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Die Göttin Sif

 

Aus der Edda kennen wir die Göttin Sif als Þórs Frau. Wir kennen auch den Mythos, wie Loki der Sif die Haare abschneidet und Ihr dann neue aus Gold beschaffen muß (Skáldskaparmál Kap. 35). Aber eigentlich wissen wir über diese Göttin recht wenig.

In den Formáli der jüngeren Edda wird kurz gesagt, wie Þórr Sif kennenlernte:

>Im Norden begegnete er einer Weissagerin, die Sibil hieß, die, die wir Sif nennen, und die gewann er zur Frau. Ihre Abstammung ist unbekannt; sie war die schönste aller Frauen, ihr Haar war wie Gold.<

Sollte tatsächlich nicht mehr darüber bekannt sein, als diese Andeutung? Schließlich war und ist Þórr einer der beliebtesten Götter. Vielleicht können wir das Volkslied von Herrn Lovmann und Herrn Tord (= Þórr) auf diese Geschichte beziehen (Peder Syv, Et hundrede udvalde Danske Viser, Kjøbenhavn 1787, II, Bd. 2, 180ff). Es lautet in meiner Übersetzung (das Lied mit der zugehörigen Melodie findet sich in meinem Buch "Lieder der Vorzeit"):

>Herr Lovmann über die Insel reit'.
(Tanzet ihr wohl mit schön' jungem Leib)
Stolz Ingelil freit, schöne junge Maid.
(Sie müßte wohl werden mein.).

"Stolz Ingelild, höret was ich euch sag:
Wie lang wollt ihr meiner harren als Magd?"

"Das will ich in acht Wintern voll,
Und in dem neunten, wenn ich soll".

Da acht Jahre sind vergangen:
Stolz Ingelild trägt so sehr Verlangen.

Stolz Ingelild' Brüder berieten da:
Die Schwester verheiraten wir im Jahr.

Wir woll'n sie dem reichen Herrn Tord gewähr'n,
Hat Silber mehr als Herr Lovmann Erd'.

Er hat mehr Gold an der Brünne sein,
Als Herr Lovmann in dem güld'nen Schrein.

Er hat in sein' Kasten mehr Geld,
Als Herr Lovmann Erde auf dem Feld.

Fünf Tage sie trinken die Hochzeitsfreud:
Die Braut will zu Bett nicht in all der Zeit.

Am sechsten Tag, als der Abend graut,
Da ziehen sie mit Gewalt die Braut.

"Und soll ich gehen ins Bett zumal,
Folgt mir erst zur Brück' am hohen Saal".

Sie leiten zur Brücke stolz Ingelild;
Ihr Augen sie sind auf's Meer gericht't.

"Dort seh ich blau' Wimpel und gelbe weh'n.
Die tät ich mit meinen klein'n Fingern näh'n.

Hätt ich einen vielgetreuen Freund,
Der wollte reiten hinaus mit Eil.

Hör du, Herr Peter lieber Bruder mein:
Reit' an den Strand für die Schwester dein".

Der Peter der ging hin zum Stall,
Er schaute die guten Fohlen all.

Er schaute die gelben, die grauen drauf
Dem mutigsten legt' er den Sattel auf.

Herr Lovmann er steuert' sein Schiff ans Land
Herr Peter ritt auf weißem Sand.

"Hör du, Herr Peter, Stallbruder fein:
Wie geht's Ingelild, der Verlobten mein?"

"So geht's Ingelild, der Verlobten dein:
Sie trinket heut ihre Hochzeit fein."

"Sieben Jahr lag ich auf der Insel siech:
Das ist schlimm, daß ich nicht gestorben bin.

Mög es den Frauen Unglück geb'n,
Die mich gebätet in das Leb'n.

Den Wellen so blau, wünsch ich viel Unglück,
Daß sie nicht zerschlugen mein Schiff in Stück".

"Warum willst sterben? Herr Lovmann schweig still,
Du findest noch als Braut stolz Ingelill".

"Hör du, Herr Peter, Stallbruder mein,
Willst du leihen mir das grau' Roß dein?

Leih' du mir nun das grau Roß dein,
So geb ich dir das gute Schifflein mein."

Herr Lovmann er reitet und rennt,
Sein gutes grau Roß er hinsprengt.

