Öffentlichkeitsarbeit und Presse

 

Die folgende Aufstellung zeigt die Arbeit des Allsherjargoden und soll einen Überblick über bisher gestartete Aktionen geben:

● Suche des „Altarsteins“ und Antrag auf Umlegung desselben in das Heiligtum Hexengraben (der ursprüngliche Opferstein sollte an seinen originalen Platz kommen) (1984);
● Antrag auf Entzündung eines Osterfeuers und weiterer Festfeuer auf dem Rüdesheimer Platz in Berlin, der ein altheidnisches Heiligtum ist (1984);
● Antrag auf Genehmigung einer Feier auf dem Blocksberg Scharfenberg (1984);
● Einschaltung des Berliner Datenschutzbeauftragten wegen der illegalen Veröffentlichung personenbezogener Daten von Heiden durch den Innensenator von Berlin (1985);
● Umlegung eines gefährdeten Schalensteines (Opfersteins) von Lankwitz an seinen ursprünglichen Platz (1986);
● Abwehr des Berlin bedrohenden radioaktiven Regens nach Czernobyl durch einen Galdr (Zaubergesang) an den Gott Donar (1986);
● Antrag an den Ortsbürgermeister Charlottenburgs, die Anbringung von Hinweistafeln auf das Heiligtum Lietzensee und den Heidenfriedhof zuzulassen (1986);
● Vereinbarung zur Zusammenarbeit mit isländischen Heiden (1988);
● Klage gegen das Land Berlin wegen Feuergenehmigungen (1991);
● Anrufung des Petitionsausschusses des Abgeordnetenhauses von Berlin gegen religiöse und politische Diskriminierung von Heiden durch die Senatssektenbeauftragte (1994/95);
● Verwaltungsgerichtsklage gegen den Senator für Inneres wegen der Erwähnung der GGG im Titel eines zitierten Buches in einem Bericht des Innensenators;
● Antrag beim Forstamt auf Nutzung eines Berliner Heiligtums mit Feuer (1995);
● Verhandlung mit dem Bischöflichen Ordinariat wegen des Papstbesuches für einen interreligiösen Dialog mit der Kirche (1996);
● Anrufung des Deutschen Presserates wegen Diskriminierung von Heiden des Yggdrasilkreises in den Medien (1996);
● Verhinderung der Olympiateilnahme Berlins durch Zauber, da bei einer Teilnahme ein Naturschutzgebiet und Heiligtum zugebaut werden sollte (1996);
● Einspruch gegen den Bau eines Hotels auf dem Hohen Meisner in Hessen, einem bedeutenden Frau-Holle-Heiligtum;
● Antrag beim Kultusministerium Brandenburgs, im Unterricht LER (Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde) auch das germanische Heidentum zu berücksichtigen (1997);
● Einspruch gegen die Bebauung des Landschaftsschutzgebietes Teufelsberg in Berlin (1997);
● Mitgründung des Dachverbandes WCER in Litauen (1998);
● Einspruch gegen den Ausbau des Flughafens Berlin-Schönefeld, weil dadurch heidnische Opfersteine (Riesensteine) zerstört werden;
● Briefwechsel mit der "Jungen Gemeinde", einen christlichen Open-Air-Gottesdienst im Heiligtum Brautrummel zu unterlassen (1999);
● Protest beim Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bundesaußenminister Fischer gegen eine deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg (1999);
● Einspruch gegen den Ausbau der Externsteine zur Freilichtbühne (1999);
● Anzeige gegen „Jesus-Skins“ wegen Beleidigung der Götter in einem ihrer Lieder (2002);
● Antrag auf Gleichbehandlung von Heiden mit Vertretern der Kirche durch den Deutschen Bundestag, Anrufung des Petitionsausschusses des Bundestages (2002/03);
● Anrufung des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages wegen der Verhinderung der Ausübung des Heidentums in den Heiligtümern (2002);
● Antrag auf Wiedererrichtung der heidnischen Altarplatte bei den Externsteinen bzw. Schutz derselben durch Einzäunen oder Abdecken (2002-04);
● Ausarbeitung eines Friedensplanes für Israel und Palästina ohne eine Teilung des Landes (2002);
● Stellungnahme im Namen der traditionellen Heiden gegen den Irakkrieg (2003);
● Antrag beim Petitionsausschuß des Abgeordnetenhauses wegen ungestörter Ausübung heidnischer Religion (2003);
● Antrag bei der EU-Kommission und beim Bundeskanzler Gerhard Schröder, einen Götterbezug in der EU-Verfassung zu verankern (2003);
● Anzeige gegen die Berl. Polizei wegen Störung einer heidnischen Feier, Widerspruch gegen die Einstellung des Verfahrens, Anrufung des Petitionsausschusses des Abgeordnetenhauses Berlin (2003/04);
● Einschaltung der Senatsbeauftragten für neue religiöse Bewegungen in Berlin, um für die Heiden eine Aufhebung des Feuerverbotes zu erreichen (2004);
● Stellungnahme im Namen der traditionellen Heiden gegen eine Reduzierung des Wolfsbestandes in Sachsen (2004);
● Anrufung des Verfassungsgerichts des Landes Brandenburg, Verfassungsbeschwerde gegen die Neufassung des Landeswaldgesetzes (2004);
● Versuch, einen Verhandlungstermin mit dem Regierenden Bürgermeister Wowereit sowie mit der Senatorin Junge-Reyer zu bekommen, um über das faktische Verbot des Ausübens des Heidentums zu verhandeln (2004-06);
● Protest gegen die Erschießung des Bären Bruno (2006);
● Versuch, einen Verhandlungstermin mit dem Leiter des Landesforstamtes Berlin zu bekommen (2005-07);
● Verhandlung mit dem Leiter des Landesforstamtes Berlin (2008);
● Vorgehen gegen die religiöse Diskriminierung des Heidentums auf den Internetseiten der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung: Schreiben an den Minister Rupprecht und Ministerpräsidenten Platzek sowie Anrufung des Petitionsausschusses des Brandenburger Landtages und Widerspruch gegen dessen Entscheidung (2008/09).
● Informierung des Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe, Günter Nooke, über das uns verweigerte Recht auf freie Ausübung der Religion (Februar 2010)

Von diesen Projekten waren leider nur die wenigsten erfolgreich, ein Dachverband hätte vermutlich mehr erreichen können.

 

 

Medienberichte über Géza-Árpád v. Nahodyl Neményi

 

Fernsehen:
„Berliner Abendschau“, Sendung vom 16. 1. 1985, ARD,
„Drei nach Neun“, Talkshow vom 17. 5. 1985 auf  NDR 3 mit Dagobert Lindlau (siehe Bild),

 

Drei nach Neun: Im Gespräch mit Dagobert Lindlau

„Wotans Wiederkehr“, Sendung vom 19. 1. 1990 auf NDR 3 (auch in SR-DRS);
„High-life“, Sendung vom 8. 3. 1991, RIAS-TV;
„Explosiv“, Sendung vom 24. 2. 1994, RTL-Television;
„Himmel und Erde“, Sendung des Kirchenfunkes vom  11. 10. 1994, ORB;
„Einspruch“, Talkshow mit Ulrich Meyer vom 11. 4. 1994, Sat.1 (siehe Bild);

 

Sat. 1-Einspruch mit Ulrich Meyer.


„Zeit-TV“, Sendung über Mittsommerfeiern vom 22. 6. 1995, Vox;
„Odins Erben auf dem Vormarsch“, Sendung vom 2. 8. 1995, NDR 3;
„Die Schwarze Sonne“, Dokumentarkinofilm von Rüdiger Sünner, TV-Premiere am 29. 5. 1998 bei Arte;
„Lexi-TV“, Sendung vom 30. 4. 2002, MDR;
„Roots Germania“, Dokumentarfilm von Mo Asumang, TV-Premiere am 5. 11. 2007, ZDF (siehe Bild);

 

Roots Germania: Im Interview mit Mo Asumang

„Brandenburg aktuell“, Sendung vom 2. 3. 2008, RBB.
„Welcher Glaube für mein Kind“, Dokumentation, 20. 11. 2010, arte.

