Bei dem folgendenden Arikel handelt es sich um urheberrechtlich geschütztes Material des Allsherjargoden Géza v. Nahodyl Neményi, des obersten altheidnischen Priesters in Deutschland. Nachdruck, auf Internetseiten oder Server setzen und jegliche andere Verwendung sind ohne Genehmigung untersagt und werden zivilrechtlich verfolgt. Hier geht es zur Startseite.

 

Nikolaus - ein heidnischer Gott?

 

Der heilige Nikolaus, dessen Name mit „Volkssieger“ übersetzt wird, wurde in der Ostkirche des byzantinischen Reiches vom 6. bis 9. Jh. zum volkstümlichsten Heiligen überhaupt und rückte in seiner Stellung unter den übrigen Heiligen hinsichtlich seiner räumlichen Verbreitung und Verehrung nahe an die Marias heran.
Wenn Nikolaus auch einer der beliebtesten Heiligen des Mittelalters gewesen ist, so ist doch über sein Leben wenig bekannt. Es wird sogar angezweifelt, daß es ihn überhaupt gegeben habe.
Als Vorlage für diesen Heiligen wird ein in der 1. Hälfte des 4. Jhs. im lycischen Ort Myra (heute Cale in Anatolien) lebender Bischof genannt, der im Jahr 270 in Patras geboren und 342 oder 350 gestorben war. Dieser Bischof tat sich insbesondere auf dem Concil von Nicäa 325 als Bekämpfer der Arianer hervor. Er soll zur Zeit der Christenverfolgung unter Kaiser Diocletianus eingekerkert und erst unter Konstantin befreit worden sein. Gesicherte Erkenntnisse darüber gibt es jedoch nicht.
Als weitere Vorlage des heiligen Nikolaus wird der Klostergründer und Bischof von Pinara, Nicolaos Sionitis (Abt Nikolaus von Sion), der 564 in Lycien gestorben war, angegeben.

Neben diesen wenigen, ungesicherten historischen Angaben existieren zahlreiche Legenden, die vom heiligen Nikolaus erzählen, die aber sämtlich jüngeren Datums sind. Einige davon finden sich in gleicher Weise auch bei andern Heiligen und zeigen damit, daß hier einfach Geschichten oder Fabeln nur vom einen zum andern Heiligen übertragen wurden, um dessen Bedeutung hervorzuheben.

Nach meiner Deutung geht die Figur des Nikolaus auf den heidnischen Gott Hnikarr/Nikarr zurück. Hnikarr oder auch Hnikuðr/Nikuðr sind gutbezeugte Beinamen des Gottes Wodan oder Óðinn, des germanischen Hauptgottes.
Wie so oft wurde auch im Falle des Nikolaus ein Heiliger mit einem ähnlichklingenden Namen ersonnen, der den heidnischen Gott und Seinen populären Kult ersetzen sollte. Ähnlich war es bei Heiligen wie St. Donatus, der den Donnergott Donar (nord. Þórr) ersetzen sollte, Ignatius, der den Gott Ingwaz (Yngvi) ersetzte oder Paulus/Paul, der an  Stelle des Gottes Phol (Baldur) gesetzt wurde.
Im Eddalied Grímnismál nennt Wodan selbst die Namen Hnikarr und Hnikuðr unter 53 weiteren Seiner Namen, ähnlich ist es in der Gylfaginning 20 der jüngeren Edda. In der Gylfaginning 2 sind beiden Namen unter nur 12 aufgezählten Wodansnamen zu finden. Diese 12 Namen deutet man auf die 12 Monate. Es heißt dort:

>Nun hob Gangleri folgendermaßen zu fragen an: „Wer ist der Höchste oder Älteste unter den Göttern“? Hárr erwiederte: „Der heißt in unserer Sprache Alföðr (Allvater), in Ásgarðr aber hatte er zwölf Namen: Alföðr, Herjan, Hnikarr, Hnikuðr, Fjölnir, Oski, Omi, Biflindi, Sviðurr, Sviðrir, Viðrir, Jalkr“.<

Dies Aufzählung zeigt uns, wie bedeutend diese beiden Wodansbeinamen sind, daß sie unter den zwölf wichigen Namen vorkommen. An einer anderen Stelle der Edda werden z. B. 116 Wodansnamen aufgezählt.