Herr Lovmann nicht eher tät anlangen,
Als die Fackeln vor dem Brauthaus brannten.

Herr Lovmann sprang hinein und war nicht faul:
"Das ist sein Schaden, wenn Herr Tord steht draus."

Herr Lovmann schloß die Tür mit Macht:
"Sagt Herr Tord so manche gute Nacht.

Ich geb' Herr Tord die Lieb' Schwester mein,
Mit braunem Met und klarem Wein.

Zwölf Tonnen Met und zwölf Tonnen Most,
Geb ich Herr Tord zur Hochzeitskost."

So schnell die Mär zu Herrn Tord hinläuft:
Nun schläft Herr Lovmann bei deiner Braut.

"Schläft Herr Lovmann bei der jung' Braut sein,
Sie gehörte ihm eher als sie war mein."

"Er schläft bei der jungen Verlobten dein,
Und gibt dir die schöne junge Schwester sein."

"So gerne nehm ich die Schwester sein,
Schläft er bei der Verlobten mein."

Seine schöne Braut hat nun Herr Lovmann;
Herr Tord gab er seine Schwester dann.

Da war Lust und so große Freund:
Herr Tord und Lovmann tranken Hochzeit beid'.

Da kam statt Sorgen der Freude Schein,
(Tanzet ihr wohl mit schön' jungem Leib)
Ein jeder sein' Braut führte selber heim.
(Sie müßte noch werden mein.).<

Dieses Lied wäre eigentlich ziemlich belanglos, wäre es nicht der Gott Þórr, um dessen Hochzeit es hier geht. Er ist hier allerdings ganz zum Menschen geworden, da man ja den Gott in christlicher Zeit nicht mehr besingen wollte oder durfte.

Somit wäre also die Göttin Sif die Schwester von Lovmann ("Gesetzesmann"). Sie ist aber auch die Mutter des Gottes Ullr, wie in den Skáldskaparmál  Kap. 21 zu lesen ist:

>Wie bezeichnet man Sif? Man ruft sie Þórs Frau, Ulls Mutter, die haarschöne Göttin, Nebenfrau der Jarnsaxa, Mutter der Þruðr.<

Þórr ist allerdings nicht der Vater von Ullr, Er wird "Stiefvater Ulls" genannt. Wer aber ist der Vater des Gottes Ullr? Glaubt man der Lokasenna (Str. 53f), könnte es Loki gewesen sein:

>Da trat Sif vor und schenkte dem Loki Met in den Eiskelch und sprach:

"Heil dir nun, Loki, den Eiskelch lang' ich dir
Firnen Metes voll,

Daß du mich eine doch von den Asenkindern
Ungelästert lassest."

Jener nahm den Kelch, trank und sprach:

"Du einzig bliebst verschont, wärest du immer keusch
Und dem Gatten ergeben gewesen.
Einen weiß ich und weiß ihn gewiß
Der auch am Hlorriði zum Ehebrecher wurde."

Und das war der listige Loki.<

Die Strophe 53 ist übrigens die einzigste Strophe, die wir haben, in der Sif selbst spricht. Trotzdem ist nicht Loki der Vater Ulls.

Ullr. Handschrift der Jüngeren Edda von 1760, die auf eine Vorlage von 1665 zurückgeht.

Hatte nun Loki ein Verhältnis mit Sif? Ich denke, nicht, denn in der Lokasenna finden sich Übertreibungen, die allerdings immer einen wahren Kern haben. Das Haar hätte Loki der Göttin Sif nicht einfach abschneiden können, das ging nur, wenn Sie geschlafen hat. Und also mußte Loki in das Schlafgemach der Göttin eingedrungen sein, um das Haar abschneiden zu können. Und damit ist dann bereits eine Verletzung der Intimsphäre geschehen, auch ohne daß es zu einem Geschlechtsverkehr gekommen ist. Und dieses Geschehen hat Loki dann in der Lokasenna übertrieben dargestellt. Es scheint aber, daß dem Haareabschneiden eine Geschichte vorangegangen ist, die uns nicht mehr erhalten ist. Denn das Haar abzuschneiden ist eine Art Entehrung, die man z. B. bei untreuen Frauen machte. Offenbar hat Loki der Sif irgendetwas vorgeworfen oder sich dadurch an Þórr für irgendetwas rächen wollen. Eine Frau, mit der man ein Verhältnis hat, wird man die Haare nicht einfach abschneiden.