Radio:
Bericht am 16. 1. 1985, „s-f-beat“, SFB 2;
Bericht am 25. 10. 1988, „s-f-beat“, SFB 2;
„Thema des Tages”, Sendung vom 17. 2. 1989, Radio 100 Komma 6;
Bericht am 19. 7. 1989, „s-f-beat“, SFB-Stadtradio;
Bericht am 28. 12. 1989, „s-f-beat“, SFB 2;
Live-Interview  am 21. 6. 1991 im Radiosender DT 64;
Bericht und Interview am 17. 10. 1991 im Deutschlandfunk;
„Wodans Wiederkehr?“ Feature, Sendung „Logo“ am 20. 5. 1992 im NDR 4;
Bericht am 3. 7. 1992, SFB 4;
„Wotan kehrt zurück“, Sendung vom 9. 5. 1993, SFB 3;
Live-Gespräch (3 Std.) in der Sendung „Blue Moon“ 28. 6. 1993, Radio Fritz;
„Hakenkreuz im Heiligen Hain“, Interview, Sendung vom 12. 9. 1993, SDR 1;
Bericht am 19. 11. 1993 im ORB-Radio Brandenburg;
„Runen raunen“ am 13. 12. 2001 im Deutschlandradio Berlin.

(Anmerkung: Die Listen sind nicht vollständig und wurden nur Anfangs geführt).

Eine Zusammenstellung der Zeitungsberichte ist wegen der großen Zahl nicht möglich. Im Archiv befinden sich drei Ordner, wo die Berichte eingeheftet sind. Hier daher nur ein paar Beispiele aus Zeitungen und Zeitschriften:

 

 

 

 

Journalisten benutzen bitte für Anfragen an den Allsherjargoden das Kontaktformular.

 

Interviews

 

Interview mit Géza von Nahodyl Neményi, dem deutschen Allsherjargoden

Aus der dänischen Zeitschrift "Valravn" (Nr. 13, Mai 2005, S.10-13, IISSN 1601-9687). Interviewer: Valdemar Ravn.

 


 

 

[Valravn] Wie wurden Sie Asengläubig?

[Allsherjargode] Mir hatte im Christentum der Bezug zur Natur und Kultur gefehlt. Durch Bücher über germanische Mythologie, Runen und die Eddas bin ich zu diesem Glauben gekommen. Das war 1982.

[VR] Was haben Sie in Verbindung damit erreicht?

[Allsherjargode] Ich will die Bedeutung meiner heidnischen Täigkeit für die deutsche Gesellschaft nicht überschätzen. Die Mehrheit der Deutschen kennt das Heidentum gar nicht, und mich noch weniger. Es hat sich zwar einiges in den letzten Jahren zum Besseren gewendet, doch das kann ich mir nicht zuschreiben, mein Anteil daran ist - wenn er überhaupt besteht - eher gering. Ich bin allerdings auch zuerst für die Alt-Heiden zuständig, nicht filr die christliche Mehrheit in unserem Lande. Es laufen noch verschiedene Projekte (Verhandlungen mit den Behörden) um uns einen annehmbaren Status zu gewähren.
Ich persönlich bin sehr froh, daß ich den Weg zum Heidentum gefunden hatte, denn dieser Glaube ruht ja fest in der Volkstradition, erschließt uns alte Kulturgüter und vor allem ist er - nach meiner festen Überzeugung ­"wahr" wie eine Religion eben nur "wahr" sein kann. Ich kann Zwiesprache mit den Göttern halten und so mein Leben nach Ihren Regeln ausrichten. Die Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu (aber auch: Wodurch) sind durch den heidnischen Glauben beantwortet.

[VR] Wie sehen Sie selbst den Asenglauben?

[Allsherjargode] Der Asenglaube ist die Religion unserer Vorväter und damit unser Natur und Mentalität, aber auch unserer Kultur optimal angepaßt. Dieser Glaube hilft uns, die Natur wieder mehr in den Mittelpunkt zu stellen und in Einklang mit ihr zu gelangen.

[VR] Sie verwenden die Begriffe "Germanen-glaube" und "traditionelles Heidentum", warum?

[Allsherjargode] Die Begriffe "traditionelles germanisches Heidentum" oder "Alt-Heidentum" verwenden wir seit 2003, da es mittlerweile viele heidnische/asengläubige Gruppen gibt, die aber im Gegensatz zu uns nicht "traditionell" im engeren Sinne sind. "Germanenglaube" bezeichnet unsere Religion genauso, wie "germanisches Heidentum". Bekanntlich gibt es auch keltisches Heidentum oder andere Formen des Heidentums, daher ist eine genaue Bezeichnung sinnvoll.

[VR] In Skandinavien gibt es ein Schisma, daß Schamanentrommeln, Astrologie und Edred Thorsens Hammeritus nicht mit traditionellem nordischem Heidentum vereinbar seien. Wie sehen Sie dies?

[Allsherjargode] Unsere Vorfahren kannten ganz eindeutig Riten, die die Wissenschaft heute als "schamanisch" kennzeichnet; viele Mythen von Óðinn sind eindeutig schamanischer Art, und Tontrommeln oder andere rituelle Percussionsinstrumente (der bekannte schwedische Broncegong, die Osebergrasseln usw.) wurden ja in Germanien gefunden. Ich möchte hier auch die gute Arbeit der Leute um die Zeitschrift Gimle (K. Norberg) würdigen. Es gibt also schon Heiden in Skandinavien, die die schamanischen Aspekte der Mythen erkennen.
Astrologie im modemen Verständnis gab es so noch nicht, es gab aber stjornulist (Sterndeutung). In der Landnámabók (III, 13) z. B. betreibt dies eine Königstochter, auch die Ljósvetninga saga (14) erwähnt Sternendeuter, und ausführlich schildert es der Rauðs þattr ok sona hans (2). Bekannt ist auch der Oddi Helgason ("Sternen-Oddi") der Odda Tala.
Schon zu Anfang des 19. Jahrhunderts ordnete der Forscher Finn Magnusen den Grimnismálversen 4-17, die ja in 12 Strophen 13 Götterburgen erwähnen, Monate und Tierkreiszeichen zu, weitere Forscher folgten ihm, z. B. F. J. Mone (1822). Neuerdings findet sich diese Zuordnung der Tierkreiszeichen zu den Götterburgen auch in der Ausstellung über die Isländische Geschichte, die ich Mittsommer 2000 im Museum Þjóðmenningarhús in Reykjavik sehen konnte. Hier ist ein Modell des Kosmos der Wikinger dargestellt mit Tierkreis und den Welten. Neben den Tierkreiszeichen stehen die Namen der Götterburgen der Grimnismal. Auf meine Nachfrage beim Verantwortlichen dieses Modells, Gisli Sigurdsson, erhielt ich die Antwort, daß die Idee hinter diesem Modell den Ausarbeitungen von Bjorn Jonsson (Swan River Manitoba: Star Myths of the Vikings: A New Concept of Norse Mytho-logy. ISBN 0-9698116-0-8) sowie dem Isländer Einar Pálsson (der nur auf Isländisch veröffentlichte), folgt.
Wenn wir also unabhänig von dieser Ausstellung im renoinierten isländischen Museum astrologische Bezüge schon 1985 entdeckten, befinden wir uns in guter Gesellschaft. Seit der Entdeckung der Himmelsscheibe von Nebra kann niemand mehr mit gutem Gewissen behaupten, Astrologie hätte es bei unsern Vorfahren nicht gegeben.
Das Hammerritual des Eldaring gibt es bei uns nicht, es ist nicht traditionell. Bei uns ist es sogar verboten, denn Waffen (und ein Hammer ist eine Waffe) dürfen nach unseren Überlieferungen nicht in Tempel oder Heiligtümer gebracht werden. Dieses Verbot findet sich z. B. in der Vatnsdœla saga (17) und angedeutet bei Beda.

