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Die Göttin Nanna

 

Über die Göttin Nanna, die Gemahlin Baldrs, wissen wir eigentlich sehr wenig. Schon Ihre Verwandtschaftsverhältnisse scheinen in den Eddas widersprüchlich. In der Jüngeren Edda (Gylf. 32 u. a.) ist Nanna die Tochter des Nepr, Gemahlin des Baldr und Mutter des Gottes Forseti. Nepr wird in den Nefnaþulur als ein Sohn Óðins bezeichnet.

 

Abb. Baldr und Nanna.

 

In der Hyndluljóð 20 hingegen erscheint eine menschliche Nanna als Nocqvis Tochter in Ottars Stammbaum. Dieser Widerspruch läßt sich einfach klären: Da es hier um Menschen geht, ist es völlig unwahrscheinlich, daß diese den unveränderten Namen einer Göttin tragen konnten. Deswegen ist eine Untersuchung der Handschrift sinnvoll. Und da steht im Original eindeutig nicht "Nanna", sondern "Manna". Die Herausgeber und Übersetzer der Edda berichtigen diese Schreibweise eigenmächtig zu "Nanna". Sicher, "Manna" ergibt wenig Sinn, es könnte tatsächlich ein Schreibfehler sein. Aber richtig könnte auch eine Schreibweise mit "G" sein, also "Ganna" – das ist schließlich eine bekannte germanische Seherin im 1. Jh. gewesen, deren Name man zu altnord. "gandr" = Zauberstab stellt.

Bleiben wir also bei dem, was in der Jüngeren Edda gesagt wird. Nanna erscheint aber auch bei Saxo Grammaticus (Gesta Danorum II, 63ff), Sie ist dort allerdings die Tochter eines norwegischen Königs Gevarus. Saxo war Christ und versuchte, die germanischen Gottheiter negativ darzustellen, er macht Sie zu Menschen und dichtet Ihnen Fehler und Schwächen, ja Schandtaten an. Den Mythos von Baldr und Nanna hat er geradezu in sein Gegenteil verkehrt. Gevarus soll also ein norwegischer König gewesen sein, doch erscheint er nirgends in den Abstammungslisten, und sein Name ist nicht nordisch, sondern scheint mit dem sächsischen Personennamen Geb(a)heri identisch zu sein. Also eine willkürliche Zusammenstellung durch Saxo Grammaticus.

Nanna wird auch häufig als Kenningar für "Göttin" in den Skáldenstrophen oder dem Hrafnagaldr verwendet, doch ohne daß wir dadurch mehr über die Göttin erfahren.

In dem Eddamythos von Baldrs Tod stirbt Nanna vor Kummer, nachdem Baldr von Höðr getötet wurde und wird mit Baldr zusammen verbrannt, so daß Sie beide bei Hel wieder zusammen sind. Dieser Mythos beweist die große Liebe, die Nanna zu Ihrem Gemahl Baldr empfindet. Wenn wir diesen Mythos nun naturmythologisch deuten, dann symbolisiert Baldr das Licht und den Tag, Höðr aber die Nacht und Dunkelheit. Im Jahresmythos entsprechend symbolisiert Baldr den Sommer, die Sonnenhälfte des Jahres, Höðr aber den Winter. Baldrs Tod ist also das Ende des Tages (bzw. Sommers), die Sonne sinkt unter den Horizont, die Nacht (bzw. der Winter) folgt und herrscht nun. Wer aber ist Nanna in diesem Mythos? Natürlich die Abendröte, die dem Licht folgt, bevor es ganz dunkel wird. Möglicherweise aber auch der Abend- und Morgenstern.

Ganz ähnlich ist es bei der Mythenfassung des Saxo Grammaticus. Hier aber ist Nanna mit dem Menschen Hotherus (= Höðr) vermählt, doch der Gott Balderus (= Baldr) verliebt Sich in Sie und es kommt deswegen zum Kampf zwischen Hotherus und Balderus. Schließlich stirbt Balderus. Wenn wir einmal die bewußten Entstellungen (nämlich ein Gott, der die Ehefrau eines anderen begehrt, oder Götter, die aus niederen Beweggründen gegen Menschen kämpfen) außer acht lassen, so ist auch hier der Mythos eindeutig: Nanna steht als Abend- oder Morgenröte zwischen den beiden Kontrahenden Hotherus und Balderus.

