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Die Gründungssage Berlins

 

Für uns Altheiden aus Berlin und dem semnonisch-wendischen Stammesgebiet ist eine Sage sehr interessant und bedeutend, nämlich die Sage "Die Gründung Berlins" (Wilhelm Tessendorf, Aus dem Berliner Sagenschatz, 6. Aufl., Berlin 1967, S. 5ff):

>Wo heute die Petrikirche steht, da ragte einst auf einem Sandhügel ein wendischer Tempel auf, der dem dreiköpfigen Gotte Triglav geweiht war. Rings um das Heiligtum standen auf der von den beiden Spreearmen gebildeten Insel ein paar armselige Fischerhütten. Das ist der Anfang unserer Stadt gewesen. Wie nun neben dem alten Kölln Alt-Berlin (jenseits des Mühlendammes) gegründet wurde, das erzählt uns die Sage:

Albrecht der Bär, der erste Markgraf, hatte sich auf der Jagd im Sumpflande der Spree verirrt. Er war von seinen Jagdgenossen abgekommen und sah sich schon der Notwendigkeit gegenüber, im Walde zu übernachten, als er nach der Spree hinüber ein Licht flackern sah. Er folgte dem Scheine und kam bald an einen im Wasser errichteten Pfahlbau, den man nur über einen schmalen Steg erreichen konnte. Er pochte ans Hürdentor, und ein Knecht ließ ihn ein. Der führte ihn in einen von Kienspänen erhellten Raum, wo der Besitzer der Ansiedlung auf einem Bärenfell saß. Dieser grüßte ihn nach wendischer Sitte und fragte, was sein Begehr sei. Albrecht antwortete, daß er von seinen Gefährten abgekommen sei und um ein Nachtlager bitte; er gab sich aber nicht als Fürst des Landes zu erkennen. Der Wende antwortete: "Du bist zwar ein Christ, doch weiß Rudolf von Stralow, auch diesen gegenüber Gastfreundschaft zu üben. Hier hast du einige Fische; dort auf dem Fell findest du einen Platz zur Ruhe!" Albrecht, der die Gebräuche der Wenden kannte, forderte aber Salz und Brot, um es mit dem Wenden gemeinschaftlich zu essen; denn nur dadurch sicherte er sein Leben. Rudolf von Stralow gab beides ungern; aber er gab es doch - und so konnte sich Albrecht beruhigt niederlegen.

Doch kam er nicht zur Ruhe, es war viel Leben und Bewegung im Hause. Knechte kamen und gingen, bis endlich einer Rudolf von Stralow meldete: "Es ist alles bereit!" Da stand dieser auf und rüstete sich zum Ausgang. Sofort war aber auch Albrecht auf den Beinen und fragte: "Wohin willst du?" Der Wende wollte es ihm nicht sagen, bis ihn der Markgraf darauf aufmerksam machte: "Ich bin dein Gastfreund." Da bequemte sich Rudolf dazu, ihm zu berichten, daß er zu einem Triglavfest wolle. Albrecht forderte: "So nimm mich mit!" Der Wende konnte es ihm als seinem Gastfreund nicht abschlagen, doch hüllte er ihn zuvor in einen Wendenpelz.

So bestiegen sie den Kahn, der am Wasserausgang ihrer harrte. Rasch ging die Fahrt spreeabwärts, und unterwegs gesellten sich ihnen viele Kähne zu, Dort, wo die Spree sich teilte, stiegen sie aus, um zum Triglavtempel auf sandiger Höhe emporzusteigen. Dumpfes Gemurmel schlug ihnen am Eingang entgegen: der Tempel war voll von Wenden.

Albrecht sah sich um. Im Hintergrunde gewahrte er einen großen Vorhang, hinter dem ein seltsames Gestöhn hervortönte. Da schritt die weißgekleidete Priesterschar herein und begann die Anrufung des dreiköpfigen Gottes. Immer wilder und lauter wurde ihr Schreien. Als ihr wildes Rufen den Höhepunkt erreicht hatte, wurde der Vorhang aufgerissen, und Albrecht sah, wie sie aus Weidengeflecht ein scheußliches Abbild ihres Gottes errichtet hatten. Das ganze Innere Triglavs aber war angefüllt mit gefangenen Christen, die nun als Opfer dargebracht werden sollten. Der Oberpriester schritt auf den darunter aufgeschichteten Holzstoß zu und entzündete ihn. Schon wollte Albrecht sein Schwert zücken, um seine Glaubensgenossen zu befreien. Doch Rudolf von Stralow zog seinen Gastfreund schnell in die finstere Nacht hinaus, um ihn vor einer übereilten Tat und damit vor dem Tode zu schützen.