[VR] Sie geben auf der Homepage der GGG eine naturmythologische Erklärung zu Snorris Edda. Glauben Sie nicht, daß unsere Vorfahren ein tieferes geistiges Verständnis als dies hatten?

[Allsherjargode] Doch, Mythen können ja auf vielen Ebenen gedeutet werden. Die naturmythologische Deutung ist eine von vielen, trotzdem aber auch zutreffend. Die höheren Deutungen sollte man aber nicht im Weltnetz verbreiten.

[VR] Sie schreiben, daß Balder der Sonnengott ist. Wie kann dies der Fall sein, wo. doch die Sonne weiblich ist. Sowohl im Altnordischen als auch in all den skandinavischen Dialekten die noch zwischen männlich und weiblich unterscheiden, wie übrigens auch im Deutschen.

[Allsherjargode] Baldr ist Lichtgott und Gott des Tages. Das ist eine Interpretation, die sich auf folgende Indizien stützt:
1. Der Name ,,Baldr" kommt von indogerm. *bhel = weiß, licht.
2. In der Gylfaginning 22 heißt es: >Er ist von Gestalt so schön und hell, daß von ihm ein Leuchten ausgeht<.
3. In der Gylfaginning 22 wird Baldr mit der Pflanze Baldrsbrá verglichen, das ist die weiße Kamille, deren Blüten der Sonne mit ihren Strahlen ähneln.
4. Bei den Angelsachsen heißt der Gott Beldaegg und damit ist eine Verbindung von Bel/Baldr mit Dagr/Daeg gegeben.
5. Bei den Wenden wurde Bel-Bog ("Gott Bel") mit Dac-Bog ("Gott Dag", der Tag) gleichgesetzt, und dieser galt als Sonnengott.
6. Verwandte Gottheiten anderer Kulturen (Belenus, Apollo, Abelio, Abel) sind Sonnengötter.
7. Im Mythos steht Baldr dem Họðr entgegen, Họðr/Hotherus aber entspricht etymologisch dem griechischen Dunkelgott Hades. Họðr ist blind, weil er ein Dunkelgott (Nacht) ist, als Gegensatz zu Baldr (Tag).
Baldr verkörpert also auch einen Sonnenaspekt, den des Lichtes. Trotzdem gibt es eine Sonnengöttin Sól/Sunna, die andere Sonnenaspekte verkörpert.

[VR] Sie schreiben auf der GGG Homepage, daß sich der Mensch durch eine Reihe von Wiedergeburten entwickelt. Was hat dies mit traditionellem germanischem Heidentum zu tun?

[Allsherjargode] Schon in den Helgiliedern finden wir eine genaue Erwähnung der Wiedergeburt (endrborinn), überhaupt sind die Göttermythen selbst schon ohne diese Vorstellungen nicht zu verstehen: Baldr kehrt bekanntlich aus dem Totenreich zurück, desgleichen Óðinn als "der Mächtige von oben" und Þórr (Hyndluljóð 40f, Vọluspa Hauksbók 65).
In der deutschen Sprache gibt es noch heute das Wort "Enkelkinder", und dieses Wort bedeutet "kleiner Ahne" (Herkunftsduden S. 138). In den Enkelkindern verkörpern sich also die Ahnen wieder. Hinweise auf eine Wiederverkörperung gibt es auch in den Sagas, z. B. Egils saga Skallagrímssonar 32. Auch die Kelten und die vedischen Inder kannten die Wiederverkörperung, es wäre merkwürdig, wenn gerade die Germanen, deren Natur mit dem Wechsel Sommer (Wachstum) - Winter (Tod) - Frühling (Neugeburt) schon auf diesen Glauben hinweist, ihn verloren haben sollten.

[VR] Sie könnten auch die Erzählung vom Geirstadsalf wie in der Heimskringla beschrieben erwähnen und einige weitere Quellen, die Elemente einer Wiedergeburt in germanischer Tradition andeuten könnten, Sie sprechen hier jedoch von einer Entwicklung zu einem höheren Stadium. Gibt es im Quellenmaterial überhaupt Belege für eine "Entwicklungslehre" in germanischer Tradition? Handelt die germanische Wiedergeburtstradition eben nicht nur um eine Wiedergeburt in der Sippe - wie Sie auch mit dem Hinweis auf den Begriff "Kleiner Ahn" andeuten - und damit weder um eine Entwicklung zum geistig Höheren (wie es die Theosophie und die Ariosophie meinen) oder Karma (Ursache - Wirkung), wie es sie im Hinduismus gibt?

[Allsherjargode] Wir nehmen die Eddas als religiöse Quellen ernst und sehen in ihnen keinen christlichen Einfluß. Und wenn man sich die Gylfaginning ansieht, dann kann man schon auch den Gedanken einer Entwicklung der Seelen erkennen. In der Gylfaginning 3 z. B. sagt Óðinn selbst, daß alle guten Seelen (Er benutzt hier übrigens den heidnischen Begriff ọnd, nicht das christliche salu) mit Ihm in Gimle oder Vingólf leben sollen, böse Menschen aber kommen zur Hel und Niflhel. Es heißt dann: >Das ist unten in der neunten Welt.< Ich verstehe das so, daß die Welten hierarchisch angeordnet sind, daß es ein Unten und ein Oben gibt. Das erkenne ich übrigens auch in den Vafþruðnismál 43 und den Hávamál 40. Daß gute und böse Menschen im Jenseits unterschiedlich behandelt werden, sagt auch die Vọlva (Vọluspá 38f). Über die Einherjar sagt Óðinn in der Gylfaginning 20, daß sie in Valhọll und Vingólf aufgenommen werden. Warum dieser Unterschied? Einige kommen nach Valhọll, und müssen dort auf den letzten Kampf warten, die andern kommen gleich nach Vingólf, also eine Welt, wo sie ewig bei den Göttern leben können. Offenbar gibt es hier auch eine Unterscheidung in wenigergute (Valhọll) und gute (Vingólf) Verstorbene. Die Scheidung der Toten in Gute und Böse findet man übrigens auch schon bei den Indogermanen. Bei den Parsen kennt man noch die Jenseitsbrücke, über die die guten Seelen das Götterreich erreichen, die bösen Seelen fallen hinab und kommen in die Straforte. Diese Vorstellung ist bei uns auch durch verschiedene Sagen bezeugt.
Wenn es aber ein Gut und Böse gibt, dann müssen die verschiedenen Inkarnationen auch eine Entwicklung darstellen, die jeder Einzelne durchläuft. Den Karmagedanken sehe ich dann auch noch in einzelnen weiteren Überlieferungen. Z. B. in dem Lied Sigurðarqviða in skamma 44, wo über Brynhild gesagt wird:

 >Verleid ihr niemand den langen Gang
Und werde sie nimmer wiedergeboren!
Sie kam schon krank vor die Knie der Mutter;
Zu allem Bösen ist sie geboren,
Manchem Manne zu trüben Mut.<

Hier wird sie also bereits mit einer Belastung vor ihrer Geburt, mit schlechtem Karma/Ör1ọg beschrieben, und dies wird mit Krankheit gleichgesetzt. Und im Märchen ,,Frau Holle" geht es gleichfalls um Tod (Brunnen), Jenseits (Frau Holles Reich) und Wiedergeburt mit gutem (Gold) und schlechtem (Pech) Karma. Der letzte Satz dieses Märchens der Sammlung Grimm ist bezeichnend: >Und das Pech blieb an ihr haften ihr Leben lang<. Einfaches Teer hätte sie abwaschen können, aber dieses Pech (übertragen auch: Pech haben, Unglück haben) behält die böse Pechmarie ihr ganzes Leben lang.

Allsherjargode v. Nahodyl Nemenyi mit Gode Bent Dahlin, dem Gründer der dänischen Gemeinschaft Forn Sidr.