Doch zurück zu Nikolaus. Die Verehrung dieses Heiligen ging von der Ostkirche aus und läßt sich dort schon im 6. Jh. nachweisen. Schon im 4. Jh. begann man, die Goten zu christianisieren.  Die Goten saßen nördlich des oströmischen Reiches und es gab viele Verbindungen der Goten mit Byzanz. Just nun zu dem Zeitpunkt, wo man einen Teil der Goten verchristet hatte (4.-6. Jh.), taucht plötzlich dieser Heilige mit dem Wodansnamen auf. Entsprechend schnell wurde Nikolaus darum auch im Bereich der Ostkirche populär. Wenig später, also etwa ab dem 6. Jh., werden die ersten griechischen Nikolausviten (Lebensbeschreibungen) verfaßt. Die Legenden, die sich in ihnen finden, verherrlichen bereits die früheste Kindheit des Heiligen. So habe der Säugling schon beim allerersten Bad mit gefalteten Händen aufrecht im Zuber gestanden; die gefalteten Hände sind allerdings erst aus dem germanischen Kult in das Christentum aufgenommen worden. An den Fasttagen habe der Säugling Nikolaus immer nur einmal an der Mutterbrust gesäugt.

In diesen Legenden taucht der heilige Nikolaus  bereits in einem Zusammenhang mit dem Wasser auf, was aus dem Heidentum übernommen wurde. Denn die Wodansbeinamen „Hnikarr“ und „Hnikuðr“ bedeuten etwas wie „Aufhetzer, Stoßer“ und „Flutgeist“. Verwandt sind Begriffe wie althochdeutsch „nicchus“ („Wassergeist“), heute Nix und Nixe. Aus dem etymologisch verwandten schwedischen „näck“ ist unser Wort „Nöck“ für Wassergeister geworden. Alle diese Begriffe stammen vom indogermanischen „*neigu“, das bedeutet „waschen“ – sehr passend zur Legende des im Badezuber betenden Nikolaus. Die Erfinder dieser Legende waren sich also der germanischen Deutung des Namens sehr wohl bewußt und verwendeten sie in diesem Sinne, statt sich an die griechische Namensübersetzung zu halten.
In der älteren Edda kommen die Namen Hnikarr und Hnikuðr außer in der erwähnten Namensaufzählung nur noch zwei Mal vor. Einmal wird der Name in den Hrafnagaldr 17 genannt:

>Nach Bölverks Gebot, auf die Bänke verteilt
Von Sährimnir speisend, saßen die Götter,
Skögul schenkte in Hnikars Schalen
Den Met und maß ihn aus Mimirs Horn<.

Hier steht also der Name im Zusammenhang mit dem Getränk, der Flüssigkeit. Die andere Erwähnung findet sich in den Reginsmál, hier steht er im Zusammenhang mit dem Meer. In der jüngeren Edda kommt der Name nur einmal vor.

Schon im 8. Jh. wurde Nikolaus in Rom verehrt, über griechische Colonien in Italien begann sich der Nikolauskult vom 9. Jh. an auch im Westen zu verbreiten. Beschleunigt wurde die Verbreitung, nachdem der spätere Bischof Reginold von Eichstädt nach einem Griechenlandaufenthalt um das Jahr 960 ein Officium (Breviergebet) für den Nikolaustag geschrieben hatte. Es handelt sich dabei um eine der ersten Liturgien, vielleicht die erste überhaupt, die zum Gedächtnis eines nichtbiblischen Heiligen komponiert wurde.
Konservative Kleriker sahen es allerdings höchst ungern, daß die Texte des Nikolausofficiums nicht aus der Bibel stammten. Auch um die Einführung dieser Nikolausliturgie ranken sich Legenden. Ein französischer Prior etwa soll seinen Mitbrüdern das Singen der neuartigen Gesänge untersagt haben. Daraufhin, so berichtet die Legende,

>erschien der hochwürdige Nikolaus des Nachts vor ihm und warf ihm mit bitterbösen Worten seinen Eigensinn und Stolz vor, bevor er ihn an den Haaren vom Bett schleifte und zu Boden warf. Die Antiphon „O Pastor eterne“ anstimmend, verabreichte er ihm bei jeder Modulation mit der Gerten, die er in der Hand hielt, heftige Schläge auf den Rücken und brachte dem starrköpfigen Prior so das Singen der Historia bei von Anfang bis zum Ende<.

