Bei dem folgendenden Arikel handelt es sich um urheberrechtlich geschütztes Material des Allsherjargoden Géza v. Nahodyl Neményi, des obersten altheidnischen Priesters in Deutschland. Nachdruck, auf Internetseiten oder Server setzen und jegliche andere Verwendung sind ohne Genehmigung untersagt und werden zivilrechtlich verfolgt. Hier geht es zur Startseite.

 

Þorgerðr Hölgabrúð und Irpa

 

Über zwei im Norden verehrte Gottheiten gibt es in der Wissenschaft immer noch viele Unklarheiten: Þorgerðr Hölgabrúð und Irpa. Sie sind Schutzgottheiten des Geschlechts der Jarle auf Hladir und wurden u. a. als ursprüngliche finnische Zauberinnen oder Völven gedeutet, Þorgerðr wurde mit Gerðr (Freys Gemahlin) identifiziert und als Wachstumsgöttin gedeutet, Irpa soll eine Erdgöttin sein. Dabei gibt es gerade von diesen Göttinnen mehrere Quellen, die ein genaueres Bild ermöglichen und vor allem auch über den heidnischen Kult Auskunft geben.

Der Name „Þorgerðr Hölgabrúð“ ist am besten bezeugt, doch kennen die Handschriften auch die Schreibweisen Hölda-, Hölþa- oder Hörga-, und statt -brúð findet sich auch -troll. „Þorgerðr“ könnte man hier zwar übersetzen wie die Namen der Gottheiten Þórr und Gerðr (also: „Donner“ und „Garten/Gürtel“), doch scheint meines Erachtens wohl eher ein nordischer Vorname vorzuliegen. „Hölgabrúð“ bedeutet „Hölgis Braut“ bzw. „Hölgis Weib“. In dem Namen Hölgi scheint zudem noch das Wort Helgi durch, welches den mit Heil erfüllten König bezeichnet (Helgi = der Heilige). „Hörgabrúð“ oder „Haurgabrúð“ bedeutet „Tempelbraut“, „Höldabrúð“ erinnert an die Holden oder das nordische Huldrufolk, also Geister in Huldas (Holles) Gefolge. „Irpa“ (oder „Yrsa“, „Yrpo“) hat man zu jarpr (= dunkelbraun) gestellt und dabei an die braune Farbe des Erdbodens gedacht.

Der Þorgerðr Hölgabrúð waren zwei Götter- oder Blóthäuser (Privattempel) geweiht, nämlich ein Götterhaus in Gudbrandstal (oberhalb Oslos) und eines im Gebiet von Drontheim. Der Kult wurde besonders von Jarl Hákon von Halogaland (970 – 995) geübt und ging mit dem nach Island ausgewanderten Zweig des Geschlechts der Jarle von Hladir auch nach Island über, wo sich ein Bild der Þorgerðr Hölgabrúð im Tempel des Goden Grímkel befand. Gode Grímkel stammte aus dem Geschlecht der Hladejarle. Jarl Hákon verehrte aber auch Óðinn und Þórr und führte in seiner Regierungszeit das Heidentum wieder ein.

Doch schauen wir uns einmal genauer die Quellen an, die von diesen Gottheiten und ihrem Kult erzählen. In der Færeyingasaga Kap. 23 (Anfang des 13. Jh.) heißt es:

>Harald sprach mit Sigmund im Frühjahr und erklärte, mit ihm fahren zu wollen. Und als Sigmund ganz fertig war, sagte der Jarl: „Den soll man auf der Ausfahrt geleiten, den man wiederkehren sehen will“. So gab der Jarl Sigmund das Geleit und frug: „Was meinst du jetzt zu allem und auf wen setzt du dein Vertrauen?“ Sigmund antwortete: „Ich vertraue auf Kraft und Stärke“. Der Jarl sprach: „Das geht nicht. Du mußt dein Vertrauen auf das Wesen lenken, dem ich wohl vertraue, und das ist Þorgerðr Hölgabrúð. Wir müssen zu ihr gehen und dort dein Heil versuchen“. Sigmund stellte ihm das anheim. Und nun gingen sie auf einem Pfade zum Walde und dann weiter auf einem kleinen Seitensteg. Sie kamen auf eine Lichtung, und dort stand ein Haus, das von einem Zaun von Pfählen umgeben war. Dies Haus war sehr schön. Mit Gold und Silber waren dessen Holzschnitzereien verziert.