Der Name der Göttin Sif (gesprochen mit langem "i" wie in "Sieb") wurde von Karl Simrock im Sinne von "Regnen" gedeutet, weil am Niederrhein "siefen" "Regnen" bedeutet; man sagt zu regennasser Kleidung sie sei "versifft". So bestechend diese Deutung auch klingt, sie kann nicht stimmen, denn Sif erscheint nirgends als eine Regengöttin. Der Tag Maria Heimsuchung (2. 7.) oder "unser lieben Frauen Tag, da sie über das Gebirge ging" heißt am Niederrhein auch "Maria Sîf". Unzweifelhaft geht dieser Name auf das heidnische Fest zu Ehren der Göttin zurück, nicht aber auf einen Regenlostag. Es handelt sich sicher um das Fest der Leinernte.

Sigrun von Schlichting deutete Sif als eine Göttin der Sonne, Ihr goldenes Haar wären die Sonnenstrahlen. Ich halte auch diese Deutung für falsch. Der Bezug der Göttin Sif zur Erde wird bereits in der jüngeren Edda deutlich. Da finden sich nämlich in den Nefnaþulur Namen der Erde (Jörð), und darunter der Name Sif:

>Jörð heißt:

Jörð, Fjörn, Rofa, Eskja und Hlöðyn,
Gyma, Sif, Fjörgyn, Grund Hauðr und Rönd,
Fold, Vangr und Fíf, Frón, Hjarl und Barmr,
Land, Bjöð, Þruma, Láð und Merski.<

Sif hat hier einen Bezug zur Erde, ist aber dennoch nicht mit Jörð identisch. In den Skáldskaparmál Kap. 24 wird nämlich über Jörð gesagt, sie ist die >Schwiegermutter der Sif<.
Bei den Wenden, den Nachkommen der germanischen Wandalen und Winethern, wurde die Göttin "Siva" genannt, und in dem alten böhmischen Glossar "Mater verborum" aus dem Jahre 1102 (Hankas Glossen, S. 5a, 6a b) wird Sie als Spenderin des Getreidesegens bezeichnet und mit Ceres (Demeter), der Erdgöttin, verglichen:

>Ceres, fruges, frumentum, vel dea frumenti: siua<

>Dea frumenti, Ceres: Sius<

In einer Initialzeichnung dieses Glossars gibt es eine weibliche Figur mit nicht sehr langem, ein wenig gelocktem Haare und entblößter linker Schulter, in der Rechten hält Sie eine Ähre, in der Linken eine Blume. Eine Umschrift lautet: "ESTA SIVA" ("das ist Siva").

Und in ähnlichen Quellen kann man lesen (nach Prof. Zdenek Vana):

>Siva, dea frumenti Ceres.<

Von Siva schrieb bereits Helmold von Bosau in seiner wendischen Chronik (I, 52):

>Außer den heiligen Hainen und Hausgöttern, an denen Fluren und Dörfer Überfluß hatten, waren die ersten und vorzüglichsten unter den Göttern Pove, der Gott des Aldenburger Landes, Siva, die Göttin der Polaben, und Radigast, der Gott des Obotritenlandes<.

Die Polaben sind die Wenden, die bei der Elbe siedelten, die Obotriten siedelten bei der Oder, Aldenburg ist Oldenburg. Prove oder Probe ist ein Beiname Týrs, Radigast (Ratgast) ist Óðinn. Siva wird hier also neben diesen beiden Hauptgöttern erwähnt, das zeigt uns, wie bedeutend diese Göttin war und ist. In der Bangert-Ausgabe von 1639 der Helmold-Chronik wird Siva zwischen Prove und Radegast mit antiken Attributen dargestellt: In der rechten Hand hält Sie einen Apfel, in der linken Weintrauben, auf dem Haupt hat Sie Blätter (siehe Abbildung).

Abbildungen von Göttern (Siva in der Mitte) aus der Bangert-Ausgabe von Helmolds Chronik (1639).