Der starrköpfige Prior lag nach der unsanften Behandlung einige Tage in einer Art Schockzustand, aus dem er von St. Nikolaus erlöst wurde. Er genehmigte daraufhin nicht nur seinen Mitbrüdern das Singen des neuen Nikolausofficiums, sondern erklärte:

>Solange ich lebe will ich der erste und beste Sänger der Historia dieses großen Kirchenvaters sein<.

Die Geschichte zeigt, daß man in den Legendenfälscher- und Erfinderwerkstätten der Kirche sogar Heilige dazu mißbrauchte, den abtrünnigen Glaubensbrüdern Neuerungen einzutrichtern. Immerhin nutzte man Attribute, die von den Göttern auf den Heiligen übertragen wurden, wie in dieser Legende die Rute, die hier erstmalig erwähnt wird.

Zur Popularisierung des Nikolauskultes in Frankreich um die Jahrtausendwende trug besonders die bedeutende Kathedralschule in Liège bei, während im deutschsprachigen Raum die griechische Gattin Kaiser Otto II. (vermählt 972), Theophano, eine wichtige Rolle spielte. Seit dieser Zeit lassen sich die ersten Nikolauskultstätten in Deutschland nachweisen, z. B. Brauweiler bei Köln. Die Nikolausverehrung begann weiter zu wachsen, nachdem 1087 die angeblichen Gebeine des Heiligen von Myra nach Bari in Unteritalien verbracht worden waren. Dies bewerkstelligten lokale Kaufleute, um ihrer Stadt Einnahmen zu sichern. Bari wurde zur bedeutendsten Nikolauspilgerstätte. Doch nicht nur reiner Reliquienkult lockte Pilger nach Bari, sondern auch das Phänomen des Nikolausöls. Dies ist eine wasserklare Flüssigkeit, die der Marmorsarkophag des Bischfs von Myra bis heute abgibt.

>Und noch heutigen Tages fließet aus seinem Leichnam Öl, das ist gesund wider alles Siechtum<

heißt es dazu in der „Legenda auria“ des Jakobus Deboráigne aus dem 13. Jh. Das Hervortreten des Nikolausöls wurde in der zweiten Nocturne (Gesang der 9. Stunde) des Nikolaustages mit einem eigenen Responsorium (Antwortgesang) besungen.

Welch bedeutende Rolle der hl. Nikolaus im mittelalterlichen Schrifttum gespielt hat, zeigt sich beispielsweise daran, daß eines der ältesten erhaltenen englischen Gedichte nicht nur die Jungfrau Maria, sondern auch ihn zum Thema hat. Es handelt sich dabei um ein Gebet des Einsiedlers Godwick, der später heilig gesprochen wurde. Wie sein Biograph, der Mönch Reginald überliefert, habe St. Godwick eines Nachts mit lauter Stimme gesungen und den heiligen Nikolaus angerufen. Da habe ihn der Bischof von Myra im Traume besucht und zusammen mit ihm in einem Chor von Engeln gesungen. Das Gebet Godwicks ist in der Handschrift mit einer Melodie unterlegt. Der Text lautet:

>Sancte Nicolae, lieber Herre,
Getreuer, milder Nothelfer.

Allen die in Nöthen sein
Ich empfehle mich in die Treue dein.
Sei gnädig, lieber Herre

Und alle Not verkehre,
Die immer mich umpfangen hat
Das ich von meiner Missetat
Wird gnädiglich entbunden
Daß ich mit Gott die Himmelsfreud’
Besitzen mög’ in Ewigkeit<.

Anrufungen wie diese, die vielleicht bis ins 12. Jh. zurückgeht, wurden sicher auch von vielen Pilgern gebetet.

