König Bragis des Alten«.

In den Helgaqviða Hundingsbana önnur (Prosa 5) wird ein Bragi als Bruder des Dagr und Sohn Högnis genannt. Der Name Bragi ist also auch als Name oder Kultname von Helden, Skálden oder Königen bezeugt. Bei Beda und in anderen Quellen tauchen die Frauennamen Bregusvid und Bregosvið, sowie der Männername Bregowine als Kultnamen mit Bezug zu Bragi auf.

In der jüngeren Edda werden Bragi und Iðunn mehrfach erwähnt. In der Gylfaginning 25 ist auch ein Hinweis auf die vom Götternamen „Bragi“ abgeleiteten Kultnamen enthalten:

»Einer [der Asen] heißt Bragi; er ist wegen seiner Weisheit berühmt, besonders aber für seine Redegewandtheit und seine Wortkunst; er weiß am meisten von der Dichtung, und nach ihm wird die Dichtkunst benannt [bragr], und nach ihm wird jemand Dichter [bragr karla] oder Dichterin [bragr kvenna] genannt, wenn er mit Worten geschickter ist als andere. Seine Frau ist Iðunn. Sie verwahrt in ihrer Truhe die Äpfel, welche die Götter verzehren werden, wenn sie altern, dann werden sie alle wieder jung und bleiben es bis zum Ragnarök«.

Im ersten Teil der Skáldskaparmál wird Bragi als Banknachbar des Riesen Ägir genannt, zuvor werden Götter aufgezählt; dieser erste Teil trägt sogar einen auf Bragi deutenden Namen: Bragerœður (Bragis Reden). Bragi erzählt Ägir von den Erlebnissen der Götter. In den Skáldskaparmál 33 wird Bragi als einer der Götter genannt. Hier ist das Eddalied Ägisdrekka nacherzählt. In den Skáldskaparmál Kap. 10 (17) heißt es von Bragi:

»Wie ruft man Bragi an? Man nennt ihn Iðuns Mann, der Dichtkunst Urheber, den Langbärtigen Asen - nach seinem Namen heißt, wer einen großen Bart hat, Bartbragi - und Sohn Óðins«.

Und Skáldskaparmál Kap. 22 lautet:

»Wie ruft man Iðunn an? Man nennt sie Bragis Frau, Verwahrerin der Äpfel, welche ihrerseits „der Asen Altersheilmittel“ [ellilyf] heißen; sie ist auch des Riesen Þiazis Raubesbeute, da er ja, wie erzählt, sie aus Ásgarð raubte«.

Die jüngere Edda und die ältere Edda haben ganz unterschiedliche Vorläufer, und es fällt auf, daß im Lokasenna der älteren Edda wie in der Gylfaginning und Skálsdkaparmál der jüngeren Edda jeweils Bragi als Mann der Iðunn genannt wird. Wenn es sich nur um einen vergöttlichten Dichter gehandelt hätte, dann dürfte man derartige Übereinstimmungen nicht erwarten.