Diese Darstellung folgt einer Handschrift von 1662 aus dem Sammlungsbestand des Stralsunder Stadtarchivs, wo über die Göttin zu lesen ist:

>Wie auch der Sieva, eine Göttin, der die Haare bis an die Waden gehangen. Sie aber hatte beide Hände auf dem Rücken gehabt und in der einen Hand eine Weintraube mit einer goldenen Blade, in der anderen einen goldenen Apfel gehalten.<

In der Mythologie von Dr. C. A. Vulpius von 1826 ist die Helmold-Darstellung von Siva nachgezeicnet worden (siehe Bild).

Siva, Zeichnung von 1826.

Ganz anders wird die Göttin in Mauro Orbinis Werk, "Il regno degli Slavi" (Pesaro 1601) beschrieben:

>Die Polaben und Lavonen beteten Teutone an, der mit Merkur gleichzusetzen wäre, und dem sie Menschenfleisch opferten; sie beteten auch eine Göttin mit Namen Siva an, als fröhliches Kind mit Bogen, und auf dem Wurfspieß eine Krone, was heißen soll, daß jener, der Erfolg hatte und gut war im Waffengang, er sei von der Göttin Siva gekrönt; sie entspricht der Juno.<

Man hat das Gefühl, daß hier eine andere Gottheit beschrieben wurde. Vermutlich rührt diese Darstellung daher, daß man Þórr mit Jupiter gleichsetzte, und Þórs Gemahlin dann natürlich mit Juno identifiziert werden mußte und Junos Zuständigkeiten Ihr zugeschrieben wurden. Trotzdem ist es nicht unwahrscheinlich, daß Siva auch als kriegerische Göttin angerufen und verehrt wurde.

Siva ist also die deutsche Namensform der Göttin, die im Norden Sif heißt. Der Wechsel v und f kommt häufig vor (vgl. Alfen-Alv, Olaf-Olav). Slawomanen hingegen verändern die Schreibweise bei Helmold (Siva) zu "Živa" oder "Razivia" und deuten die Göttin als "Göttin der Lebenskraft", als Herrscherin über die Wachstums- und Lebenskräfte und Fruchtbarkeitsgöttin. Übersetzt bedeute der Name "Leben, Sein, Existieren" oder "Leben, Lebenskraft" (croatisch: "živa i životna"). Spätere Mythologen (Lausitzer Monatsschrift 1797, Falkenstein, Thüring. Chronik) deuteten "Siewa" als Göttin der Liebe und als gebärende und nährende Erdkraft und dichteten Ihr einen Gott Siebog oder Zywie, einen "Beschützer der Ehen" als Gemahl an.

Jakob Grimm übersetzte den Namen Sif mit "Sippe" und sah in der Göttin eine Göttin der Sippe und Familie. Das machen auch viele Neoheiden immer noch. Forscher gehen aber davon aus, daß der Name "Sif" lediglich nur "die Angeheiratete (Frau), die Verwandte, die Angesippte" bedeutet und also einfach "die Frau (Þórs)" bezeichnet. Deswegen ist es trotzdem nicht falsch, die Göttin wegen dieses Namens auch in Angelegenheiten der Sippe anzurufen, denn es gibt keine Zufälle, und wenn eine Göttin so einen Namen trägt, ist Sie auch für die Sippe zuständig; die Deutung der Forscher kann zudem auch falsch sein. Jedenfalls aber ist das nicht Ihre Hauptfunktion. Und dann müßte man auch davon ausgehen, daß Sif nicht der eigentliche Name der Göttin ist. Es fragt sich also, wie die Göttin eigentlich heißt (bevor Sie mit Þórr vermählt wurde). Bei den Finnen heißt die Gemahlin des Donnergottes Ukko (= "Ökuþórr") Rauni ("Eberesche"), bei den Lappen heißt Horagalles (="Þórr Karl") Gemahlin Raudna ("Eberesche"), denn im Mythos wurde eine Eberesche Þórs Rettung, als Er Sich daran aus dem Vimurfluß rettete (Skáldskaparmal Kap. 18):

>Im selben Augenblick sah er sich am Lande, bekam eineEberesche (reynir) zu fassen und stieg so aus dem Wasser; daher die Redensart: Die Eberesche ist Þórs Bergung (björg).<.