Hákon und Sigmund gingen mit nur wenigen Leuten in das Haus. Viele Götzenbilder waren darin und manche Glasfenster am Hause, so daß es nirgendwo Schatten gab. Eine prächtig geschmückte Frau war im Hause, gerade dem Eingang gegenüber. Der Jarl warf sich ihr zu Füßen und lag lange so da. Dann stand er auf und sagte zu Sigmund, sie müßten der Frau ein Opfer darbringen und Silber auf den Stuhl (stóll) vor ihr niederlegen. „Aber dann werden wir sehen“, sagte Hákon, wie sie unser Opfer aufnimmt und mir zu willen ist: ob sie den Ring losläßt, den sie an ihrer Hand trägt. Dieser Ring wird dir, Sigmund, Glück bringen“.

Der Jarl versuchte den Ring zu nehmen, aber es dünkte Sigmund, als ob die Frau ihre Hand zu einer Faust balle, und der Jarl bekam den Ring nicht. Der Jarl warf sich noch einmal vor ihr nieder, und Sigmund sah, daß er weinte. Dann erhob er sich wieder und griff noch einmal nach dem Ringe. Jetzt war er lose. Der Jarl gab Sigmund nun den Ring und sagte, er dürfe sich nie von diesem Ringe trennen. Und Sigmund versprach es.<

Das Blóthaus wird hier recht genau beschrieben. Daß es Glasfenster hatte, wurde bereits in der Literatur als Aufnahme einer christlichen Vorstellung (bunte Glasfenster der Kirchen) angesprochen, doch ist dies nicht zwingend. Glas gab es vereinzelt auch schon im Norden, und es ist genauso gut möglich, daß Glas oder buntes Glas aus dem Süden importiert oder vielleicht bei Vikingerzügen erbeutet wurde. Der im Text erwähnte „Stuhl“ ist wohl eher ein Stallr, ein hölzernes Altargestell, welches einem Stuhl (ohne Lehne) ähnelt. Daß sich Jarl Hákon vor dem Götterbild der Þorgerðr niederwarf, muß gleichfalls nicht christlich erklärt werden. Die hohe Achtung, die Hákon vor der Göttin hatte, kommt ja auch in den andern Quellen vor. Der Ring scheint auch eine besondere Bedeutung zu haben; Götterbilder waren oft mit Ringen versehen, es ist auch möglich, daß es sich um einen Eidring dieser Göttin und des Heiligtums handelte.

Die Jómsvíkinga drápa Kap. 15 (zwischen 1200 und 1222 entstanden) bietet eine weitere Schilderung, wie Jarl Hákon sich an seine Schutzgöttin wandte. Dabei ist er hier auf einer Fahrt und also nicht in der Nähe eines Ihrer Götterhäuser, so daß er das Gebet im Freien verrichtet. Bezeichnend ist, daß er dafür extra an Land ging; offenbar geht er davon aus, daß das Gebet an Land die Göttin besser erreicht. Das paßt auch mit einer andern Schilderung zusammen, wo nämlich Hákon einen Verbrecher sucht, der auf einem Schiff vor ihm versteckt wurde. Immer wenn Hákon an Land ging, erfuhr er, wo der Verbrecher versteckt gewesen war, wenn er dann zum Schiff fahren ließ, konnte er das jeweils aktuelle Versteck nicht finden. Doch nun die Schilderung der Jómsvíkinga drápa:

>Jarl Hákon sprach: „Es sieht mir so aus, als ob der Kampf anfängt, gegen uns auszufallen. Ich befürchte das Schlimmste davon, mit diesen Leuten zu kämpfen, und nun kommt es auch dahin. Auf diese Weise werden wir kein Glück haben, wenn wir nicht irgendeinen guten Rat finden. Ich will aufs Land gehen, ihr aber paßt inzwischen mit dem Heere auf, wenn sie angreifen sollten“.