Die Nikolausverehrung ging dann von Italien über Frankreich nach Deutschland (Köln, Trier), dann Dänemark, Island und ostwärts durch die Hanse bis Riga und Reval.
In der Zeit vom 11. bis 16. Jh. wurden Nikolaus diesseits der Alpen mehr als 2200 Kirchen erbaut, meist in Küsten- und Hafenorten (nordeuropäische Küstenstädte), außerdem finden sich die Nikolauskapellen meist an Gewässern, Seen und Flüssen. Forscher interpretieren das meist mit den damaligen üblichen Reise- und Handelswegen entlang der Flüsse, die Christen aber führen es auf eine Nikolauslegende zurück, die recht alt ist: Die Rettung der Schiffer aus Sturmesnot. Die Legende lautet:

>Einstmals waren Leut auf dem Meere auf einem Schiff, do wart ein solich großes Ungewitter, daz sich dieselben Leut ihres Leibes und Lebens verwegen hätten. Do rufften sie allgemeinlichen: Sankt Niklaus, du Gottes Diener, wir bittend dich, sei wahr, was man von dir sagt, so laß uns befinden deine Hilfe und hilf uns aus dieser Not! Zu derselben Stunden erschien ihnen ein Mann, der war Sankt Niklaus gar gleich und sprach: Was wollet ihr, ich bin hier! Und half ihnen mit den Rudern und Seilen und schiere wart das Meer gestillet. Do wurden sie gar froh und dankten Gott und Sankt Niklaus der Gnaden.<

Auch das Responsorium „Quadam dice“ aus der ersten Nocture des Nikolausofficiums rühmt die Rettung der Seefahrer durch den Heiligen.
In dem Kirchenlied „St. Niklaus du lieber Herr“ aus dem 12. Jh. heißt es in Strophe 3:

>Durch deine Stärke bringest du
O Heilger, Land und See zur Ruh<.

Bei ihrer Übernahme in den westlichen Kulturkreis wurde die byzantinische oder gotische Legende von der Rettung der Seefahrer entsprechend umgedeutet. So findet sich z. B. eine Lesart, wonach Nikolaus im Jahre 1066 den Normannenführer Willhelm aus einem Seesturm rettet, als dieser sich gerade auf den Weg nach England befindet, um es zu erobern.
Die Legende von der Rettung der Seefahrer ist der Grund, warum Nikolaus Patron der Seefahrer und Flößer, der Schiffer, Fischer, Brückenbauer sowie der Reisenden zu Wasser und zu Land geworden ist.

Aber auch diese älteste Nikolauslegende ist heidnischen Ursprungs und wurde in ähnlicher Form bereits von unseren Ahnen über Wodan erzählt. In den schon erwähnten Reginsmál der älteren Edda findet sich die genaue Entsprechung der Rettung eines Schiffes aus Seenot durch Hnikarr. Es heißt da:

>König Hjalprek gab dem Sigurðr Schiffsvolk zur Vaterrache. Da traf sie ein gewaltiges Unwetter, also daß sie vor einem Vorgebirge kreuzen mußten. Ein Mann stand auf dem Felsen und sprach:

„Wer reitet dort auf Rävils Hengsten
Über wilde Wogen und wallendes Meer?
Von Schweiße schäumen die Segelpferde:
Die Wellenrosse werden den Wind nicht halten.“

Regin antwortete:
„Hier sind wir mit Sigurðr auf Seebäumen:
Wir fanden Fahrwind, in den Tod zu fahren.
Über die Schiffsschnäbel schlägt uns das Meer:
Die Flutrosse fallen; wer fragt danach?“

Der Mann sprach:
„Hnikarr hieß man mich, wenn ich Hugin erfreute,
Junger Völsung, auf der Valstatt.
Nun magst du mich nennen den Mann vom Berge,
Fengr oder Fjolnir; Fahrt begehr ich“.