In der Edda wird nicht gesagt, daß diese Eberesche in Wahrheit Þórs Gemahlin war, die Ihm hier durch diese Verwandlung geholfen hat. Daß aber Finnen und Lappen den Kult von Þórr und Seiner Gemahlin Rauni/Raudna von ihren schwedischen Nachbarn übernommen haben, schreibt schon Jan de Vries (§ 419), und zwar geschah das recht früh. Im Norden ist aus diesem Mythos sogar ein Sprichwort geworden: >reynir er björg Þórs< ("die Eberesche ist Þórs Bergung"). In der Aefikviða von Grettir wird deshalb für den Eigennamen Þórbjörg die scherzhafte Umschreibung "reynirunnr" gebraucht. Die Eberesche ist dem Þórr geweiht, bei Finnen und Lappen auch der Gemahlin Þórs. Rauni gilt als Göttin der Fruchtbarkeit, vor allem jene des Getreides. Sie ist zudem aber auch Gewitter- und Donnergöttin. Ihr Mann ist der Himmelsgott Ukko. Beschimpft Rauni diesen, dann beginnt er zu donnern, was allerdings auch eine günstige Wetterlage für die Ernte darstellt. Man sagt, die heilige Hochzeit der beiden sei eine Voraussetzung für eine gute Ernte. Wenn sie zornig ist schickt Rauni Stürme, wenn sie wieder besänftigt ist - Regenbögen. Rauni wird im Zusammenhang mit Ukko in Agricolas Götterverzeichnis genannt:

>Wenn die Frau des Rauni Ukko brünstig wurde, wurde auch Ukko sehr brünstig<.

Bei den Indern heißt die Göttin übrigens Lakshmi und ist die Göttin des Glücks.

Da Sif einen  Bezug zur Erde hat, weiß Sie (wie Frigg) auch die Zukunft. Deswegen wird Sie in der jüngeren Edda mit der griechischen Weissagerin Sibylle gleichgesetzt. Es gab ursprünglich nur eine Sibylle, nämlich die Tochter des Königs Dardanos von Troja oder auch Tochter des Zeus. Später war es eine allgemeine Bezeichnung für weissagende Frauen. Die Sibylle des griechischen Cumae soll die Sibyllinischen Bücher (Sammlung von Orakeln) verfaßt haben. Sif wird hier also nur mit Sibylle gleichgesetzt, weil Sif auch weissagend ist.

Ein Urrind.

Ihr scheint auch die Kuh geweiht zu sein, denn in der Ragnars saga Loðbrokkar 9 wird eine Kuh namens Sibilja (man übersetzt den Namen allerdings mit "die stets brüllende") erwähnt, die die Feinde durch ihr Gebrüll verscheuchte oder verrückt machte. Auch der vanischen Erdgöttin Nerthus ist laut Tacitus die Kuh geweiht. Die Stellen in der Saga lauten:

>Eysteinn hieß ein König, der über Schweden herrschte (...) er hatte seinen Wohnsitz in Upsala und war ein eifriger Opferer; zu Upsala war damals eine so große Opferstätte, daß es nicht ihresgleichen in den Nordlanden gab. Sie erwiesen große abergläubische Verehrung einer Kuh und nannten sie Sibilja. Ihr wurde soviel geopfert, daß keiner ihrem Gebrüll widerstehen konnte. Deshalb pflegte der König, wenn ein feindliches Heer zu erwarten war, diese Kuh der Schlachtordnung vorangehen zu lassen. Sie besaß nämlich so große Teufelskraft, daß die Feinde, sobald sie ihr Gebrüll hörten, so verwirrt wurden, daß sie aufeinander losschlugen und sich selbst nicht in acht nahmen. Deshalb war Schweden damals feindlichen Einfällen nicht ausgesetzt, weil niemand es wagte, gegen eine solche Übermacht zu kämpfen.<

Es kommt nun zu mehreren Angriffen, und es heißt in der Saga (Kap. 10, 12):