[VR] Was Opferungen betrifft, schreiben Sie, daß die Opfergaben etwas besonderes seien und einen Wert haben sollten. Das kann ich an sich gut verstehen, aber dann schreiben Sie, daß sie nicht in Kunststoffverpackungen angebracht werden dürfen. Ist dies eine Frage persönlicher Ästhetik oder glauben Sie, daß die Götter keinen Kunststoff mögen?

[Allsherjargode] Jedes Material ist nach den Vorstellungen unserer Vorfahren mit unterschiedlichen Qualitäten versehen. Darum achteten die Germanen laut Tacitus (Germania 27) darauf, Verstorbene mit ganz bestimmten Holzarten zu verbrennen. Es geht also nicht darum, etwas gut brennbares zu finden, sondern es geht um diese bestimmte Qualität. Forscher haben diese Qualitäten "Orenda" genannt. Eichenholz z. B. hat etwas von Þórs Kraft (Orenda), andere Holzarten sind andern Göttern geweiht. Kunststoff aber ist ein zusammengesetzter Stoff, der diese göttlichen Qualitäten (Orenda) nicht aufweist. Denn es gibt hier auf der Erde auch riesische Qualitäten. Außerdem ist Kunststoff - wie der Name ja andeutet - künstlich, nicht natürlich. In einer Naturreligion wie dem germanischen Heidentum aber sollte das Natürliche bevorzugt werden. Wir lassen es übrigens zu, wenn Heiden die Gaben in Kunststoffverpackungen zum Heiligtum bringen, aber auf dem Stallr wollen wir kein Kunststoff sehen.
("Orenda ist ein irokesisches Wort. das bedeutet "Zauberkraft". RED)

[VR] Sie schreiben, daß exotische Früchte wie Apfelsinen und Kartoffeln nicht als Opfergaben zulässig seien. Dies haben Sie wohl kaum aus einer historischen Quelle, im Gegenteil können wir in archäologoschen Funden sehen, daß unsere Vorfahren nichts dagegen hatten, teure Importwaren zu opfern. Warum meinen Sie dann, daß dies nicht zulässig sei?

[Allsherjargode] Wir opfern nur das, was überliefert ist. Wenn Archäologen einmal Apfelsinen in einem germanischen Opferfund ausgraben würden, dann würden wir sie auch zulassen. Auch hier geht es nicht nur um die Gabe als Geschenk an die Götter, sondern auch um das Orenda der Opfergabe. Darum wurden nur dem Freyr Eber geschlachtet, nicht dem Óðinn, denn der Eber enthält Freys Orenda, nicht Óðins. Bestimmte Getreidesorten und Früchte sind bestimmten Göttern geweiht. Es gibt bei uns aber keine Überlieferung, die uns sagt, welcher Gottheit etwa eine Tomate oder Kartoffel geweiht ist. Es wäre ja möglich, daß die Kartoffel dem Họðr geweiht ist. Dann wäre es ganz falsch, sie in einem Baldr-Blót zu opfern. Wir wissen es nicht.
Ein anderer Grund ist, daß wir nicht vor einem Opferfest die Transportwege der globalisierten Welt bemühen wollen, um eine Exotenfrucht zu finden, die wir opfern können, und die schon durch zahlreiche Hände ging, bevor wir sie erhalten. Wir wollen opfern, was auf unserm Land wächst und am besten, was wir selbst - so wir noch Bauern sind - angebaut haben. Und wir wollen es in der Jahreszeit opfern, wo es auch wächst bzw. durch natürliche Lagerung zur Verfügung steht. Im Varblót (Ostern) opfern wir z. B. keine Getreidekörner, sondern Eier und Lageräpfel. Denn Getreide kann ja jetzt noch nicht geernted werden.
Beim Opfern werden zuweilen auch Körner verstreut; wären das exotische Körner, würden wir durch unser Opfer zur Verbreitung exotischer Pflanzen in unsern Heiligtümern und Wäldern beitragen. Das ist verboten. Was für negative Folgen solche Aussaaten haben können, weiß jeder Biologe.

[VR] In Dänemark meinen viele, daß man nur solange Gode oder Gydja ist, wie man eine Zeremonie leitet. Wie sehen Sie das?

[Allsherjargode] Ich kenne da auch dänische Bestrebungen, die das anders sehen und eine regelrechte Godenausbildung favorisieren wenn ich das richtig verstanden habe (www.goderingen.dk). Überliefert ist, daß man den Godentitel nicht nur zeitweilig führte. Ein Gode hatte früher auch mehr zu tun, als nur Feste zu leiten. Er mußte sich auch um die Unterhaltung des Tempels/ Heiligtums kümmern, Hoftollr einnehmen, seine Þingleute betreuen und unterstützen, Gesetze wissen und Menschen beraten. Das alles kann man nicht so nebenbei tun. In diesem Punkt sieht man deutlich den Unterschied zwischen unserem traditionellen germanischen Heidentum und dem modemen Neuheidentum. Wir sehen das Amt des Goden/der Gyðja als Beruf an, der erlernt werden muß und dann ausgeübt wird. Die Neuheiden sehen die Goden nur als zeitweilige Ritualleiter.

[VR] Sie nennen sich Allsherjargode aller traditionellen Heiden in Deutschland. Dafür haben Sie von anderen Organisationen wie z.B. Rabenclan, Odinic Rite und Eldaring einiges auf die Hucke bekommen. Ja diese haben geradezu eine Unterschriftensammlung gegen Sie organisiert. Wie stellen Sie sich zu diesen Anklagen?

[Allsherjargode] Nun, ich wurde 1991 zum Allsherjargoden gewählt. Der Rabenclan wurde aber erst 1994, der Odinic Rite Deutschland 1995 und der Eldaring 2000 gegründet. Diese Gruppen konnten wir also in keiner Weise an meiner Wahl beteiligen, selbst wenn wir es gewollt hätten. Aber es wäre auch gar nicht sinnvoll, denn nach meiner Einschätzung vertreten diese drei Gruppen eindeutig ein Neuheidentum, was mit dem Alt-Heidentum, das wir seit 23 Jahren praktizieren, nichts zu tun hat (siehe z. B. das "Hammerritual"). Der Odinic Rite hat jetzt gerade seine Rituale in Buchform vorgelegt (Fritz Steinbock, Das heilige Fest, Hamburg 2005). Wer diese neugeschaffenen Rituale (teilweise unter Umänderung von Wicca-Texten) einmal mit den von mir aus den Überlieferungen herausgesuchten Ritualen vergleicht (G. v. Nemenyi, Götter, Mythen, Jahresfeste - Heidnische Naturreligion, Kersken-Canbaz Verlag 2004, www.kc-verlag.de) wird sehen, wie groß der Unterschied ist.
Außerdem: Ich habe nie behauptet, für diese neuheidnischen Gruppen zu sprechen oder sie zu vertreten. Ich vertrete nur die traditionellen germanischen Heiden in Deutschland, unabhängig von einer möglichen Vereinszugehörigkeit. Vereine gab es nämlich bei unsern Vorfahren gar nicht.

[VR] Ist der Titel "Allsherjargode" eigentlich belegt? Es gab vieleicht verschiedene Godentitel (z.B. Hovgode), aber war es nicht so, daß jedes Godentum oder Tempel eine selbstständige theologische und verwaltungsmäßige Einheit waren, die nicht einem heidnischen Vatikan gegenüber verantwortlich waren?

[Allsherjargode] Nun, ich stelle keine Dogmen auf, die für andere verbindlich sind. Die Heiden sind ganz unabhängig. Ich gebe lediglich dann, wenn Heiden Fragen haben, eine "offizielle" Antwort und Deutung. Daran muß sich niemand halten, jeder soll aber wissen, wie es im Alt-Heidentum aussieht. Es sind also Richtlinien fiir diejenigen, die klare Aussagen und Regeln wollen.
Der Titel ,,Allsherjargode" findet sich bereits im Landnámabók (1.3):
>Son hans var Þormóðr, er þá var allsherjargóði, er kristni kom á Ísland.<
(Sein Sohn war Thormod, der war Allsherjargode, als das Christentum nach Island kam)
Ein oberster Stammespriester findest sich auch bei Tacitus, Ammianus Marcellinus, Beda, um nur einige zu nennen.