Im germanischen Tyrkreis (Tierkreis), wie er von mir ausgearbeitet wurde, stehen Bragi und Iðunn im Zeichen des Löwen in der Himmelsburg Glaðsheimr. Eigentlich erwartet man zwar Óðinn in Glaðsheimr, wo ja auch Valhöll liegt, aber Óðinn steht im Tyrkreis, wie er in den Grímnismál aufgezählt wird, bereits in Sökqvabekkr mit der Göttin Saga. Der Gott der Dichtung und des Skáldensanges paßt aber dennoch gut nach Glaðsheimr, denn dort leben die verstorbenen Heldenkrieger, die Einherjar, und es ist undenkbar, daß sie dort nicht auch den Heldengesang und Heldendichtungen hören könnten. Und Iðunn bewahrt bekanntlich die goldenen Äpfel der Jugend bzw. des ewigen Lebens auf, von denen die Götter und wohl auch die Verstorbenen essen. Daher muß auch Iðunn dort sein, wo Götter und Helden sich versammeln, in Glaðsheimr. In der Haustlöng des Skálden Þjóðolfr hinn hvinverski, die Skáldskaparmál Kap. 22 folgt, findet sich in Strophe 100 als Wohnort von Iðunn „Brunnakr“, Iðunn wird „Brunnakrs bekkjar gerðr“ genannt (Gerð d. i. Göttin der Brunnakr-Bänke). Die Bezeichnung „bekkskrautuðr“ (Bänkehüter) in Lokasenna 15 deutet an, daß auch Bragi in Brunnakr wohnt. Man hat Brunnakr auf den verjüngenden Urðbrunnen gedeutet (nach Hráfnagaldr) und in dem Wort den Begriff „Brunnen“ (Quelle) ausgemacht. In einer altsächsischen Urkunde von 1006 kommt ein Ortsname Burnacker vor. ein Ort Brunnacker lag in der Nähe von Zürich. Bei Konrad von Weisberg findet sich der Eigenname Brünacker; es ist wahrscheinlich, daß Brunnakr auf ein älteres Brynakr (Brünnen-Feld) zurückgeht und eigentlich nur eine Bezeichnung für Valhöll ist. Denn laut Grímnismál 9 sind in Valhöll die Bänke mit Brünnen belegt. Man vergleiche auch das spätere Ódainsakr (Feld der Lebenden), eine Art Jenseitssphäre.

In den Helgaqviða Hundingsbana önnur 8 sagt Helgi:

»Daß ich Bären jagte in Bragalundr«.

Bragalundr ist „Bragis Hain“, ein Heiligtum Bragis, und hier wie in den Sigrdrífumál wird Bragi im Zusammenhang mit Bären genannt. Vielleicht geht das gleichfalls in den Helgiliedern erwähnte Bralundr auf Bragalundr zurück.

Nach einer Deutung schenkt Iðunn demjenigenewiges Leben im Andenken des Volkes, dem ihr Gatte Bragi Dichtermet gibt. Iðunn verkörpert also auch den Gedanken der Unsterblichkeit des Nachruhms und der Dichtung.

Daß Bragi die Seelen der verstorbenen Krieger in Valhöll empfängt, ergibt sich auch aus zwei altnordischen Textquellen. Die Eireksmál ist ein Totenlled auf Eirik Blutaxt. der in einer Schlacht nach 950 starb. Seine Frau Gunnhild ließ dieses Lied auf den Toten dichten. Sein Anfang lautet:

(Óðinn:)
Welch ein Traum ist dieses?
Vor Tag meint ich aufzustehn.
für erschlagnes Wehrvolk Valhöll zu rüsten:
Ich weckte die Einherjar, hieß sie aufstehen,
die Bänke zu decken, die Becher zu spülen, -
und die Valkyren Wein holen,
da ein Waltender käme.

Männer erwart ich aus der Menschen Heim,
erlauchte Helden, drum ist heiter mein Sinn.
Was tönt dort, Bragi, als ob Tausend sich regten
oder ein zahlloser Zug?

(Bragi:)
Es kracht alles Bankgebälk, als kehrte Baldr heim
noch einmal zum Óðinssaal.

(Óðinn:)
Mußt, kluger Bragi, du Verkehrtes reden.
da du doch wohl alles weißt?
Auf Eirik weist der Lärm,
da er hier einziehen soll,
der Edle, in den Oðinssaal.
Sigmundr und Sinfjötli, vom Sitz erhebt euch!
Geht zu des Fürsten Empfang.
Zu uns entbietet ihn,
wenn es Eirik ist! Sein harr ich jetzt hier.