Nun ging der Jarl auf die Insel Primsignd hinauf und wanderte fort in den Wald, warf sich auf die Knie nieder und betete und schaute nach Norden. Mit seinen Gebeten kam es darauf hinaus, daß er seine Schützerin Þorgerðr Hölgabruð anrief; aber sie wollte seine Bitte nicht hören und war zornig. Er bot ihr mancherlei zum Opfer an, aber sie wollte nichts annehmen, und es dünkte ihn hoffnungslos. Er kam soweit, daß er ihr Menschenopfer bot, aber sie wollte es nicht annehmen. Er bot ihr zuletzt seinen sieben Jahre alten Sohn, der Erlingr hieß, und den nahm sie an. Der Jarl übergab den Knaben nun seinem Knecht Skopti; und der ging hin und brachte den Knaben um.

Darauf begab sich der Jarl zu seinen Schiffen zurück und spornte nun sein Heer von neuem an: „Ich weiß jetzt gewiß, daß uns der Sieg beschieden ist; geht nun umso besser vor. Denn ich habe den beiden Schwestern Þorgerðr und Irpa für unsern Sieg ein Gelübde getan“. Nun ging der Jarl auf sein Schiff und sie rüsteten sich aufs neue. Und darauf ruderten sie zum Angriff. Aufs neue erhob sich da nun der grimmigste Kampf. Und bald begann es im Norden dick am Himmel heraufzukommen, und es bezog sich schnell. Auch ging der Tag zur Neige. Demnächst prasselten Blitze und Donner, und dann setzte ein heftiger Schneesturm ein. Die Jomsvikinger hatten gegen das Wetter zu streiten. Der Schneesturm war so ungeheuerlich, daß die Männer kaum aufrecht stehen konnten ... Havard der Schläger sah zuerst Hölgabrúð im Heere Jarl Hákons, und viele andere hellseherische Männer. Und als der Schneesturm etwas nachließ, sahen sie, daß von jedem Finger der Unholdin ein Pfeil flog und jeder einen Mann traf ... Als der Schneesturm etwas nachließ, rief Jarl Hákon zum andernmal zu Þorgerðr und sagte, er habe es sich viel kosten lassen. Da fing es zum zweitenmal an, finster zu werden von einem Schneesturm, und der war nun viel größer und schwerer als vorher, und gleich zu Beginn des Unwetters sah Havard der Schläger, daß zwei Weiber auf das Schiff des Jarls gekommen waren und beide dasselbe Gebaren hatten ...

Darauf wogen sie die Hagelkörner auf der Waage, um Þorgerðs und Irpas Macht zu prüfen, und es wog jedes Korn eine Unze.<

Jarl Hákon siegte in dieser Schlacht, die 987 oder 988 im Hjörungavágr stattfand. Jan De Vries bemerkt zum angeblichen Opfer des Sohnes in einer Anmerkung: >Opfern darf man hier wohl eher in dem Sinne von „weihen“ auffassen<. Wie auch immer, es sind trotzdem noch Einzelheiten in dieser Schilderung, die beachtenswert sind, z. B. wird die heidnische Gebetsrichtung des Nordens erwähnt oder die Tatsache, daß der Jarl kniete.

Aber auch die Hilfe der Göttin wird beschrieben, wie Sie – nur für hellseherische Männer wahrnehmbar – in den Kampf eingriff und Unwetter erzeugte und Gegner fällte. Und der Jarl erinnert seine Schutzgöttin daran, wie teuer sein Opfer war, als der Schneesturm etwas nachließ. Die Göttin wird also erinnert und angespornt, mit allen Ihren Kräften zu helfen. Jetzt wird auch Irpa den hellsichtigen Männern sichtbar.