Da legten sie ans Land und der Mann ging aufs Schiff, und da legte sich das Wetter.<

Soweit nun also das Original, die Vorlage der Nikolauslegende. Es ist die gleiche Geschichte, und es ist der gleiche Name: Hnikarr und Nikolaus. Dies ist keine zufällige Ähnlichkeit, sondern eine absichliche Übernahme. Wodan Selbst stillt das Meer, wie es z. B. auch die Eddastrophe Hávamál 154 erwähnt, und daß der Gott auch um guten Wind von den Seefahrern angerufen wurde, ist bezeugt.
Die Erzählung geht dann weiter, daß Hnikarr (so wird Er von Sigurðr angeredet) günstige Vorzeichen für den Ausgang einer Schlacht lehrt. Hier ist Er nun wiederum der Gott, der den Ausgang der Schlacht lenkt und die gefallenen Helden in Valholl empfängt. Gibt es nun zu dieser Zuständigkeit von Wodan nicht vielleicht auch eine Parallele zur Nikolaus? Es gibt sie: Es ist bezeugt, daß auch Nikolaus bei Kämpfen um Hilfe angerufen wurde. Nikolaus wurde z. B. Schutzheiliger der Kreuzzügler. Als am 5. 1. 1477 die Truppen Herzog Renés II. von Lothringen in der Schlacht bei Nancy die Großmachtspläne des Burgunderherzogs Karl des Kühnen zunichte machten und Lothringen damit seine Unabhängigkeit sicherten, hatten die Lothringer zuvor Nikolaus um Sieg angerufen. Der Chronist Jean Darcie berichtete:

>... Ließen Herzog Renée und alle Vornehmen des Landes bereits ganz zu Beginn des Tages vor dem Altar des Monseigneur St. Nicolas feierlich eine Hochmesse singen<.

Die Bürger von Nancy riefen den Heiligen um Unterstützung gegen die Eindringlinge an, während einer der Bannerträger des Herzogs eine Abbildung von St. Nikolaus in die Schlacht trug. In einem Lied, das aus Sicht der als Söldner betheiligten Schweizer Truppen geschrieben ist, heißt es:

>Sankt Niklaus, wir sind hergesandt
Zu retten dir dein eigen Lant.
Nun thu uns deiner Hilfe Schein

Und erzeig uns auch der Gnade dein’<.

Tatsächlich brachte das übermächtige Heer Herzog Renées dem Burgunderhaufen eine vernichtende Niederlage bei. Über die Folgen dieser Schlacht ist dann in der Chronik zu lesen:

>Der Herzog aber wollte nicht die ganze Lobpreisung für sich behalten und gab für seinen Sieg Gott und der Jungfrau, seiner Mutter, die Ehre. Gleichermaßen schrieb er Ruhm dem hochwürdigen hl. Nikolaus zu, und hieß ihn „Vater des Landes, Herzog und Verteidiger von Lothringen“.<

Nikolaus wurde nun Patron Lothringens und wenige Monate später wurde ein Schauspiel „Das Wunder des heiligen Nikolaus“ vor Herzog Renée aufgeführt. Im Wallfahrtsort St. Nicolas de Port wurde eine gewaltige, noch heute sichtbare spätgotische Basilika errichtet.

Der Name „Nikolaus“ bedeutet griechisch übersetzt „Volkssieger“ und erinnert an die Siegesgöttin Nike.

In den Cathedral- und Klosterschulen entstanden aus den Legenden die Mysterienspiele, die man am Nikolaustag aufführte. Der 6. 12. als Gedächtnistag ist zuerst auf einem Kalender von 821-841 (Neapel) aufgeführt, er liegt der Wintersonnenwende und dem Julfest sehr nahe. In den meisten Nikolauslegenden finden wir daher oft Erklärungsversuche für ursprünglich heidnische Bräuche in der Vorweihnachtszeit. Die Legende vom starrköpfigen Prior, den Nikolaus mit einer Rute prügelt, hatte ich schon erwähnt. Der Schlag mit einem grünen Zweig als Lebens- und Fruchtbarkeitszweig, mit dem dem Geschlagenen Lebenskraft und Fruchtbarkeit übertragen wird, ist ein heidnischer Brauch, der vom Totenfest (Martinsgerte) über die Vorweihnachtszeit (Nikolausrute, Barbarazweige), Weihnachten (Pfefferlestag), Fasnacht (Fasnachtspritsche) bis Ostern (Osterstiepen) geübt wird. Die Lebenskraft kommt dabei natürlich von der Gottheit selbst. Aus dem heidnischen Lebenszweig machten die Legendenerfinder der Kirche die strafende Rute des Nikolauses.