In den etwas jüngeren Hákonarmál des Skálden Eyvindr Skáldaspillir, die wohl als Totenlied auf Hákon, der im Jahre 961 bei Fitjar auf der Insel Stordö im Hardangerfjord fiel, gedichtet wurden, heißt es in Strophe 14:

„Hermoðr und Bragi“, sprach Heervater,
„geht zu des Fürsten Empfang!
Denn ein König kommt, der kühn mich dünkt,
Zur Halle hierher“

Auch dieses Totenlied schildert die Taten des Königs Hákon und erzählt, wie er in Valhöll von Bragi und Hermóðr begrüßt und aufgenommen wurde. Interessant ist, daß Hákon christlich war, aber da er die heidnischen Heiligtümer nicht zerstört hatte, konnte er in Valhöll aufgenommen werden. In der letzten Strophe heißt es:

»...seit Hakon ging zu den Heidengöttern«.

Dies ist der älteste skandinavische Beleg für den Begriff „Heiden“ (heðinn).

Neben dem Versuch, den Gott Bragi als vergöttlichten Dichter Bragi Boddasson zu deuten, gibt es auch die Theorie, Bragi sei in Wirklichkeit nur Óðinn bzw. von Óðinn abgeleitet, da ja eigentlich Óðinn der Gott der Skálden ist. In einer alten Hymne in der Hyndluljóð 2-3 findet sich die Formulierung, das Óðinn „Dichtkunst (brag) den Skálden“ gebe. „Der Name Bragi stammt von altnord. „bragr“ = Dichtung. Dieses Wort bedeutet aber auch „Häuptling, Fürst“, ursprünglieh bedeutete es „Haupt“. In dieser Bedeutung erscheint der Begriff auch als Beiname Þórs: „Ásabragr“ (Asenhaupt). Unklar ist die Erwähnung Bragis in einer Strophe bei Egill Skallagrímsson (Höfuðlausn 21). Die Strophe lautet:

Die Ringe nütze er (der König)
wie Bragi das Auge
des Wagenschützers
oder Víli die Tränen.

Die Übersetzung (nach Nordal) ist unsicher, die Strophe soll eine spätere Zudichtung sein. In Egils Lied Sonatorrek (Str. 22) findet sich die Bezeichnung „Freund der Wagen“ für Óðinn, so daß man den Terminus „Wagenschützer“ (vagna vari) gleichfalls auf Óðinn bezieht, und nicht etwa, wie man erwarten würde, auf Þórr. Möglicherweise muß auch die zweite Hauptzeile inhaltlich von der ersten getrennt werden: »Der König möge sich seiner Schätze erfreuen, wie Bragi seines Auges« („njóte bauga sem Brage auga!“). Man hat den Namen Bragi hier als Name Óðins gedeutet. Sollte es sich wirklich um einen Óðinsnamen handeln, dann könnte es sein, daß diese Strophe eine ältere Schicht der germanischen Religion darstellt. Bekanntlich haben unsere Vorfahren ihre Göttervorstellungen mit der Zeit feiner differenziert, d. h. ihren wachsenden Kenntnissen von der Natur angepaßt. Aus der bei Tacitus genannten Erd- und Meergöttin Nerthus wurde dann in der Vikingerzeit eine Erdriesin Jörð, und eine Göttin Njörunn - man hatte erkannt, daß es unterschiedliche Kräfte waren und daher auch die Gottesvorstellungen angepaßt. So kann es auch mit Óðinn gewesen sein, der zuerst auch die Funktion eines Dichtergottes innehatte und vielleicht den Beinamen Bragi trug. Dann trennte man die Funktion Dichtergott und deutete Bragi als Skálden Óðins. Denn wen sollte der höchste Gott mit seinen Dichtungen besingen? Viel logischer wäre, daß der höchste Gott von einem göttlichen Skálden besungen wird, wie jeder Víkingeranführer von seinem Skálden.