Das Gebet, welches Jarl Hákon hier sprach, ist auch überliefert; es ist uns nicht nur eines der seltenen wertvollen Zeugnisse für heidnische Gebete, es gibt uns auch weitere Hinweise über die Zuständigkeit der Göttin:

>Hierher, o Þorgerð, wende deine Ohren,
die offenen, und blicke auf den, der dir so viele Opfer darbrachte,
der so viele nie vergebliche Bitten an dich tat,
der dich allen andern Göttern immer vorzog,
den du schon so oft aus drohendem Unglücke –
und je größer es war, desto lieber – rettetest,
auf diesen Mann blicke nun mit freundlichen Augen,
laß ihn seinen Wunsch erreichen und hilf ihm in der äußersten Not
durch Gewährung des Sieges an die Unsern.
Du, die du alles, was ob der Erde lebt,
und was darunter ist, unter deinem ewigen Befehle hältst,
die Winde erregst und wieder beruhigst,
Stürme, Hagel, ungeheure Regengüsse sendest,
zeige nun deine Gewalt,
damit alle deine Herrschaft erkennen und fürchten.
Für überglücklich, und mit Recht, gelten die,
die du so hervorragender und hoher Gaben für wert hältst,
und denen du deine Gunst schenkst,
und für die Unglücklichsten gelten jene,
von denen du dich abkehrst.
Denn die fürchterlichsten Strafen erkennst du ihnen zu,
die deinen Zorn erregen.
Und wenn du meine Bitten nicht erfüllst,
und dich mir ungnädig erweist, muß ich verzweifelnd glauben,
daß du mir zürnst, ohne daß ich weiß, warum.
Komm also meiner Torheit mit deiner trefflichen Weisheit zuvor
und beglücke den, der dich in Demut immer ehrte

und deinen Befehlen immer gewissenhaft folgte,
mit dem Siege! Darum bitte ich dich<.

Das Gebet erinnert streckenweise an altindische heidnische Gebete, jedenfalls wird Þorgerðr hier die Macht über das Wetter zugeschrieben.

Im Þorleifs þáttr jarlaskálds Kap. 6 (Flateyjarbók 1, 213) (zwischen 1328 und 1387 geschrieben) hingegen nutzt Jarl Hákon die Hilfe seiner beiden Schutzgöttinnen, um einen Holzmann magisch zu beleben, den er wider seinen Gegner aussendete. Derartige Sendzauber werden noch in einigen nordischen Gesetzbüchern der Übergangszeit erwähnt und ausdrücklich verboten. Die Göttinnen werden hier auch nach der Zukunft befragt:

>Nun müssen wir wieder von Hákon Jarl berichten. Sein jämmerlicher Zustand besserte sich etwas. Doch sagt man, er sei nie wieder der Alte geworden. Er wollte sich aber nun gern an Þorleifr für jene Schmach rächen, wenn er es vermöchte. Er wandte sich daher an seine Vertraute Þorgerðr Hölgabrúð und deren Schwester Irpa, sie sollten einen Zauber loslassen nach Island, der Þorleifr völlig zunichte machte. Er brachte ihnen reiche Gaben und befrug sie um die Zukunft. Und als er eine Auskunft erhalten hatte, die ihm günstig schien, ließ er ein Stück Treibholz nehmen und daraus einen hölzernen Mann machen. Unter Zauberworten und Beschwörungen des Jarls und unter Trollspuk und Weissageformeln der beiden Schwestern ward ein Mann getötet. Diesem schnitt man das Herz aus und setzte es jenem Holzmann ein. Dann kleidete man ihn ein und gab ihm den Namen Þorgard. Er ward mit solcher Teufelskraft ausgestattet, daß er zu den Leuten gehen und mit ihnen reden konnte. Dann brachte man ihn auf ein Schiff und sandte ihn nach Island mit dem Auftrag, Þorleifr, den Jarlsskálden, zu erschlagen. Hákon versah ihn mit einem Hellebardenspeer, den er dem Tempel der Schwestern entnommen hatte, und den Hölgi einst besaß.<

Der Holzmann tötet den Skálden Þorleifr, der dem Jarl Schmach (einen „Jarlsníð“, welchen Þorleifr gegen Jarl Hákon gerichtet hatte) angetan hatte.