[VR] 1991 wiederbelebten Sie Fahrenkrogs alte GGG, obwohl Sie schon 1985 Ihre eigene Organisation gegründet hatten. Ist nicht in Wirklichkeit so, daß Fahrenkrog eine Art Ariosoph war? Hier denke ich, daß der Begriff "Allgeist" als Monotheismus aufgefasst werden kann, wie auch die Ariosophen den wahren esoterischen Inhalt des Asenglaubens (oder des Wotanismus, wie sie ihn nennen) auffassen. Was sagt Ihnen Fahrenkrog als traditioneller Heide?

[Allsherjargode] Fahrenkrog war wirklich kein Ariosoph, das ist sicher. Fahrenkrog war auch kein Monotheist, allerdings finden sich in seiner Interpretation des germanischen Glaubens pantheistische Züge und er redet oft von Allvater fast in einem christlichen Sinne. Aber die Germanische Glaubens-Gemeinschaft wurde nicht nur von Fahrenkrog geprägt, sondern auch von Leuten wie Josef Weber oder Adolf Kroll, die ganz klar ein Heidentum nach der Edda wollten. Die GGG wurde 1907 gegründet, und wenn man bedenkt, wie wenig auch wissenschaftlich damals über die Germanen und ihre Religion bekannt war, dann war die alte GGG ein guter Anfang. Aber wir gehen heute natürlich viel weiter. Wir haben 1991 den Zweck der GGG in ihrer Verfassung (§ 1) so neugefaßt:
>Die Germanische Glaubens-Gemeinschaft ist eine religiöse Vereinigung zur Wahrung, Förderung und Verbreitung des überlieferten und durch Forschungen erschlossenen germanischen Glauben und Kultes<. Um dem gerecht zu werden, dürfen wir gar kein modemes Neuheidentum praktizieren, denn das ist ja nicht überliefert oder durch wissenschaftliche Forschungen erschlossen. Wir sind hier an die Überlieferungen gebunden, und das ist gut so. (...)

[VR] Wie sehen Sie die Zukunft des Asenglaubens?

[Allsherjargode] Durch die fortschreitende Technisierung, Naturentfremdung und Globalisierung entsteht bei immer mehr Menschen eine Sehnsucht nach einer naturverbundenen Religion, die in der eigenen Kultur wurzelt. Deswegen sehe ich fiir die Zukunft ein Wachsen dieser Religion.

[VR] Sie sind also Optimist, trotz der Probleme mit den Neo-Paganisten?

[Allsherjargode] Man sollte auch nicht übertreiben. Einige Internetneoheiden repräsentieren wohl kaum das deutsche Heidentum, insbesondere sieht man nur die wenigsten dieser Leute dann auch tatsächlich auf den Blóts. In der Praxis gibt es keine Probleme mit diesen Leuten, da wir uns gar nicht begegnen. Es sind ja ganz andere Kreise, unsere "Alt-Heiden" und diese Neopaganisten. Bei uns hat sich durch diese verbalen Angriffe, die genau mit dem Zeitpunkt der Veröffentlichung meines Buches "Heilige Runen" im Juni 2003 begannen (was wohl auch der wahre Grund dieser Kampagne war), rein gar nichts geändert, außer daß wir unsere Internetpräsenz eingerichtet haben.

Der Leiter der dänischen Gemeinschaft Forn Sidr, Martin Franck, und Allsherjargode v. Nahodyl Neményi.

 

Interview mit Géza von Nahodyl Neményi, dem Allsherjargoden (Stammespriester) der Germanischen Glaubens-Gemeinschaft.

Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (Nr. 4, 60. Jg., 1. 4. 1997 S. 114-121. ISSN 0721-2402 E 12320) Interviewer: Ulrich Andreas Wien.

[Ulrich Andreas Wien:] Sie sind Jahrgang 1958 und katholisch erzogen worden. Weshalb haben Sie sich eigentlich von der katholischen Kirche distanziert?

[Allsherjargode:] Der Hauptgrund war, daß mir im Katholizismus einfach die Natur gefehlt hat. Ich hatte eine ganze Zeit eine Übergangsphase, d. h. ich war noch katholisch, aber habe gerne Mythologien gelesen. Das fand ich interessanter und irgendwann habe ich festgestellt, daß man Wodan und Christus gleichsetzen kann. Dann habe ich mich voll dem Heidentum zugewandt.

[UAW] Sind Sie auf eine heidnische Gemeinschaft gestoßen oder haben Sie sich selbst um die Konstitution der Heidnischen Gemeinschaft gekümmert?

[Allsherjargode] Es fing an, daß ich ganz alleine war. Ich habe mit entsprechenden Büchern gearbeitet, in okkulter Richtung. Dann habe ich inseriert. Und Leute haben sich gemeldet, hier in Berlin, ein kleiner Kreis, der zusammengesetzt war aus ehemaligen oder zum Teil noch währenden Armanen aber auch Leuten aus anderen Gruppen. Ich bin in diesen Kreis erst einmal als Gast gegangen. Und dann habe ich versucht, diesen Kreis zu reformieren. Es war mir einfach zu dumm, mich zur Sommersonnenwende in ein Zimmer zu setzen und über Baldur zu reden. Ich habe gesagt, wir müssen hinausgehen, draußen Mittsommernacht feiern. Es war aber eine größere Überwindung bei den Leuten, die wollten überhaupt nicht hinausgehen usw. 1982 haben wir die Heidnische Gemeinschaft gegründet.

[UAW] 1982 hat auch Alain de Benoist sein Buch "Heide sein" veröffentlicht. Haben Sie es gelesen?

[Allsherjargode] Ich habe es nicht gelesen.

[UAW] Haben Sie sich von Gruppen und Strömungen außerhalb des okkulten Bereichs beeinflussen lassen?

[Allsherjargode] Nein, eigentlich gar nicht.

[UAW] Sie haben 1982 die Heidnische Gemeinschaft gegründet. Warum haben Sie beschlossen, sich nun von der HG zu trennen und die GGG wiederzugründen?

[Allsherjargode] Es war so, daß ich in der HG noch Mitglied war und 1991 den letzten Vorsitzenden der GGG ausfindig gemacht hatte. Dann habe ich gedacht, daß es wichtig ist, daß man den Namen hält. Es gab Streit mit dem damaligen zweiten Vorsitzenden der Heidnischen Gemeinschaft, und dann bin ich ausgetreten. Mit mir auch die Hälfte der Mitglieder; die sind alle in die GGG gegangen, und wir haben inhaltlich nichts verändert.

[UAW] Die GGG hatte früher den Anspruch, als zuständige Dachorganisation für alle germanischen Heiden zu kämpfen. Wie sehen Sie das heute?

[Allsherjargode] Ja, ich hatte natürlich auch diesen Gedanken gehabt, aber es ist so: Was sich heute Heide nennt, das sind unterschiedliche Gruppen, jede hat eine ganz unterschiedliche Lehre und ganz unterschiedlichen Inhalt.

[UAW] Wie viele Kultgemeinden zählen Sie zur GGG? Aus welchen Berufsgruppen kommen die Mitglieder, oder welche altersmäßige Gliederung besteht bei Ihnen?

[Allsherjargode] Wir sind Leute unter 40. Aber wir haben noch die Altmitglieder. Die sind nun über 80. Also hauptsächlich junge Leute, weil wir Werbung machen und entsprechend Gleichaltrige ansprechen.

[UAW] Haben Sie Zahlen?

[Allsherjargode] Mitgliederzahlen wollen wir nicht veröffentlichen. Erstmal kann ich das sowieso nicht überblicken, zum andern soll es geheim bleiben.