>Er hatte auch die Kuh Sibilja bei sich, aber viele Opfer mußten ihr gebracht werden, ehe sie mitziehen wollte (...) Sobald die Brüder König Eysteins Heer sahen, glaubten sie, es mit keiner Übermacht zu tun zu haben und dachten nicht, daß noch mehr Mannschaft da wäre. Aber sogleich darauf kam das ganze Heer aus dem Walde hervor, die Kuh wurde losgelassen, lief dem Heere voraus und brüllte fürchterlich. Da entstand solcher Lärm und solche Verwirrung bei den Heermannen, die es hörten, daß sie aufeinander losschlugen, nur die beiden Brüder blieben standhaft. Aber das Ungeheuer stieß mit seinen Hörnern manchen Mann den Tag zu Tode; und obwohl die Ragnarssöhne gewaltige Kämpen waren, so konnten sie doch nicht zugleich der Übermacht der Menge und der Zauberei widerstehen.<

Bei einem weiteren Angriff sagt der König

:>"Wir wollen die Kuh Sibilja, unsere Gottheit, mit uns nehmen und sie dem Heere voranlaufen lassen; ich hoffe, es wird wie früher werden, daß sie ihrem Gebrüll nicht widerstehen können. Ich will mein ganzes Heer zum tapfersten Widerstande anfeuern, und so wollen wir das große, grimme Heer aus unserm Lande vertreiben."<

Die Kuh Sibilja, die wie eine Gottheit verehrt wurde, wurde dann von den Gegnern schließlich doch getötet.

Wir wissen natürlich nicht sicher, ob der Göttin Sif die Kuh geweiht ist; als eine Göttin des Wachstums und der Erde würde es passen, und der ähnliche Name (Sif/Sibil und Sibilja) sprechen dafür. Aber sicher ist es nicht.

Der Goldene Widerthon (Haarmoos, Goldenes Frauenhaar, Polytrichum commune) heißt im Norden "haddr Sifjar" (Haar der Sif); somit haben wir einen Eindruck, wie man sich Sifs goldenes Haar vorstellen kann.

Der einzigste Mythos, der uns von Sif erhalten ist, findet sich in den Skáldskaparmál Kap. 35. Es heißt darin:

>Warum heißt das Gold Haar der Sif? – Loki, Laufey's Sohn, hatte in boshafter Absicht es erreicht, der Sif all ihr Haar abzuschneiden. Als Þórr das bemerkte, ergriff er Loki und hätte sämtliches Gebein in ihm zertrümmert, wenn Loki nicht geschworen hätte, es bei den Schwarzalben durchzusetzen, daß sie für Sif ein Haupthaar aus Gold machten, das wachsen sollte wie anderes Haar. Darauf begab sich Loki zu den Zwergen, die als Ivaldi's Söhne bekannt sind, und diese machten das Haar und den Skiðblaðnir und Óðins Speer Gungnir<.

Loki wettet dann noch mit dem Zwerg Brokk, der auch Kostbarkeiten fertigt, und es kommt zu Begutachtung:

>Als Loki und der Zwerg die Kostbarkeiten brachten, nahmen die Ásen ihre Richterstühle ein; die Entscheidung sollte gelten, welche Óðinn, Þórr und Freyr fällen würden. Da gab Loki Óðinn den Speer Gungnir, Þórr das für Sif bestimmte Haar und Freyr den Skiðblaðnir. Er erklärte die Bedeutung aller Kostbarkeiten: Der Speer machte im Stoß niemals halt, das Haar war festgewachsen, sobald es auf Sifs Haupt kam, Skiðblaðnir hatte günstigen Wind, sobald sein Segel gehißt wurde, wo immer die Fahrt hinging, und man konnte, wenn man wollte, ihn wie ein Tuch zusammenfalten und in der Tasche tragen.<

Brokk legt nun seine Kleinode vor und gewinnt gegen Loki.

Die naturmythologische Deutung hatte bereits L. Uhland wiedergegeben, Er schreibt:

>Dieser Mythus ist der einzige, in welchem Thors Gattin bestimmter in das Bild tritt. Er läßt aber auch über ihr Wesen kaum einen Zweifel übrig. Sif, die schönhaarige Göttin, ist das Getreidefeld, dessen goldener Schmuck im Spätsommer abgeschnitten, dann aber von unsichtbar wirkenden Erdgeistern wieder neu gewoben wird. Damit stimmen auch die anderwärtigen Erwähnungen dieser Göttin überein (...) Sif ist mit Thor vermählt, dem göttlichen Freund und Beschützer des Feldbaus. Als der Steinriese Hrungnir sie zu rauben droht, da wird Thor der Rächer dieser Prahlerei. Unter den vielen Namen Jörds, der Erde, wird in den Denkversen auch Sif aufgezählt. Die Möglichkeit des Gebrauchs in der Dichtersprache dient obiger Deutung zur Gewähr. Das Getreidefeld, als eine besondere Gestaltung der Erde, konnte im rechten Zusammenhange synonym mit dieser gebraucht werden; darum besteht aber nicht minder der Unterschied des Allgemeinen und Besonderen, Sif ist Thors Gattin, Jörd seine Mutter, und letztere heißt daher Sifs Schwieger. Der schönen Haare wird Sif durch den Trug Lokis beraubt, der hier, seinem ganzen Charakter gemäß, die Neige des Sommers, die Reife des Feldschmucks für die Sichel, darstellt.<

Diese Erklärung ist immer noch überzeugend und glaubwürdig. Sif erscheint hierin als die Wachstumskraft der Erde und hat damit eine Berührung mit der "Roggenmuhme" des deutschen Brauchtums, die das Getreide schützt. Allerdings fängt man heute an, diese Deutung in Frage zu stellen, weil das Moos "Goldener Widerthon" im Norden "haddr Sifjar" (Haar der Sif) heißt, nicht die Ähren. Aber man verkennt dabei, daß einer Gottheit ganz unterschiedliche Pflanzen oder Dinge geweiht sein können. Þórr ist eindeutig Gewittergott, auch wenn Ihm der Planet Jupiter oder die Eiche geweiht ist.

In späteren Quellen erscheint Sif in aus dem Griechischen übernommenen Mythen im Norden. Wahrscheinlich wurde Ihr Name hier für Hera-Juno oder Demeter verwendet. So findet sich in der isländischen Trójumanna saga (Saga von den Trojanern) der Mythos des Urteils des Paris in nordischem Gewand:

>Als die Mutter sah, wie schön dieses Kind (Alexander) war, wollte sie es nicht aussetzen lassen. Sie brachte ihn heimlich zu Zieheltern, worauf er Paris genannt wurde. Als er heranwuchs, verehrte er Freyja sehr und später, nachdem er von seiner Abstammung erfahren hatte und als er mit Thecis Hochzeit feierte, lud er alle Götter dazu ein. Freyja nahm einen goldenen Apfel, auf dem geschrieben stand, daß ihn die schönste besitzen sollte, und der zwischen Freyja, Sif und Gefjon geworfen worden war. Sie wendeten sich an Jupiter, damit er entscheide, wer von ihnen die schönste sei. Er aber wollte kein Urteil fällen, denn er fürchtete den Zorn derer, die er nicht als die schönste beurteilte. Er forderte sie auf, daß sie in den Idawald zu einem Hirten namens Alexander gingen. (...) Eines Tages, als er in den Idawald ging, wo er immer das Vieh gehütet hatte, kam es ihm im Schlaf so vor, als führe Saturn drei Frauen – Sif, Freyja und Frigg – vor ihn und fordere ihn auf zu sagen, welche von ihnen am schönsten sei. Ihm schien, als neige sich Freyja über ihn und fordere ihn auf zu sagen, daß sie am schönsten sei; sie sagte, sie werde es ihm damit lohnen, indem sie dafür sorge, daß er die schönste Frau in Griechenland bekomme. Da trat Sif vor ihn  und forderte ihn auf, sie als am schönsten zu beurteilen; sie sagte, sie werde ihm in großes Weltreich und eine angesehene Stellung verschaffen. Als er kein Urteil fällt, tritt Frigg vor ihn und bietet ihm große Weisheit und Sieg im Kampf – sie war die Kriegsgöttin -, falls er sie als am schönsten bezeichnete; er aber spricht kein Urteil. Nun kommt Freyja zu ihm und spricht: "Erinnere dich, was du mir versprochen hast". Sie entblößte ihren Körper, worauf er sie als die schönste beurteilte. Deshalb war Sif von da an mit den Trojanern verfeindet.<

Man merkt schon den fremden Einfluß, wenn Göttinnen eine Eifersucht unterstellt wird oder Frigg zur Kriegsgöttin gemacht wird, weil Sie der Athene des originalen Mythos entsprechen soll. Sif ersetzt hier Hera-Juno, die Gemahlin des Zeus-Jupiter. Da man eindeutig den blitzwerfenden Zeus mit Þórr gleichgesetzt hatte, mußte Þórs Gemahlin Sif natürlich der Gemahlin des Zeus entsprechen.