In jüngeren Quellen wird Þorgerðr Hölgabrúð schon mehr dämonisiert und im Zusammenhang mit Geistern und Hexen genannt. In den Fornaldar sögur (1, 131) heißt es:

>Ketill erwachte nachts von heftigem Geräusch im Walde und lief hinaus. Dort sah er eine Zauberin (tröllkonu) mit fliegenden Haaren. Auf sein Befragen sagte sie ihm, er möge sie nicht aufhalten, sie müsse zur Zauberversammlung (trollaþing), dahin komme Skelking, der Geister König aus Dumbshaf, Ofóti („Ohnefuß“) aus Ofótansfirð, Þorgerd Hörgatröll und andere mächtige Geister von Norden her.<

In der Brennu-Njáls saga 88 (um 1280) wird die Zerstörung des Götterhauses der Þorgerðr in Gudbrandstal erwähnt, wobei hier weitere interessante Einzelheiten geschildert werden. So erfahren wir von einem Bild des Þórr auf Seinem Wagen, erfahren von Gewändern der Götterbilder oder von den (Eid-)ringen der Götterbilder, die offenbar abnehmbar waren:

>Damals war Jarl Hákon zu einem Gelage bei Gudbrand gezogen. In der Nacht ging der Víga-Hrappr zu dem Gotteshaus (Goðahús) des Jarls und Gudbrands. Er trat in das Haus ein; er sah die Þorgerðr Hölgabrúð sitzen, die war so groß wie ein erwachsener Mann; sie hatte einen großen Goldring am Arme und eine Leinenhaube auf dem Kopf. Er zog ihr die Haube weg und nahm ihr den Goldring ab. Da sah er Þórr auf seinem Wagen und nahm ihm einen zweiten Goldring ab. Einen dritten nahm er von der Irpa und schleppte die Bildnisse alle hinaus und nahm ihren ganzen Anzug an sich. Darauf legte er Feuer an das Gotteshaus und verbrannte es. Hernach ging er fort ... Jarl Hákon und Gudbrand gingen diesen Morgen früh zu dem Gotteshaus und fanden es verbrannt und die drei Götter draußen, ihres ganzen Schmuckes bar. Da ergriff Gudbrand das Wort: „Große Macht ist unsern Göttern verliehen, daß sie selbst aus dem Feuer herausgegangen sind!“ „Das werden nicht die Götter getan haben,“ sagte der Jarl: „ein Mensch wird den Tempel verbrannt und die Götter herausgetragen haben. Aber die Götter rächen nicht alles auf der Stelle: der Mensch wird weggejagt werden aus der Valholl und nie hineinkommen, der dies getan hat“ ... Der Jarl ging allein von allen Mannen fort und sagte, niemand dürfe mit ihm gehn, und blieb eine Weile aus. Er fiel auf die Knie und hielt die Hände vor die Augen. Dann ging er zu den andern zurück. Er sagte zu ihnen: „Kommt mit mir!“ Sie gingen mit ihm. Er bog vom Wege ab, den sie vorher gegangen waren, und sie kamen zu einem Talkessel. Da sprang Hrappr vor ihnen auf, und hier hatte er sich vorher versteckt gehabt<.

Víga-Hrappr hatte sich wahrscheinlich nicht getraut, die Götterbilder selbst (als gedachte Sitze der Gottheiten) mit dem Götterhaus zusammen zu verbrennen; er wollte ja Jarl Hákon schaden, nicht den Göttern. Gudbrand spricht noch aus einer heidnischen Überzeugung heraus, wenn er glaubte, daß die Götterbilder von selbst aus dem brennenden Götterhaus gegangen wären. Jarl Hákon gibt in seiner Antwort auch einen guten Hinweis darauf, daß Valholl ein Ort ist, den nur gute Menschen erreichen können: Ein Götterhausschänder kommt nach Hákons Meinung nicht nach Valholl. Auch das wollten einige Forscher als christlichen Einfluß ansehen, denn die unterschiedliche Behandlung im Jenseits, die Trennung von Guten und Bösen wollten sie nur der christlichen Wertewelt zubilligen. Wir wissen aber, daß nicht nur die Eddas (u. a. das älteste Eddalied, die Völuspá), sondern auch ältere indogermanische Quellen diesen Glauben kennen; erinnert sei hier nur an die Jenseitsbrücke auch bei den Parsen (Cinhvatbrücke).

Interessant auch, daß Jarl Hákon sofort seine Verbindung mit der Göttin herstellen kann und so von Ihr erfährt, wo sich der Götterhausschänder versteckt hatte.