[UAW] Welche Bedeutung hat für Sie der Mythos?

[Allsherjargode] Mythos bedeutet für mich Geheimnis, d. h. in den vorhandenen Texten ist ein verborgener Sinn. Mein Bestreben ist, ihn zu entschlüsseln. Aber ich gehe davon aus, daß der Mythos verschiedene Entschlüsselungsstufen hat. Wie man im Mittelalter die Bibel auch auf vielen Stufen gedeutet hat, d. h. man wird es niemals perfekt entschlüsseln können, man wird immer nur seine subjektive Deutungsmöglichkeit haben.

[UAW] Aber wenn verschiedene Aspekte oder - meiner Ansicht nach - verschiedene Mythen nebeneinanderstehen, welcher gilt dann?

[Allsherjargode] Wahrscheinlich alle. Das ist das Perfekte bei der Mythologie.

[UAW] Wenn Sie sich nicht so streng an die geschriebene Fassung des Mythos halten, was ist authentisch? Gilt das eine oder das andere, oder betreiben Sie eine Integration der verschiedenen Mythen?

[Allsherjargode] Beim Mythos ist es so, daß er einen Bereich abdeckt, der mehr das Kultische betrifft, den Jahresmythos z. B. Wie die Religion ausgeführt wird, das ist etwas ganz anderes und taucht auch in anderen Quellen auf, z. B. in den Sagas. Daß man in den Tempel ging, das steht da sehr genau. In der Edda steht vielleicht nicht drin, wie der Kult direkt abgelaufen ist, aber in anderen Quellen steht es. Der Mythos ist ähnlich wie in der Kirche das Evangelium. Er erzählt von der geistigen Welt, von den Göttern. Die Deutung ist erstmal gar nicht so wichtig. Daß diese Götter in Naturkräften wirken und ich sie in Naturkräften spüren kann, das ist dann die nächste Frage.

[UAW] Gibt es denn für Sie einen Unterschied zwischen Monotheismus und Polytheismus oder ist das identisch?

[Allsherjargode] Ich denke, in der oberen Ebene wird es irgendwo zusammenlaufen, weil der Monotheismus niemals reiner Monotheismus ist. Selbst im Christentum gibt es die Dreieinigkeit oder die Engel oder Erzengel. Im Heidentum gibt es den Allvater über den anderen Göttern, der auch der Vater dieser anderen Götter ist. Dann kann man sagen, der entspricht dem monotheistischen Gott. Das ist letztendlich eine Definitionsfrage, wieviel Freiheit gebe ich den einzelnen Gottheiten oder Erzengeln, - erkläre ich sie als unabhängige Gottheiten oder sind sie abhängige Engel.

[UAW] Einerseits stellen Sie fest, Allvater herrscht ewig und kümmert sich um alles. Auch Gott Odin auf dem himmlischen Thron sieht und weiß alles. Andererseits schreiben Sie, im heidnischen Glauben gäbe es keinen Pantokrator (Allherrscher). Wie verträgt sich das miteinander?

[Allsherjargode] Es ist durchschaubar. Wir wissen, warum Odin alles weiß. Weil er auf einem Hochsitz sitzt und von oben hinunter sieht, oder weil er seine Raben hat, die ihm das erzählen. Beim christlichen Gott wissen wir nur: er ist allwissend. Hat er jetzt übernatürliche Abhörgeräte, oder sind überall Geister, die ihm alles erzählen? Er ist unberechenbar für uns. Wir können nicht wissen, warum. Dadurch haben wir ein bißchen Angst davor. Das ist der Big Brother. Von Odin wissen wir: - durch seine Raben - der sieht das eben. Das ist alles durchschaubar.

[UAW] Halten Sie Ihre Glaubenswelt für pantheistisch oder polytheistisch?

[Allsherjargode] In erster linie für polytheistisch, aber auch pantheistisch. letztendlich, wenn man Allvater jetzt besonders hervorkehren will, auch monotheistisch. Also wir haben alles.

[UAW] Wie treten Sie mit den Göttern in Kontakt?

[Allsherjargode] Wir rufen sie an bei unseren Kulten. Wir beten zu den Göttern. Wir opfern ihnen (natürlich keine Tierschlachtung) Pflanzen, was man essen kann, - als Gaben. Dann haben wir auch die Möglichkeit des Runenorakels, damit man über Götter etwas erfährt. Das ist an strenge Regeln gebunden. So wie es heute leider in der esoterischen Szene praktiziert wird, hat es mit Göttern nichts mehr zu tun.

[UAW] Die Distanz zwischen den Göttern und den Menschen wird in Ihrem System verkleinert.

[Allsherjargode] Ich gehe schon davon aus, daß die Götter in einer kosmischen Sphäre sind. Sie sind ja für das ganze Weltall zuständig. Wir sehen in den Naturkräften die Götter, wir haben sie in uns, in den Tieren und Pflanzen und überall. Dann sind sie nahe. Die Geistwesen werden von Odin geschickt, um eine Vermittlung herzustellen.

[UAW] Wie wichtig sind diese Geistwesen?

[Allsherjargode] Die haben die Vermittlerfunktion. Das Runenwerfen wird von den höheren Wesen gelenkt, damit ich etwas herausbekomme. Wenn ich nicht ein Hellseher bin, brauche ich die Runen als Hilfsmittel. Dann gibt es die Naturgeister, die Alben, die für die Inkarnation der Seelen, in der Natur bei den Tieren und Pflanzen zuständig sind.

[UAW] Wenn Sie beten, wenden Sie sich dann an die Götter direkt oder rufen Sie auch Vermittlungsgeister an?

[Allsherjargode] Wir wenden uns direkt an die Götter bei den Jahresfesten. Da herrscht dann in der Natur schon diese Kraft. Zu Ostern die Morgensonne, die Frühjahrssonne, die ein bißchen kämpferischer ist. Dann rufen wir Tyr an, der ursprünglich ein Sonnengott war für die Frühjahrssonne und dann Kriegsgott geworden ist in der späteren Vorstellung. Das ist die Zeit im Jahr, wo der Monat März, "Mars", die Marskraft, der neue Aufbruch in ein neues Jahr da ist. Da nimmt man diese Kraft auf, handelt so, wie die Natur auch gerade handelt. Dann ist man im Einklang und merkt, daß es solche Zyklen gibt.

[UAW] Haben Sie auch Tagesgebete und Tagesrituale?

[Allsherjargode] Ausgearbeitet ist es noch nicht. Wir nehmen sie uns dann aus der Edda. Man kann die Edda nicht nur auf die Jahreszeiten legen, sondern auch auf die Tageszeiten und die Woche. In der Regel nimmt man die Edda-Lieder, die für die bestimmte Jahreszeit sind oder andere aus der Rigveda. Es ist genug da. Wir sehen auch zu den Römern und Griechen und Indogermanen. Wir haben mehr Quellen, als ein Heide vor 1000 Jahren je hatte. Wir haben mehr Material als die Leute früher.

[UAW] Sie schreiben, die Runen sind von Odin geoffenbart worden. Gibt es eine sogenannte Verbal-Inspiration für Sie?

[GN] Das kann ich mir gut vorstellen, weil ich ja auch zwischendurch in einer spiritistischen Gruppe war. Da gab es das auch. Wir wissen nur, daß auf zwei Runensteinen aus Schweden und in der Edda steht, daß die Runen von den Göttern stammen. Das wissen wir konkret.

[UAW] Welchen Grad von Verbindlichkeit hat so ein Runenorakel für die betroffene Person?

[Allsherjargode] Es heißt ja schon bei Tacitus, daß ein Runenorakel immer durch Vorzeichen bestätigt werden muß. Also: Wir haben Entscheidungsfreiheit.

[UAW] Die göttlichen Kräfte sind zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten wirkmächtiger als sonst, schreiben Sie. Ist ihre Bedeutung regional begrenzt?