Man hat weiter einen uralten heidnischen Brauch, der zum Julfest ausgeübt wurde und wird, das Trinken eines Bragibechers oder -hornes (bragafull oder bragarfull) entsprechend dieser Sichtweise umgedeutet. In der Heimskringla (Hákonar saga góða 14) wird dieser Kulttrank als Teil des Opferrituals im Tempel erwähnt:

»Der Veranstalter und Leiter des Festes aber sollte die Becher [full] und die ganze Opferspeise segnen. Zuerst sollte man den Óðinsbecher für den Sieg und die Herrschaft seines Königs trinken, und dann die Becher des Niörðr und des Freyr für fruchtbares jahr und Frieden. Danach pflegten manche Männer den Bragibecher [bragarfull] zu trinken. Man trank auch Becher für seine Verwandten, die schon im Grabe lagen, und diese nannte man die Gedächtnisbecher [minni]«.

Da „bragafull“ genauso als „Bragisbecher“ oder „Häuptlingsbecher“ übersetzt werden kann, haben Mythologen den Bragibecher zum Häuptlingsbecher umgedeutet und vermutet, man hätte diesen Becher auf den jeweiligen Häuptling oder König getrunken. Wenn man allerdings den oben zitierten Text der Heimskringla genau durchliest, wird man sehen, daß diese Deutung falsch sein muß. Es heißt dort nämlich, daß man den Óðinsbecher auf den König getrunken hatte; wie Óðinn als König im Götterreich herrscht, so soll der eigene König auf der Erde regieren. Der Óðinsbecher ist also schon der Becher für den Häuptling. Wenn nun noch ein eigener Bragibecher erwähnt wird, kann dies nicht auch ein Häuptlingsbecher sein.

Man hat den Bragibecher aber auch gedeutet als „Becher für den Vornehmsten (Ahnen)“, weil der Heimskringlatext gleich nach dem Bragibecher die Erinnerungsbecher für die Ahnen nennt. Hier verkennt man, daß die Heimskringla die Begriffe „full“ (etwa: Füllung, z. B. Füllung im Becher oder Horn) und „minni“ (Erinnerung, Minne) unterscheidet. Es ist eben nicht von „Bragis Minne“ (eines verstorbenen Häuptlings Erinnerung) die Rede, sondern von „bragarfull“ (Bragis Becher bzw. Horn).

Da Bragi der Gott der Dichtung, also auch des gesprochenen Wortes ist, trank und trinkt man gerade dann den Bragarfull, wenn man ein derartiges Gelübde ablegt. In der Ynglinga saga 36 heißt es:

»Es war in jener Zeit Sitte, daß, wenn ein Erbmahl stattfinden sollte für Könige oder Jarle, der, welcher es veranstaltete und die Erbschaft antreten sollte, auf einem Schemel vor dem Hochsitz saß, bis der Becher hereingebracht war, den man Bragibecher nannte. Er sollte dann aufstehen, um den Bragibecher entgegenzunehmen, und ein strenges Gelübde ablegen, dann aber den Becher leeren. Dann sollte man ihn auf den Hochsitz geleiten, der seinem Vater gehört hatte. Nun erst war er voller Besitzer des ganzen Erbes seines Vaters geworden.«

Die Vorstellung, daß der Erbe mit dem Bragibecher einen Becher auf seinen toten Vater trank, könnte zwar nach dieser Textstelle aufkommen, wir dürfen aber nicht übersehen, daß der Bragibecher auch zur Bekräftigung der Gelübde auf den Juleber beim Julfest getrunken wurde, wo es in keiner Weise um einen Häuptling oder einen Ahnen ging.

In diesem Sinne wird der Bragibecher bereits in der älteren Edda, im Liede Helgaqviöa Hiörvarðssonar (Prosa IV. od. 30) erwähnt:

»Abends [beim Julfest] wurden Gelübde geschworen und der Sühneber [Sonargoltr] vorgeführt, auf den die Männer die Hände legten und beim Bragibecher Gelübde taten«.