Schweigend ging die Fahrt zum Pfahlbau zurück. Als sie aber dort angelangt waren, drangen harte Worte aus Albrechts Mund: "Ein Bärlyn (Bärlein) will ich in den Sumpf da setzen; das soll die Wenden zusammentatzen, daß kein Christ mehr zu brennen braucht!" Erstaunt sah der Wende seinen Gast an: "Du sprichst stolze Worte voll Herrengeist! Wer bist du?" "Kennst du mich nicht? Ich bin Albrecht, den sie den Bären nennen - mein Bärlyn soll im Wendenlande herrschen und seine Tatzen weit auf Sumpf und Sand pranken! - Doch Stralow soll besonderen Schutz genießen, weil es mich beherbergt hat - nur der erste Fischzug gehöre dem Fürsten!"

So - erzählt die Sage - entstand neben dem wendischen Kölln das deutsche Bärlyn (Berlin) - und lange haben die beiden Städte nebeneinander bestanden, bis sie vereinigt wurden. Stralau aber feierte seit jener Zeit ständig seinen Fischzug, bis auf den heutigen Tag.<

Einiges in dieser Sage kann nicht stimmen, so etwa der hier erwähnte wendische männliche Gott Triglav („Dreikopf“). Wir wissen, daß es sich um einen griechischen Namen der dreifachen Erdgöttin handelt, daß also erst Missionierer hier eine vorgefundene germanische Gottheit in ihren Schriften mit diesem griechischen Namen bezeichneten, um ihren Lesern zu verdeutlichen, um welche Gottheit es sich handelt. Den germanischen Namen wagte man nicht, zu nennen. Tricephalos („die Dreiköpfige“) ist ein Beiname der Hecate. Ich gehe davon aus, daß der Tempel der Göttin Frigg geweiht war. Über Triglav siehe hier.

 

Abb. Der Allsherjargode vor dem rekonstruierten wendischen Tempel von Groß Raden.

 

Auch ansonsten enthält die Sage Dinge, die so nicht stimmen können. Es wäre wohl völlig undenkbar, daß man in einem hölzernen Tempel ein geflochtenes Götterbild mit Gefangenen darin anzündet; das Feuer würde in kürzester Zeit den ganzen Tempel verbrennen und sein Rauch zuvor alle Besucher des Tempels ersticken. Niemals hätte man hier Menschen verbrennen können. Es ist also anzunehmen, daß irgendein Sagenerzähler hier ein wenig „ausgeschmückt“ hat, um seiner tendenziösen Schilderung etwas mehr „Spannung“ zu verpassen. Außerdem wollte er wohl die Missionierung der Wenden (Wandalen) rechtfertigen, indem er die übliche Brabarenpropaganda verwendete: Heiden bringen unschuldige, andersdenkende Menschen grausam um, daher sind alle Kreuzzüge (z. B. der Wendenkreuzzug) und Missionierungsmaßnahmen mehr als gerechtfertigt.

Ich habe nun auch herausgefunden, wo sich der offenbar gelehrte Sagenverfälscher die Geschichte mit dem Weidengeflecht hergeholt hat: Aus Julius Caesars „de bello gallico“ (der gallische Krieg) Buch VI, 16. Auch Caesar war ein Berichterstatter, der das Interesse hatte, die zu bekriegenden Stämme irgendwie schlecht aussehen zu lassen. Die Stelle handelt von Celten und einem angeblichen celtischen Ritual:

>Alle gallischen Stämme sind sehr religiös, und aus diesem Grunde opfern die, die von schwerer Krankheit befallen sind oder sich in Krieg und Gefahr befinden, Menschen anstelle von Opfertieren oder geloben solche Opfer. Die Druiden führen diese Opfer durch, denn die Gallier glauben, der Wille der unsterblichen Götter könne nur besänftigt werden, wenn für das Leben eines Menschen ein anderes eingesetzt werde. Auch von Staats wegen haben sie Opferbräuche von der gleichen Art. Andere Stämme besitzen Opferbilder von ungeheuerer Größe, deren Glieder durch Ruten untereinander verbunden sin. Diese füllen sie mit lebenden Menschen aus. Dann werden die Götterbilder von unten angezündet, so daß die Menschen in den Flammen umkommen. Sie glauben zwar, daß die Tötung von Menschen, die bei Diebstahl, Raub oder anderen Verbrechen gefaßt wurden, den unsterblichen Göttern angenehmer ist, wenn es ihnen jedoch an solchen fehlt, gehen sie auch dazu über, Unschuldige zu opfern.<