Über den isländischen Tempel dieser Göttin hören wir etwas in der Harðar saga Grímkelssonar Kap. 19 (13. Jh.). Hier ist der Víkinger Soti der Bruder Þorgerðs; sein Grab war von Hörd ausgeplündert worden, deswegen weigert sich die Göttin, dem Hörd Ihre Gunst zuteil werden zu lassen. Da Sie Grímkell auch einen baldigen Tod prophezeiht, zerstört Grímkell den Tempel. Aber auch Hörd hat kein Glück, denn in Kap. 36 der Saga stirbt er an einer herfjöturr (Heerfessel). Wir können annehmen, daß Þorgerðr dafür verantwortlich war, denn auch in den Þorgeirsrímur stjakarhöfða wirft die Göttin Þorgerðr eine Herfjöturr über den Feind, um ihm zu schaden. Es handelt sich dabei um eine dämonische Lähmung, von der dem Tode Verfallene oder im Kampf oder auf der Flucht befindliche plötzlich befallen werden.

Doch nun der Text der Harðar saga Grímkelssonar:

>Grimkell ging zum Tempel (Hof) der Þorgerðr Hölgabrúð und wollte für Þorbjörgs Ehe beten; als er aber in den Tempel kam, da waren die Götter in großer Bewegung und im Aufbruch von ihren Altären. Grímkell fragte: „Was hat das zu bedeuten, und wohin solls gehen? Wem wollt ihr nun Heil bringen?“ Þorgerðr antwortete: „Kein Heil werden wir Hörð bringen, denn er hat meinem Bruder Soti seinen guten Goldring geraubt und ihm manch andern Schimpf angetan. Eher möchte ich der Þorbjörg Heil bringen, doch steht über ihr ein so helles Licht, daß ich fürchte, das wird uns trennen. Du aber hast nur noch eine kurze Frist zu leben.“ Da ging Grímkell fort und war auf die Götter sehr zornig. Er ging heim, holte Feuer und verbrannte den Tempel mit allen Göttern und sagte, sie sollten ihm nicht noch einmal Unglück ansagen. Und als man am Abend bei Tische saß, da fiel der Gode Grímkell plötzlich tot hin. Er wurde südlich vom Hofe bestattet<.

Auch hier finden wir wiederum Einzelheiten erwähnt, so die verschiedenen Altäre, oder die Tatsache, daß die Göttin zum Goden Grímkel spricht. Þorgerðr Hölgabrúð wird hier offenbar auch um eine gute Ehe angerufen, ist also keineswegs als bloße Wettergöttin anzusehen. Da es sich hier um einen richtigen Tempel (Hof), nicht nur um ein privates Götter- oder Blóthaus (Goða-, Blóthús) handelte, kann man wohl davon ausgehen, daß dieser Tempel in erster Linie andern Göttern geweiht war, und Þorgerðr dort mitverehrt wurde. Tempel standen ja immer einer ganzen Kultgemeinde zur Verfügung, während die privaten Götterhäuser der Þorgerðr lediglich Angehörigen der Jarlssippe und deren Freunden offen standen. Das Verbrennen des isländischen Tempels bewirkt, daß der Gode Grímkell von den Göttern getötet wird.

In den Flateyjarbók (I, 407-409) findet sich eine Schilderung, wonach Olaf Tryggvasson den Tempel bei Drontheim beraubt und das dortige Þorgerðr-Bild zerstört.

Man ist versucht, in der Þorgerðr Hölgabrúð die Tochter Þórs, Þrúðr, oder sogar Þórs Frau Síf zu sehen. Eine Göttin, die gleichermaßen Unwetter erzeugt, aber auch Ehen schützt, kann doch nur eine nahe Verwandte des Donnergottes sein. Doch dem widersprechen die Quellen. In den Skáldskaparmál Kap. 55 (44) der jüngeren Edda wird nämlich Þorgerðr als Tochter eines mythischen, aber irdischen Königs Hölgi von Halogaland bezeichnet:

>Es ist überliefert, daß jener König Hölgi, nach welchem Halogaland (Helgeland) heißt, der Vater der Þorgerðr Hölgabrúð war. Ihnen beiden wurden Opfer dargebracht, und der Grabhügel Hölgis wurde aus abwechselnden Schichten von Gold und Silber – das war das Opfergeld – und von Erde und Steinen hergestellt.<