 

Abb. Nanna und der niedersinkende Baldr.

 

Der Mythos ist uralt, das beweist seine Parallele im AT der Bibel. Die beiden Brüder, Baldr und Höðr, heißen hier Abel und Kain, Abel (Abelio = Sonnengott) ist Sohn von Jachveh und Heva, Kain aber nur der Sohn von Adam und Heva. Laut der Apokryphe "Die Schatzhöhle" soll Kain seine Zwillingsschwester Kelimat heiraten, Abel seine Zwillingsschwester Lebuda. Doch Kain begehrt Abels Zwillingsschwester Lebuda. Lebuda hat hier also die Stellung der Nanna, um die beide streiten. Eindeutig ist hier übrigens Kain (= Höðr) der Böse, nicht Abel (= Baldr).

Wegen dieser uralten Parallele ist es durchaus gestattet, nach Entsprechungen der Nanna in anderen Kulturen zu suchen. Und da finden wir Nana, die Mutter des phrygischen Gottes Attis, sowie die sumerische Göttin Inanna oder Nannar, die der babylonischen Ishtar entspricht.

Bleiben wir zunächst bei den Griechen. Nana ist dort ein Beiname der Cybele, aber Sie erscheint auch als phrygische Muttergöttin, Tochter des Flußgottes Sangarius und Mutter des Attis. Bei den Armeniern gilt Sie als Große Mutter und Sieges-göttin, Sie ähnelt der Athéne, der Weisheitsgöttin.           

Aufschlußreicher aber ist die sumerische Parallele. Inanna (von Nin-anna) bedeutet "Herrin des Himmels"; Inanna ist die Himmelskönigin und auch (als Ninsianna) Personifikation des Planeten Venus, eine Göttin der Liebe und des Geschlechtslebens.

In dem Mythos von Inannas Gang zur Unterwelt, muß Sie sieben Tore durchschreiten und dabei jeweils eines Ihrer Insignien abgeben (nämlich Krone und Obergewand, Ohrgehänge, Halskette, Brustschmuck, Edelsteingürtel, Spangen von Händen und Füßen, Untergewand). Sie steht schließlich nackt von der Herrscherin der Unterwelt, ihrer Schwester Ereshkigal, so daß Sie machtlos deren "Todesblick" ausgeliefert ist. Währenddessen unterbleibt jede Zeugung und Entstehung neuen Lebens in der Oberwelt. Deswegen sendet Enki (= "Herr des Unten", Weisheits- und Schöpfergott) zwei Boten in die Unterwelt und erreicht von Ereshkigal die Freilassung Inannas. Inanna geht wieder durch die sieben Tore, erhält jeweils ihre Kleidung und Schmuck und kehrt in die Oberwelt zurück, wo es nun wieder Zeugung und Wachstum gibt.

 

Abb. Inanna. Terrakottarelief zwischen 2300  und 200 v. u. Zt.

 

Ich sehe in diesem Mythos eine Parallele zu Nannas Tod und Gang zur Hel zu Baldr, wenn auch der sumerische Mythos hier mehr Details bewahrt hat.

Immerhin wird auch in der Edda darauf hingewiesen, daß Nanna der Frigg einen Überwuf und andere Gaben sandte, der Fulla aber einen Goldring.