Es ist nun zwar nicht meine Aufgabe, die durchaus zuweilen merkwürdigen celtischen Kulte zu rechtfertigen, aber dennoch will ich auch dazu etwas schreiben. Caesar selbst gibt zu, daß es im Normalfall um verurteilte Verbrecher ging, die auf diese Weise hingerichtet wurden. Denn in Kulturen, wo man Gebäude aus Holz hat, gibt es keine festen Gefängnisse; die Verurteilung zu lebenslanger Haft ist also nicht möglich. Eine Ächtung (d. h. Ausstoßung aus der Gemeinschaft) kann bedeuten, daß sich der Verbrecher weiterhin betätigt, vielleicht noch zusammen mit anderen Geächteten (vgl. Robin Hood). Deswegen bleibt nichts anderes, als solche Leute hinzurichten, und das geschah im Rahmen eines Opfers. Daß auch Unschuldige geopfert worden sein sollen, halte ich für einen abwertenden freien Zusatz von Caesar.

Daß auch heute noch dieser Vorwurf gegen das Heidentum, die Heiden würden Unschuldige opfern oder verbrennen, nicht völlig fallengelassen wird, kann man an dem englischen Film „The Wicker Man“ sehen. Er spielt in unserer Zeit und zeigt eine abgelegene britische Gegend, wo sich der Wicca-Kult ausgebreitet hat und wo tatsächlich unschuldige Christen in einem geflochtenen riesigen Götterbild verbrannt werden. Angstmachende Vorwürfe gegen das Heidentum sind wohl nicht ganz wegzubekommen, wenngleich es hier wohl allererst um den Drehbuchautor geht. Auch in der Vergangenheit wurde der Weidenrutengott mit den unschuldigen Opfern häufig dargestellt (siehe Bild).

 

Abb. "Wickerman", England, 18. Jh.

 

Doch zurück zur Gründungssage Berlins. Lassen wir also die aus Caesar genommenen Zusätze weg, dann haben wir einen Tempel der Göttin Frigg in Cölln (der Schwesterstadt von Berlin, deren Name nur noch im Bezirksnamen „Neukölln“ lebt), auf dem Petrikirchplatz. Die Petrikirche steht nicht mehr, der Platz ist heute unbebaut.

 

Abb. Die Petrikirche um 1690.

 

Der bekannte Berliner Altertumsforscher Ernst Friedel schreibt dazu (Vorgeschichtliche Funde in Berlin und Umgebung, 1880, S. 30):

>Der Sage nach hat an der Stelle der Petrikirche ein Götzentempel gestanden, wobei zunächst an eine wendische Kultusstätte zu denken ist. Jedenfalls bildete ie Stätte der Petrikirche einen alluvialen Sandhügel (wie die Stelle der Nicolaikirche in Berlin), der mit allmäliger Abdachung nach den Sümpfen, welche die Spree ringsherum ausweislich aller tieferen Nachgrabungen in den letzten Jahren bildete, abfiel. An der Abdachung, welche sich zwischen der Grünstraßen- und Gertraudenbrücke hinzieht, wurden jene, wie es scheint, noch vorwendischen Reste aufgefunden (...) Andererseits behaupten sogar einige Annalisten, sie [die Gertrauden- oder Spitalkirche] sei schon früher als heidnischer Tempel vorhanden gewesen, ähnlich wie solches im Volksmund von der ursprünglich auf einem Sandhügel hervorragnd belegenen anfänglichen St. Petrikirche erzählt wird (vgl. Mila: „Berlin“, 1829, S. 98) Bei Klöden, „Ueber die Entstehung, das Alter und die früheste Geschichte der Städte Berlin und Kölln“, Berlin 1839, ist der „ehemalige Götzentempel“ auf dem Stadtplan eingezeichnet – Wegen des vorgeblichen Götzentempels auf dem Petrikirchplatz vgl. a. a. O. S. 300.<

Friedel führt den Tempel auf, aber mit Fragezeichen. Wir aber wissen, ob hier ein Tempel stand, oder nicht. Wenn wir uns einmal die Lage der Petrikirche im Centrum der von den beiden Armen der Spree gebildeten Insel ansehen und bedenken, daß es ein Hügel war, auf dem die Kirche errichtet wurde, dann wird uns sofort einsichtig, daß es sich um einen heiligen Ort handelt. Gut geschützt auf einer Insel und auf einer Erhebung. Die zugehörige Siedlung Cölln daneben und später darum herum, und erst später wurde östlich davon die Stadt Berlin errichtet. Die Memhardt-Karte von 1652 zeigt unten das wendische Cölln, oben das deutsche Berlin (Norden ist bei dieser Karte links). Beim Buchstaben „H“ (rechts neben dem Wort „Cölln“) ist die Petrikirche eingezeichnet. Um Berlin wurde später ein Graben ausgehoben, um es auch zu schützen, aber nur das alte Cölln liegt zwischen den beiden natürlichen Spreearmen.