[Allsherjargode] Das kann man nicht sagen. Ich denke, wenn wir in den Naturdingen auch die Götter sehen, wo bestimmte Naturerscheinungen auftreten an Orten, die bestimmten Götterkräften geweiht sind, dann sind sie dort natürlich stärker als woanders. Z. B. Thor ist die Eiche geweiht. Wenn da noch ein Blitz eingeschlagen ist, dann ist das was ganz Besonderes. Dann sage ich: Hier ist Thors Kraft gerade besonders stark, anders als auf einem Feld. Da ist vielleicht die Kraft der Erdmutter stärker.

[UAW] Angesichts der Globalisierung und Komplexität der internationalen Weltgeschichte bleibt aber doch die Frage, ob nicht die Glaubensvorstellungen, die Sie vertreten, zu einer Komplexitätsreduktion führen. Was meinen Sie dazu?

[Allsherjargode] Eher umgekehrt. Ich denke, das Heidentum ist komplex und kompliziert; es wäre schön, wenn es einfacher wäre. Dann könnte man, wie andere merkwürdige Gruppen, hingehen und sagen: "So ist es, der Gott hat das so gesagt. Das müßt ihr jetzt machen." So ist es leider nicht. Oder, zum Glück nicht. Es ist sehr komplex, und es sind sehr unterschiedliche Quellen, die kann man unterschiedlich interpretieren.

[UAW] Gleitet Ihre Religionsvorstellung dann nicht in eine Art Privatreligion ab?

[Allsherjargode] Ja, sie ist individualistisch. Heiden gibt es ja nicht so viele. Es ist immer etwas Privates. Das ist auch das Interessante. Ich kann im Heidentum etwas erarbeiten, kann das der Gruppe vorstellen. Dann findet die das gut oder nicht. Ich kann die Quellen selbst interpretieren.

[UAW] Welche Vorteile hat es, Heide zu sein?

[Allsherjargode] Es ist auch eine Weltanschauung. Das heißt, ich sehe die Welt anders an. Wenn ich die Welt anders ansehe, handle ich auch anders. Zwar kann ich sagen, mit so einer kleinen Gruppe wie unserer oder mit den ganzen Heidengruppen wird man die Welt nicht verändern. Aber jeder einzelne kann versuchen, aus diesem negativen Karma des Naturausbeutens und -zerstörens herauszukommen. Wenn ich nicht mehr mitmache, bin ich auch draußen. Ich werde in meiner nächsten Inkarnation unter den negativen Folgen, die diese Gesellschaft produziert, nicht mehr leiden. Ich habe das überwunden. Vielleicht inkarniere ich mich in einer Zeit, wo die Natur dann wieder in Ordnung ist, wo auch immer, oder auch gar nicht mehr; das ist das Ziel.

[UAW] Das Menschenbild ist stark vom Wiederverkärperungsglauben bestimmt. Ist es ein Weg zur Selbsterlösung?

[Allsherjargode] Sicher. Man entwickelt sich bei jeder Inkarnation weiter, und irgendwann hat man sich so stark den Göttern angenähert, daß man sozusagen bei den Göttern bleibt. Es ist ein Aufstieg. Wir gehen davon aus, es gibt dann gleichzeitig wieder den Abstieg. Die ewige Glückseligkeit ist nicht genießbar. Der ewige Himmel wäre die ewige Hölle. Irgendwann werde ich wieder neue Erfahrungen machen, werde wieder in die Materie zurückgehen und mich dann wieder neu aufwärtsentwickeln.

[UAW] Sie gehen davon aus, daß man sich im Moment nicht nach unten entwickelt?

[Allsherjargode] Erstmal sollen wir hier glücklich sein. Das ist wichtig. Das ist auch ein Unterschied zu den indischen Vorstellungen. Die sagen ja, den Körper muß man möglichst bald verlassen, um seinen Geist zu befreien. Wir sagen, wir stehen hier zwischen Himmelsgott und Erdgöttin, wir sollen beiden Prinzipien genügen. Weil wir ja etwas von den Göttern in uns haben, entwickeln sich mit uns auch die Götter weiter. Das ist ja das Perfekte. Das erklärt dann die Nächstenliebe. Weil jeder etwas von den Göttern in sich hat, deswegen soll man seinen Nächsten lieben.

[UAW] Verstehe ich Sie richtig, so fordern Sie von Kirchen und Religionsgemeinschaften, Ihnen gegenüber Toleranz zu üben. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum Christentum beschreiben?

[Allsherjargode] Wir haben schon ein kritisches Verhältnis. Aber wir sehen auch die Gemeinsamkeiten.

[UAW] Wie verhalten sich dazu Ihre polemischen Äußerungen dem Judentum/Christentum gegenüber, wenn Sie in Ihrem Werbeheft formulieren: "Ein Gott schafft Einfalt, viele Götter schaffen Vielfalt" (5. 4), oder an anderer Stelle herabsetzend vom"Wüstendämon Jachveh" (5. 10) schreiben?

[Allsherjargode] Die Vorstellung eines Gottes muß nicht mit dieser Gottheit, wie sie wirklich ist, übereinstimmen. Aber wenn ich einen Rachegott, einen Wüstengott habe, der nur glücklich ist, wenn alles Wüste ist, daß so ein Gott letztendlich Totalitarismus bedeutet, das sieht man doch sofort.

[UAW] Frage: Ist also Jahwe dann ein Zivilisations- und Kulturfeind?

[Allsherjargode] Irgendwo schon.

[UAW] Sie werfen dem Christentum in seiner Argumentation auch eine Strategie des "Psychoterrors" vor...

[Allsherjargode] Der Psychoterror fängt schon mit der Erbsünde an. Deswegen meine ich, wer mit einer Erbsünde kommt, oder sagt: "Ihr habt von Natur aus eine Sünde", und: "Wenn ihr zuviel Sünden habt, kommt ihr in die Hölle", der macht Psychoterror, der macht Unterdrückung, der schüchtert die Leute ein.

[UAW] Punkt sieben des Glaubensbekenntnisses der GGG lautet: "Unsere Erkenntnis und Erfahrung der Götter als letzte Wahrheiten und Wesenheiten und als in uns und durch uns wirkende Kräfte ist uns zugleich das Wissen um ein sittliches Gesetz in uns und der Grund unseres Vertrauens auf ihre Führung und die Ursache unseres Glaubens an die hohe Bestimmung der Germanen." Wie vereinbaren Sie die darin betont ausgeprochene Exklusivität und das germanische Erwählungsbewußtsein mit Ihrem Anspruch auf Universalgeltung der Götter und dem Prinzip der Toleranz?

[Allsherjargode] Das Bekenntnis ist in dem Sinne ein freiwilliges. Es steht nicht in der Satzung drin. Wir haben das so übernommen von der alten GGG.
Wir haben nicht den Anspruch, als Weltreligion aufzutreten. Die Utopie: in ganz Deutschland würden jetzt alle Heiden werden; dann würden wir doch trotzdem nicht mit dem Heidentum nach Frankreich gehen und sagen: Ihr müßt nun auch alle germanisches Heidentum machen.
In Afrika würden wir sagen: Ihr habt eure Stammestraditionen, die sind wahrscheinlich noch besser überliefert als unsere Sachen, da sollte eure Arbeit hineingesteckt werden. Die Frage, wie ich die Götter nenne, ist kulturell bedingt. Deswegen würde ich das Bekenntnis nicht speziell auf die Germanen beziehen, sondern auf unseren Bereich hier. Weil wir irgendwie Germanen sind, machen wir auch deren Mythologie; wenn wir was anderes wären, würden wir was anderes machen.

[UAW] Sie haben das ursprünglich pantheistische Bekenntnis polytheistisch transformiert. Gibt es dafür Gründe?