Aus dem Kloster von Fleury im französischen Centralmassiv sind vier mit Neumen (Noten) versehene Nikolausspiele (Ludu Sancti Nicolai) erhalten, von denen zwei legendenhafte Erklärungen für volkstümlich-heidnische Bräuche der Vorweihnachtszeit bieten.
Eines davon ist das „Ludus Trium Filiarum“, das Spiel von den drei Töchtern. Es ist die Dramatisierung eines der beliebtesten und ältesten Wunderwerke des Heiligen:

>Einst wurde Nikolaus erzählt, daß zu Patara ein Mann vom Adel so sehr verarmt sei, daß er sich entschlossen habe, die Unschuld seiner drei gut erzogenen Töchter dem Laster preiszugeben, um sich, der sich des Bettelns schämte, vor dem Hungertode zu retten. In der nächsten Nacht suchte er das Haus des unglücklichen Vaters auf und warf durch das offene Fenster einen Klumpen Gold hinein, womit der bekümmerte Mann seine älteste Tochter versorgte. Dieses wiederholte er zum zweiten und dritten Male, um auch die Unschuld der beiden andern Töchter zu retten. Aber die dritte Nacht hatte der Vater geflissentlich mit Wachen zugebracht, um den unbekannten Wohltäter kennenzulernen. Als der Heilige sein drittes Geschenk in die Kammer warf, eilte ihm der Vater schnell nach und warf sich ihm voll Dankbarkeit zu Füßen, und bat ihn, seinen Namen zu nennen. Dieser gab sich als Nikolaus zu erkennen und forderte den Beschenkten auf, nicht ihn, sondern der Größe Gottes Dank zu sagen. Vater und Tochter priesen daraufhin Gott.<

Die Legende von den drei heimlich von Nikolaus durchs Fenster geworfenen Goldklumpen oder auch goldenen Kugeln oder goldenen Äpfeln – drei goldene Äpfel wurden deswegen zu Nikolaus Attribut – liefert wiederum eine christliche Eklärung für die überall üblichen heidnischen Vorweihnachtsbräuche. Da werfen Burschen ihren Mädchen heimlich Gaben (Äpfel und Nüsse) durch das Fenster in die Stube, oft auch ein „Wepelrot“, ein mit Geschenken behängtes Rad, da teilt der Gott Selbst (ein als Gott verkleideter Bursche) „Äpfel, Brote und Nüsse“ an die Menschen aus, die Seinem Roß Hafer in Schuhen hingestellt hatten. Die Äpfel sind übrigens Symbole des Lebens, der Jugend, auch wohl der Wiedergeburt. Im germanischen Mythos hütet die Göttin Iðunn die Äpfel der Jugend für die Götter und Jenseitigen. Nüsse sind Symbole für das aufkeimende Wachstum des neuen Jahres, die Schuhe oder Strümpfe, die man (ursprünglich mit Hafer gefüllt) aufstellt oder aufhängt, sind Symbole für Fruchtbarkeit. Das Wort „Fos“ (Fuß) ist mit „Fasen“ (Fruchtbar sein) verwandt, im Mythos der Schöpfung erzeugte der Urriese Nachkommen mit seinen beiden Füßen, und im Volkslied „Wenn alle Brünnlein fließen“ heißt es:

>Ja, winken mit den Äugelein und treten auf den Fuß,
Ist eine in der Stube drin, die meine werden muß.<

als Symbol für die Zeugung. Im Märchen vom Aschenputtel wird die richtige Braut an ihren Füßen erkannt und daß bei einer heidnisch geschlossenen Hochzeit Braut und Bräutigam an den Beinen (Unterschenkeln) verbunden werden, kann man bereits auf dem broncezeitlichen schwedischen Felsbild von Hvitlycke sehen.