Danach kann es sich bei Þorgerðr und Irpa um Wesen handeln, die einst selbst auf der Erde (als Schwestern und vielleicht Völven finnischer Abstammung) gelebt hatten und nach ihrem irdischen Tode als Schutzgeister der Sippe weiter verehrt wurden. Der Kult der Þorgerðr und Irpa wäre also ein fortgesetzter Ahnenkult. Dann darf man den Namensübersetzungen nicht allzuviel Bedeutung beilegen, denn das werden die Namen sein, die sie schon als Menschen geführt hatten. Schutzgottheiten einer bestimmten Region sind eigentlich hohe Geistwesen, die für ein bestimmtes Land oder Geschlecht zuständig sind. Helmold erwähnt solche Landgötter bereits in seiner Wendenchronik, und auch hinter einigen Inschriften der Matronensteine am Rhein wird man wohl regionale Schutzgottheiten sehen können. Þorgerðr und Irpa sind aber mehr als nur regionale Schutzgottheiten, denn ihr Kult wurde ja bis Island ausgedehnt, mithin sind Sie vielmehr Schutzgottheiten der Sippe der Hladejarle. Für uns heute kommt daher – so wir nicht im Drontheimer Gebiet wohnen oder mit der Jarlssippe verwandt sind – eine Verehrung dieser lokalen Göttinnen nicht in Betracht. Jede Region und Sippe hatte und hat ja jeweils andere Schutzgottheiten.

In den Skáldskaparmál ist Hölgi der Vater der Þorgerðr. Bei Saxo Grammaticus (Lib. III, 72) (gegen 1200) findet sich aber eine andere Abstammung. Hier ist die Geschichte mit dem Mythos des Gottes Hother (Höðr) verbunden. Es heißt dort:

>Zu dieser Zeit warb Helgo, der König von Halogia, um die Tochter des Cuso (Guso), des Königs der Finnen und Biarmier, namens Thora, wiederholt durch die Vermittlung einer Gesandtschaft: was an sich unkräftig ist, das bedarf eben einer fremden Kraft. Während die Jünglinge jenes Zeitalters die Werbung um eine Braut mit eigenem Worte zu machen pflegten, war dieser mit einem so erheblichen Fehler der Zunge behaftet, daß er sich nicht nur vor fremden Ohren, sondern sogar vor vertrauten schämte. Wer den Schaden hat, läßt nicht gern andere davon wissen, und zwar sind natürliche Gebrechen umso lästiger, je deutlicher sie zu Tage treten. Cuso wies die Gesandten ab: der verdiene kein Weib, der, weil selbst der Tüchtigkeit ermangelnd, zur Werbung sich fremder Dienste erbitten müsse. Als Helgo diese Antwort erhielt, beschwor er den Hother, den er als äußerst gewandten Sprecher kannte, für seine Wünsche einzutreten; er versprach dagegen mit Eifer auszuführen, was er dafür verlange. Hother konnte der inständigen Bitte des Helgo nicht widerstehen und ging mit einer Kriegsflotte nach Norwegen, entschlossen mit Gewalt durchzusetzen, was er mit Worten nicht erreichen konnte. Als er nun für Helgo mit den gewinnendsten Worten, die seiner Beredsamkeit zu Gebote standen, gesprochen hatte, antwortete Cuso, er müsse die Meinung der Tochter einholen, damit es nicht scheine, als ob der Vater in seiner Strenge etwas gegen ihren Willen bestimmt habe. Sie wurde geholt; er fragte, ob sie an dem Freier Gefallen finde, und als sie ja sagte, versprach er dem Helgo ihre Hand. So öffnete Hother die verschlossenen Ohren des Cuso für Erhörung seiner Bitte durch den Zauber seiner abgerundeten und gewandten Beredsamkeit.<