[Allsherjargode] Wenn ich sage: "der Gott in uns", stelle ich mir den Gott leider immer christlich vor, das ist einfach in unserer Gesellschaft so. Da ist der alte Mann ganz alleine im Himmel. Diese Vorstellung wäre nicht so optimal. Wenn ich sage: "das Göttliche in uns", na gut, das Göttliche haben die Goten benutzt für diesen Gott, das ist auch nicht optimal. Dann sage ich doch lieber: "die Götter in uns". Dann habe ich gleich die Astrologie drin. Ein bißchen New Age und dieses alles, was man so an neueren Erkenntnissen in unserer Zeit hat. Letztendlich bleibt es die gleiche Sache. Ich kann den Gott definieren als Summe aller Götter.

[UAW] Mir scheint eine Spannung zwischen den Abschnitten 5 und 10 des Bekenntnisses zu bestehen. Einerseits steht da, daß "eine Religion der Germanen nur aus ihnen selbst heraus geboren" werden könne; die andere Aussage ist: die Bestimmung menschlicher Lebensaufgabe sei "das Recht und die Kraft der Götter". Ist der Mensch nun religiös autonom oder von den Göttern bestimmt?

[Allsherjargode] Der ist schon autonom. Wenn er seiner Natur folgt, dann folgt er auch den Bestimmungen der Götter, denn die Götter haben ja die Natur geschaffen. Die Götter wirken in allen Naturdingen. Wenn ich mich in die Natur integriere, wirke ich so, wie die Götter es wollen. Ich folge meinen Instinkten, wie ein Tier seinen Instinkten folgt.

[UAW] Das ist dann wohl keine willentliche Autonomie, sondern eine Intuition?

[Allsherjargode] Es geht um eine Selbstentwicklung, Selbstentfaltung. Wenn ich mich optimal entfalte, kann ich viele Fehler, die in der Gesellschaft passieren, nicht mehr machen.

[UAW] Es kommt eine Formulierung in Abschnitt 7 des Bekenntnisses vor, von der "hohen Bestimmung der Germanen". Ist es nicht doch eine Abwertung anderer Völker?

[GN] Wir haben das übernommen von der alten GGG. Wir wollen nicht die Tradition abbrechen und sagen: Wir machen etwas völlig Neues und haben damit nichts mehr zu tun, weil wir neu gegründet sind. Wir müssen diese Tradition auch pflegen. Diese "hohe Bestimmung": Es soll ein Ziel sein, daß wir uns einreden, wir haben eine hohe Bestimmung. Das können wir genauso für alle anderen Völker sagen. Germanien ist ja keine Stammesbezeichnung. Es ist eine Bezeichnung der Römer. In anderen Regionen würde man das Bekenntnis entsprechend ändern.

[UAW] Sie beschreiben den Aufstiegsweg, den die Götter bezwecken und "in der Gesund- und Starkerhaltung, der Fort- und Höherentwicklung dieses Wesens" nach oben "zu immer reineren, edleren Formen und Zielen" treiben. Es hat mich diese Sprache erinnert an den Begriff der "Rassenhygiene".

[Allsherjargode] So würde ich das nicht verstehen. Das Bekenntnis ist nicht von mir, sondern von Fahrenkrog. Die Weiterentwicklung ist in spirituellem Sinne gemeint. Es ist zwar unser Weg, sich weiter zu entwickeln, aber auch, hier in dieser Inkarnation Verstand und Körper in Einklang zu bringen. Das ist der Weg, der zu einer Weiterentwicklung führt.

[UAW] Wenn ich Sie richtig verstanden habe, befürworten Sie ja ein regionsspezifisches Menschenbild. Die Kelten für sich und die Germanen, je nach Natureinflüssen. Gibt es unterschiedlich hoch entwickelte Menschentypen ?

 

 

[Allsherjargode] Das glaube ich nicht. Man kann durchaus in einer multikulturellen Gesellschaft zusammen leben. Letztendlich müssen die Leute, die einwandern, sich auch mit der Natur auseinandersetzen. Wenn ich nach Grönland einwandere und Eskimo werde, kann ich schlecht einen Thorskult an der Eiche machen. Da gibt es keine Eiche. Da muß ich die Götter, die für die Jagd, für den Fischfang, für den Sturm oder für den Winter zuständig sind, anrufen. Da muß ich mich anpassen. So ist eine Religion an die Region gebunden, aber nicht unbedingt an die Menschen.

[UAW] Welche Verbindungen bestanden und bestehen von Ihnen persönlich zum Armanen-Orden?

[Allsherjargode] Ich war nicht Mitglied bei den Armanen. Ich habe dort Vorträge gehalten, wie ich auch bei anderen Vorträge gehalten habe, in der Deutschgläubigen Gemeinschaft etc. Mit dem Hintergedanken, daß wir nicht sehr viele sind, sucht man andere. Dann wollte ich meine Hefte verkaufen und meine Sichtweise des Heidentums verbreiten. Für mich sind die Armanen eine andere Religion.

[UAW] Frau von Schlichting vertritt ja mit der ANSE (Arbeitsgemeinschaft Naturreligiöser Stämme Europas) auch ein Konzept der Dachorganisation.

[Allsherjargode] Das hat sie von uns übernommen. Nachdem ich ihr Briefe geschrieben hatte, es hätte doch keinen Sinn, daß sich die Leute da und dort treffen. Überall sind Gruppen mit nur fünf Leuten. Da sollte man die Leute gruppenübergreifend zusammennehmen. Dieses Konzept hat man mit der ANSE aufgegriffen. Aber leider gefällt mir das auch nicht, weil die ANSE sehr stark armanengeprägt ist. Mit den Armanen habe ich auch noch andere Streitereien. Ich habe sehr vieles zu kritisieren. Nicht nur inhaltlicher Art, auch Dinge organisatorischer Art.

[UAW] Was sind inhaltliche Streitpunkte?

 

 

[Allsherjargode] Einmal diesen Tierkreis, den die Armanen haben. Da kommen Gottheiten doppelt vor. Frigg und Frau Holle unter verschiedenen Tierkreiszeichen eingeordnet. Aber Frigg ist ja Frau Holle; das ist ein plumper Fehler; oder Ostara und Freya zu unterscheiden. Das ist vielleicht für einen Außenstehenden nicht so wichtig, aber es geht ja um die Götter.
Dann diese merkwürdige Runendeutung, die sich auf Guido List aufbaut, und von einer Achtzehner-Reihe ausgeht, die es wissenschaftlich gesehen nie gegeben hat und die nie die älteste gewesen ist. Das ist schlimm. Auch die Ursilbentheorie, z. B. ,,Jerusalem" als "Ursalheim", die urheilige Stätte zu deuten. Toll, das hat mit Etymologie und Sprache nichts mehr zu tun. Ich mache auch Fehler, aber ich versuche wenigstens, das nur vom Herkunftsduden abzuleiten und mir nicht solche Silben auszudenken, - so eine Etymogelei!
Die Kulte müssen in der Natur sein, sonst ist das Christentum mehr eine Naturreligion. Die gehen wenigstens zur Bergpredigt mal hinaus, oder wenn sie eine Prozession machen. Dann sind sie schon mehr in der Natur. Die Heiden sitzen immer nur in einer Burg.
Mit den Armanen habe ich deswegen nichts gemein. Unabhängig davon, daß die Struktur völlig undemokratisch ist. Es ist nicht mal ein e.V. Es ist nur so ein Orden - immer hierarchisch.

[UAW] Es wundert mich: Das Bekenntnis der GGG haben Sie einfach präsentiert, ohne es demokratisch zu legitimieren?

[Allsherjargode] Wir haben den Anspruch, die Nachfolger der alten GGG zu sein. Das Bekenntnis übernehmen wir. Natürlich muß man das unseren Bedürfnissen anpassen. Man konnte 1907 oder 1910 noch nicht voll in den Polytheismus einsteigen. Da war ja Kaiserzeit. Das trauten sich die Leute gar nicht. Also hatte man eine pantheistische Richtung. Wir haben aber heute eine ganz andere Freiheit und nutzen die auch.

[UAW] Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Sigbert (links) und Allsherjargode v. Nahodyl Neményi bei einem Blót 2012.