Nikolaus Attribute sind außer den drei goldenen Äpfeln oder Kugeln, die auf einem Buche liegen, drei Brote, die Nikolaus als Gabenbringer kennzeichnen, drei Mädchen oder drei Kinder in einer Kufe zu seinen Füßen, die den Mythos der drei erschlagenen Kinder symbolisieren und ein Anker, der sich aus seiner Funktion als Gott der Seefahrer erklärt. Ferner finden sich noch zuweilen das Schiff und der Geldbeutel. Möglicherweise wird mit dem Schiffsattribut auch an Wodan als Totenschiffer erinnert, natürlich ist es auch wieder der Bezug zur Schifferrettung. Im 15. Jh. bauten sich die Kinder Papierschiffchen, in die St. Nikolaus ihnen über Nacht je nach Folgsamkeit, Lerneifer und religiösem Streben Geschenke einlegte. Dazu sagte man:

>Heiliger Sankt Nikolas,
In meiner Not micht nit verlaß,
Kommt heint zu mir und leg mir ein
In mein kleines Schiffelein,

Darbei ich euer gedenken kann,
Daz ir seid ein frommer Mann.<

Der Geldbeutel als Attribut geht wohl auf celtische Vorstellungen zurück. Dem germanischen Wodan entspricht der Gott Merkur. Merkur aber wurde bei den Galliern auch mit dem Geldbeutel dargestellt. Wenn Nikolaus also Wodan und Merkur ersetzt, dann mußte er auch dessen Attribut, den Geldbeutel, übernehmen. Die ganz eindeutigen Attribute (Speer, Einäugigkeit, Raben, Wölfe) wurden dagegen nicht von Nikolaus übernommen, so weit ging man dann doch nicht. Außerdem muß man berücksichtigen, daß in dem heiligen Nikolaus natürlich auch nichtgermanische Vorstellungen einflossen, schließlich wurde er in Griechenland, Rom und Frankreich genauso populär, wie in Germanien. Derartige Einflüsse können auch vorliegen bei denjenigen Nikolauslegenden, für die wir keine Entsprechungen in unserer Mythologie finden.

Der schwäbische Zeitkritiker Sebastian Franck hat in seinem „Weltbuch“ von 1534 vermerkt, auf welche Art manche Schüler die Freigebigkeit des Heiligen steigern wollten:

>Etliche Kinder fasten St. Nikolaus Abend so fest, daß man sie etwa zu essen nöthen muß<.

Der Lutheraner Thomas Kirchmayer, der sich latinisirend „Naogeorgus“ nannte, verknüpft seine Beschreibung des Brauches mit einer saftigen Polemik gegen die Papisten:

>Wenn sie dann schlaffen gangen sein
tregt die Mutter mit Hauffen ein
Nüß, Äpfel, Pirn, Hosen und Schuh,
Kreuz, Gürtel, Bäntlin, Schleiertuch.
Ein scharpffe Rut lauft mitunter,
dis hat die Kint am Morgen Wunder
sprechen, es sei St. Niklaus Geschenken
das man seyn lang dabei gedenken
verführen also das junge Geblüt
das sie wenden ir Sinn und Gemüt
von Gott, den Glauben zu verletzen
ir Hoffnung zu den Heiligen setzen.<

Das Attribut der drei Kinder in einem Fäßchen wird mit einer jüngeren Nikloauslegende erklärt. Auch sie ist unter dem Titel „Tres Clerici“ unter den vier erhaltenen Mysterienspielen aus Fleury zu finden: Drei junge wandernde Cleriker werden von dem Fleischerehepaar, bei dem sie Herberge genommen haben, aus Geldgier ermordet und in einem Salzfaß eingepökelt. Nikolaus kommt als Reisender vorbei, erkennt die Schandtat und überführt die beiden Alten. Zum Schluß des Spieles flehen die Sünder um Verzeihung. St. Nikolaus erweckt die Schüler daraufhin zum Leben und bittet Gott in einem Gebet für die Sünder um Vergebung. Diese Legende finden wir auch in der Form, daß drei Kinder um Gaben bettelnd umherziehen. Damit wurden also die üblichen Vorweihnachts-Heischeumzüge der Kinder „christlich“ erklärt. Daß Wodan Tote wiederbeleben kann, ist aus den Überlieferungen bekannt.
Andere Legenden erzählen, wie Nikolaus einen geraubten Sohn den Eltern wiedergibt oder wie Nikolaus ein verbranntes Kind heilt und wiederbelebt.