Um die Vewirrung noch weiter zu führen, möchte ich auf das Eddalied Fjollsvinnzmál hinweisen. Hier wirbt Svipdagr (= "Beschleuniger des Tages") um Menglöð (= "Die Halsbandfrohe"). Nun kann man zwar in Svipdagr Óðinn sehen, doch in den Abstammungstafeln erscheint Er immer als Sohn oder Enkel Óðins. Óðinn Selbst erscheint im Fjollsvinnzmál ja bereits als Wächter, kann also nicht zugleich der Held Svipdagr sein. Viel eher scheint Svip-Dagr einfach der Gott Dagr (= "Tag") zu sein. Der Gott des Tages aber ist Baldr, der deswegen bei den Angelsachsen " Bældæg" oder "Beldeg (= "Der leuchtende Tag") genannt wurde. Auch die Wenden setzten Dac-Bog ("Gott Tag") mit Bel-Bog ("Gott Bel", d. i. "Baldr") gleich. Dann wäre also Menglöð der Name von Baldrs Gemahlin, Nanna. Nun ist interessant, daß in einer Fornaldarsaga (II, 7) folgender Stammbaum enthalten ist:

>Finnálfr der Alte freite Svanhildar, welche Gullfjöðr genannt wurde. Sie war die Tochter von Dagr, dem Sohne Dellings und der Sól, der Tochter Mundilfọris. <

Hier ist also Sól ("Sonne") die Frau des Dagr und damit des Svip-Dagr und Baldr, was ja mythologisch gut zusammenpaßt.

Nanna könnte nun also einfach der Name der Sól sein, der Sonnengöttin (was allerdings nicht gut zum Baldr/Höðr-Mythos paßt). Aber Nanna könnte auch – wie es der Mythos nahelegt – die Morgen- und Abendröte sein. Schließlich kann Nanna auch den Planeten Venus symbolisieren, der ja manchmal Morgen-, manchmal auch nur Abendstern ist und der der Nacht oder dem Tag vorangeht. Da Inanna der Ishtar entspricht und sowohl die Morgenröte, wie auch die Venus Ihr zugeordnet werden, müssen wir in diesem Bereich Nannas Zuständigkeiten suchen. Die Namensdeutungen Ihres Namens helfen uns nicht viel weiter, da sie sich ja auf die altnordische Namensform beziehen und die uralten sumerischen Parallelen außer acht lassen. So soll "Nanna" möglicherweise von einem Lallwort nanna "Mutter" stammen, oder von germ. *nanþ-, "die Wagemutige".

Wir wissen also nicht, wofür Nanna eigenlich zuständig ist. Sie folgt Ihrem Gemahl freiwillig zur Hel, wäre daher als eine Göttin der Treue zwischen Liebenden zu deuten. Damit berührt Sie Sich etwas mit Freyja. Eine einzige Erwähnung haben wir von Nanna, in der Sie angerufen wird. Es handelt sich um eine Runeninschrift des 7. Jhs. auf einem Kamm, dem Kamm von Setre, Norwegen. Die Inschrift lautet:

>hAl mAR mAunA | Alu na Alu nanA<

("Heil, Mar kann lieben. Alu Na(nna), Alu Nanna")

Hier wollte also dieser Mar eine Frau zur Liebe verführen oder für sich und seine Partnerin Liebe bewirken. Er ritzte die Runen auf den Kamm, den er wahrscheinlich der Auserwählten schenkte. "Alu" ist das magische Schutz- und Heilswort (vergleichbar dem indischen Om), der Name der Göttin erscheint zuerst verkürzt, dann in voller Länge, aber nur mit einem "n" in der Mitte, da man bei Runeninschriften fast nie Doppelkonsonanten verwendete. Nanna sollte dem Mar hier also helfen, daß er dieses Mädchen bekommt oder sie ihm treu ist bzw. angetraut wird.

 

Abb. Inanna. Akkadisches Siegel, 2334 - 2154 v. u. Zt.

Abb. Inanna. Sumerisches Siegel, 2112 - 2004 v. u. Zt.

 

Ich verstehe deswegen Nanna als eine Göttin, die die Treue zwischen Liebenden bewirkt und befördert. Aber das ist eine Interpretation, wir sahen, daß auch zur Sonnengöttin, die eine Siegesgöttin ist, und zur Göttin der Künste, Athéne, eine Verbindung möglich ist.

 

© 2010 Allsherjargode Géza v. Nahodyl Neményi