 

 

Neuerdings versuchen nun die Vertreter der drei biblischen Eingottreligionen, hier ein „House-Of-One“, ein Haus für ihren Eingott, zu errichten. Das koltzige, eckige und relativ häßliche Gebäude soll in seinem Inneren einen Kirchensaal, einen Synagogensaal und einen moslemischen Betraum enthalten. Damit wollen die Vertreter der Fremdreligionen diese kultische Centrum unserer Hauptstadt besetzen und einnehmen. Als Altheiden müssen wir gegen diesen Versuch der Vereinnahmung eines uns heiligen Ortes durch die Bibelreligionen, deren Missionierung wir Millionen getöteter Heiden und Hexen verdanken, auf das Schärfste protestieren. Ihre Gebetsräume seien ihnen gerne gegönnt, aber nicht hier am kultisch-geschichtlichen Centrum unserer Stadt. Hier kann man eine Petition dagegen unterschreiben.

Zugegeben konnten hier zwar noch keine Pfostenlöcher des einstigen Tempels gefunden werden, aber das liegt wohl eher daran, daß hier schon viel Erdreich umgewälzt und verbracht wurde, allein zum Bau der früheren Petrikirche. Und allgemein findet man in Kultstätten wenig archäologisch Verwertbares. Uns Altheiden reicht die Sage, der wir in ihrer Grundaussage durchaus trauen. Wir erwarten von der Stadt Berlin, daß das „House Of One“ hier nicht genehmigt wird.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Die Spreeinsel bot einen guten Schutz vor Feinden und daher siedelten die Menschen dort. Wenn das stimmt, dann hatten sie dort auch ihren Tempel; wendische Tempel lagen oft innerhalb von Siedlungen (siehe den archäologisch nachgewiesene Tempel in der Siedelung von Groß Raden). Es ist weder denkbar, daß diese Menschen gar keine Kultstätte gehabt haben sollten, noch daß ihre Kultstätte außerhalb des durch die Spreearme geschützten Bereiches gelegen hätte. In einem Heiligtum oder Tempel opfert man wertvolle Gegenstände (z. B. Opfergold) und derartige Orte sind kunstvoll und aufwendig gestaltet. Sehr oft wurden Heiligtümer von Zäunen oder Wällen umgeben und so geschützt. Daß ein Heiligtum außerhalb der Siedelung und vor Angriffen und Plünderungen der Feinde ungeschützt angelegt worden sein sollte, ist nicht denkbar. Auch wäre es dann - besonders im Winter, wenn Eisschollen auf der Spree trieben - kaum leicht erreichbar. Die Götter sollten ja die Siedelung schützen und daher mußte Ihr Heiligtum auch innerhalb der Siedelung liegen.

Die andere Möglichkeit ist, daß auf der Spreeinsel nur das Heiligtum geschützt lag, und die Menschen andernorts siedelten. Das wird auch in der Gründungssage angedeutet, denn Albrecht errichtete ja die christliche Siedelung nicht auf der Spreeinsel ("Cölln"), sondern daneben (das spätere "Berlin"). Warum baute er nicht einfach Cölln aus? Weil es sich um den heiligen Versammlungs- und Kultort der Heiden handelte, den er somit auch noch respektierte? Wenn also die Spreeinsel Cölln nur aus dem Tempel bestand, dann liegt es nahe, daß mit der Zeit Hütten dort errichtet wurden: Hütten für die Priester und Kultdiener, Hütten für Pilger, die dort übernachten wollen, Gasthäuser, Händler, die Devotionalien verkaufen usw. Die Sage nennt Fischerhütten (Triglav ist eine Göttin, der man auch Fische opferte). So bildete sich mit der Zeit um den Tempel herum die Stadt Cölln.
Beide Möglichkeiten setzen also voraus, daß sich auf der Spreeinsel einst der Tempel befunden hat. Und als die Menschen mit Gewalt zum Christentum gezwungen wurden, wurden die Kirchen natürlich an Stelle der zuvor dort stehenden Tempel errichtet, der Platz war ja vorhanden. Deswegen ist es höchstwahrscheinlich, daß an Stelle der Petrikirche der Tempel gestanden hatte, anders ist die Entstehung der Siedelung hier gar nicht vorstellbar.

© Allsherjargode Géza von Neményi 2014

Nachtrag: Der Verein "Historische Mitte e.V." hat eine Rekonstruktionskarte von Berlin und Cölln um 1180 erstellt, auf der bei Position 3 der Tempel eingetragen ist. Die Karte können Sie hier sehen.