Statt des ursprünglich gewählten Wodansdarstellers wurde später unter den Jugendlichen ein Nikolausdarsteller bzw. ein Kinderbischof gewählt, der die öffentlichen Umzüge leitete. Es gab viele Gruppen von Halbstarken, die kostümiert umherstreiften, herumtollten und dabei bettelten. Dies ist an die Mittwinterumzüge der Ahnenseelen angelehnt. Das Conzil von Basel kritisirte 1435:

>Das Etliche mit Mithrenstab und Kleidung wie die Bischöf den Segen geben, Tänz-, Zechen- und andere Gaukelspel anrichten<.

100 Jahre später bemerkte Sebastian Franck dazu:

>An St. Niklaus wählen die Schüler unter ihnen einen Bischof und zween Diakon, die sitzen in iren Ornaten mit einer Prozession in die Kirch geleitet bis das Amt vürbei ist, alsdann gehet der Niklausbischof mit all seinen Hofgesind zu singen für die Häuser und das heißt nit gebettelt, sondern dem Bischof ein Steuer gesammelt<.

Diese Kinderbischöfe, zusammen mit Nikolaus- und Wodansumzüen, wurden die Vorläufer der heutigen Weihnachtsmänner. Im Brauchtum tragen die Umherziehenden oft Namen wie Pelzmärte, Nußmärte, Pelzbock, Teufel, Klaubauf, Bartl und Rupprecht. „Rupprecht“ kommt von „hruodperaht“, der „Rumhmumglänzte“ und ist Wodan. Im Volksglauben wird Nikolaus dargestellt meist im roten bischöflichen Ornat oder auch in einem weißen Laken (manchmal mit umgebundenen Ähren ), mit langem weißen Bart und mit breitkrampigen Hut. Bart und Breithut sind eindeutige Attribute Wodans: Siðhöttr (Langhut) ist ein Beiname Wodans in den Grimnismál, desgleichen Hárbarðr (Graubart) und Langbarðr (Langbart), ähnlich ist Sein Beiname Siðskeggr (Langbart). Nikolaus wird mit einem schwarzen Mantel dargestellt, Wodan mit einem dunkelblauen. Nikolaus reitet ein Roß, und zwar in der Regel einen Schimmel, wie Wodan den Schimmel Sleipner reitet. Zusammen mit dem Nikolaus ziehen oft auch zwölf Burschen herum, die man „Klausen“ nennt.

Das Werfen der Gaben durch den Schornstein (statt durchs Fenster) soll aus den kalten Regionen Rußlands gekommen sein, wo die Menschen in Erdhöhlen lebten, die oben eine Öffnung zugleich als Rauchabzug hatten. Der Schlitten als Attribut des Nikolauses oder Weihnachtsmannes ist auch ein germanisches Attribut. So sagt Wodan im Eddalied Grimnismál selbst:

>Kialar schien ich, da ich Schlitten zog<,

Der Schlitten heißt altnordisch kjalki. Die Rentiere aber sind erst in Finnland als Schlittenzieher aufgekommen.

Heute finden sich in Süddeutschland meist zwei Figuren, Nikolaus und „Knecht“ Rupprecht. Letzterer ist Wodan, nun als Knecht verspottet. Der dunkle Begleiter des Gottes aber symbolisierte ursprünglich Dämonen des Winters die Felle, Tiermasken, Säcke, Ruten trugen und schwarz auftraten. In Tirol erscheint sogar direkt der „Wilde Jäger“ Wodan im Nikolausspiel.
Ganz deutlich wird die Identität des Heiligen mit dem Gott in einem thüringer Kindervers:

>Wer kommt denn da geritten?
Herr Wude, Wude, Nikolaus!
Laß mich nicht lange bitten
Und schüttle deinen Beutel aus<.

Weil also ernsthafte Belege für die Existenz eines Heiligen Nikolauses fehlen, und weil mittlerweile selbst der Kirche klar geworden ist, daß sie hier vorchristliche, heidnische Überlieferungen pflegt (siehe hierzu Dr. Manfred Becker-Huberti, Köln, auf der Netzseite der Kirche: www.nikolaus-von-myra.de/lexikon/wotan.html), strich im Jahre 1969 das 2. Vatikanische Concil den Nikloaus kurzerhand aus dem offiziellen Heiligenkalender der katholischen Kirche, stelle aber die Feier seines Gedenktages frei.

 

© 2005 Allsherjargode Géza v. Nahodyl Neményi