In den altnordischen Breta Sögur erscheint Sif der Gemahlin des Königs Latinus im Traum:

>Die Gattin des Latinus verehrte Sif. Latinus residierte in einem Ort, der heute Rimini heißt. Eines Tages erschien Sif der Königin im Traum und sprach: "Seid vor Eneas auf der Hut, damit er dieses Reich nicht überfalle, nachdem er aus seiner Heimat und auch von anderen Völkern vertrieben wurde".<

Hier steht der Name Sif sicher auch nur wieder für eine römische Göttin, Juno oder Demeter. Echte germanische Mythen sind das also eindeutig nicht.

Heiligtümer der Göttin Sif/Siva sind uns nur wenige bekannt. Nach einer Sage befand sich in Magdeburg einst ein Tempel der Siva, der vielleicht an Stelle des Doms oder der Kirche "Unserer lieben Frau" (Liebfrauenkirche) gestanden hatte. C. A. Vulpius beschreibt das Götterbild 1826, deutet es aber als Freia:

>Auch in Magdeburg wurde diese Göttin vorzüglich verehrt. Ihr Bildnis hatten fremde (Römer) dahin gebracht. Sie stand auf einem Wagen, ohne Bekleidung, hatte einen Myrthenkranz um die Schläfe gewunden, auf der Brust eine Flamme (oder brennende Fackel), hiel in der Rechten die Erdkugel, in der Linken drei goldene Aepfel. Hinter ihr standen drei unverschleierte Mädchen (die Grazien) mit in einander geschlungenen Händen, jede haltend einen Apfel in der Hand. Der niedrige Wagen wurde von zwei Schwänen und zwei Tauben gezogen – Karl der Grosse zerstörte dieses Bild<.

Siva-Münze von 1693.

Von 1693 stammt eine Münze, die das Bild der Siva zeigt und auch Ihren Namen trägt (s. Bild).

Ein weiterer Tempel der Siva soll der Sage nach an Stelle des Ratzeburger Doms gestanden haben.

Ein Heiligtum der Göttin Siva befand sich auch in der Heide, dem Stadtwald von Halle. Viele Spuren von der Göttin gibt es im Heidegebiet: Ein Relief der Kirche zu Müllerdorf, das eine nackte Frau auf einem Hunde zeigt, kann Siva darstellen, da die Wenden Siva in Begleitung eines Tieres, welches als Affe oder Hund bezeichnet wird, darstellten. Die vor einigen Jahrzehnten in der Heide freigelegten und umgefallenen Findlinge wurden als Reste eines groben Siva-Bildes gedeutet. Sie liegen im Mittelpunkt eines Kreises, dessen Peripherie Lettin, Kröllwitz, Granau und Dölau berührt. Nach dem Volksglauben geht die Göttin noch heute in der Mittagsstunde als verwünschte weiße Frau um, im schwarzen Kleid mit weißer Schürze und hoher, schwarz und weiß karierter Mütze. Sie gilt heute als Unglücksbotin. Als Prinzessin Zorges lebt Sie in Lieskau und Granau weiter, mit weißem Kleide auf schwarzem Pferde reitend, von einem Hunde begleitet. In Dölau fährt die weiße Frau in einer von Ziegenböcken gezogenen Kutsche, eine Erinnerung an Donars Wagen.

Die Göttin Sif/Siva ist das Musterbeispiel für wissenschaftliche Fehldeutungen. Statt daß man die etymologische Verwandtschaft der Namen Sif und Siva erkennt und somit diese germanische Göttin endlich nach allen Quellen (denen aus dem Norden und denen aus unsern Breiten) deutet, trennt man willkürlich. Man erfindet eine "slawische" Schreibweise des Namens (die es in keiner einzigen Quelle gibt), "Živa", übersetzt diesen Namen "slawisch" und so entsteht eine "slawische" Mythologie. Und die germanischen Mythenforscher erkennen nicht die Verbindungen von Sif und Siva.

 

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