Auch in den Sagas werden Julgelübde beim Bragibecher erwähnt, z. B. in der Hervarar saga 4:

»Eines Julabends in Bolm leistete Hiörvarðr das Gelübde beim Bragibecher, wie es Sitte war...«

Geht man davon aus, daß der Gott Bragi auf einen Skálden Bragi Boddasson zurückgeht, dann bleibt unklar, wie sich in der relativ kurzen Zeit von 100 Jahren daraus ein regelrechter Kult entwickelt haben sollte. Gerade im Bereich des Kultes setzen sich Neuerungen bekanntlich besonders langsam durch, weil man das Ergebnis der kultischen Handlungen nicht durch Einführung von neuen Riten gefährden will.

Wir können also davon ausgehen, daß unsere Vorfahren schon in heidnischer Zeit den Gott Bragi verehrt haben, genauso wie die Göttin Iðunn, und darum können auch wir diese Götter anrufen. Als Opfergaben für Bragi ist allerdings wenig bekannt, es ist wohl passend, dem Hüter des Dichtermets Met (oder Bier, vgl. Iðuns Bezeichnung als ölgefn) zu opfern. Der Iðunn sind die Äpfel geweiht, und ihre Verwandlung in eine (Hasel-) Nuß oder Schwalbe deutet eine Beziehung dieser Dinge zu ihr an.

In den ältesten angelsächsischen Gedichten findet sich häufig der Name Brego oder Breogo mit der Bedeutung König, Fürst (z. B. Beowulf 84:8 „brego Dena“, Beowulf 3905 „haleða brego“), in Beowulf 4:387 ein „bregostól“ (Königsthron). So kann man vermuten, daß Bragi bei den Angelsachsen unter dem Namen Brego verehrt wurde.

Der nordische Name Bragi wird deutsch Brage geheißen haben, in einer Eddaübersetztung fand ich die Form „Präger“ . Der Name hängt mit den Begriffen Brägen oder Bregen (Gehirn) oder englisch Brain (Gehirn), griechisch Bregma (mittlerer Tell des Schädels) zusammen.

Da unsere Religion eine Naturreligion ist, gibt es auch immer Naturerscheinungen, die man den einzelnen Göttern zuordnen kann. Hans von Wolzogen deutete Bragi als Gott des Vogelgesanges im Frühling. Diese Deutung entstammt dem Lied Hráfnagaidr, wo es heißt, daß Iðunn von der Weltesche gesunken ist - was als das herbstliche Verschwinden des grünen Laubes gedeutet wird und Bragi, der ihr zusammen mit Heimdallr und Loki nachgefahren war, in der Unterwelt zurückbleibt. Dies soll das Verstummen des süßen Vogelgesanges des Frühjahrs im Winter symbolisieren. Iðunn wurde als das frische Sommergrün an Gras und Laub gedeutet, das im Herbst vom Sturmriesen Þjazi geraubt wird: Die Blätter fallen von den Bäumen, die Wiese verliert ihre Farben, die Welt erscheint gealtert und entstellt, die Götter haben ihre Kraft und Jugendfrische eingebüßt, ihre Haare sind grau und weiß geworden wie der Schnee und Reif, der die Erde bedeckt – es ist Winter. Dem warmen Südwind Loki gelingt im Gewand der Frühlingsgöttin Freyja die Befreiung der Iðunn in Gestalt einer Nuß. Aus der Nuß, dem Samenkorn, entsprießt wiederum alles junge Leben im wiederkehrenden Lenz. Und Bragi greift in die Saiten seiner Harfe und singt:

,,O schaut: Wie der Frühlingshimmel so klar
Naht Iduna dem treuen Gemahle,
Goldäpfel, lieblich und wunderbar,
Bringt sie in silberner Schale.
Und ewige Jugend dem Glücklichen sprießt,
Der von den süßen Früchten genießt“.

 

© 1997 Allsherjargode Géza v. Nahodyl Neményi