Dieser Widerspruch in der Genealogie läßt sich nur dadurch klären, indem man den Beinamen „Hölgabrúð“ im Sinne von Wilhelm Grönbech übersetzt: „Die Frau (Göttin) der Männer von Halogaland“. „Brúðr“ meint hier also nicht „Braut“ im engeren Sinne. Irpa war wohl ursprünglich Hölgis Geliebte, wie es in der Sage von Helgi, Þora und Yrsa erzählt wird. Helgi zeugt mit Þora auf der Insel Þorö bei Dänemark eine Tochter namens Yrsa. Als diese herangewachsen war, kam Helgi nochmals auf die Insel und machte die Yrsa, die er nicht als seine Tochter erkannte, zu seinem Weibe. Als er die Wahrheit erfuhr, gab er sich aus Reue den Tod. Irpa soll mit Yrsa gleich sein. So erklärt sich die Angabe in der jüngeren Edda, wonach Þorgerðr als Hölgis Tochter erscheint. Ursprünglich waren also beide, Þorgerðr und Irpa, Hölgis Bräute.

Leider wissen wir nicht viel mehr über Þorgerðr und Irpa; allerdings kommen Sie auch in der Huldasaga aus dem 14. oder 15. Jh. vor. Diese Saga liegt in deutscher Übersetzung und voller Länge nicht vor und ist den meisten Wissenschaftlern wohl auch unbekannt. Die bei Gardenstone (Göttin Holle, Engerda 2002, S. 80ff) abgedruckte Fassung ist bearbeitet und verfälscht. Ich bringe im folgenden eine deutsche Zusammenfassung (von P. E. Müller, 1816):

>Es war einmal ein König über dem Meerbusen in Norwegen, mit Namen Hiordvard, ein Enkel des Königs Odin. Seine Gemahlin gebar ihm einen Sohn, den seine Pflegemutter, die Wahrsagerin Leda vom Geschlecht der Asen, zu sich nahm, Hildebrand nannte und in ihrer Höhle erzog, bis an sein zehntes Jahr, wo sie ihn seinem Vater wiederbrachte.

Leda hatte selbst einen Tochtersohn, der hieß Koll. Er that einen gefährlichen Zug gegen die Kobolte in Mörkvedwald, und erschlug sie alle, besonders mit Hülfe der Koboltfrau Hulda und ihrer Töchter Thorgerda und Yrpo.

Diese Hulda war eine Freundin Odins. Eines Tages, als König Odin auf der Jagd war, begleitet von seinen Hofleuten Loke und Häner, war er von einem ins Gedränge gezerrten Hirsche in eine entlegene Gegend verlockt worden, wo ihn die Koboltfrau Hulda mit ihren zwei Töchtern Thorgerda und Yrpo wohl aufnahm. Nachdem Odin die Nacht bei Hulda zugebracht, erzählte sie ihm ihre Geschichte. Rudent der Dritte, König in Riesenland, hatte die Königin vom Lande der Huldemänner [Huldemænds] (der Verborgenen) geheirathet, die hieß Magia und war von Khams Nachkommen. Als aber Rudent sie nachher vergessen, hatte sie ihr Kind, das sie Hulda nannte, in den wilden Wald hinaustragen lassen, darauf Rudente den Tod angethan, und war selbst vor Schmerz gestorben. Rudents Bruder Gigas, Fürst in Thusseburg, hatte darauf Hulda erzogen, sie mancherlei Zauberkünste gelehrt und in ihrem sechzehnten Jahre geheirathet. Gigas war von seinen Nachbarn umgebracht. Allein aus Furcht vor Hulda hatten sie ihr einen Vergleich angeboten, und sie sollte selbst zwischen ihnen das Urtheil fällen. Sie hatte darauf alle Kobolte und Thussen aus den Norderlanden über Jahresfrist vor sich gefordert auf die Hallmundshügel bei Jotunheim. Dann hatte sie Gemeinschaft mit dem weisen König Odin gesucht, um ihn dahin zu bringen, daß er das Urtheil spräche. Odin ging mit auf das Koboltthing, und urtheilte, Hulda sollte Königin über alle Kobolte in den Norderlanden seyn, sie sollten auf Trolledynge einen großen Tempel bauen, ihr und den Asen zur Ehre, und die Mitgift zusammen abreden; sie und ihre Töchter sollten dem Tempel vorstehen.<

Die Erzählung geht dann weiter mit Hildebrand und seinen Fahrten. In der Sage sind zwar fremde Namen (Cham, Kham = Ham, biblischer Stammvater; Gigas = Giganten, Riesen; Magia = Magierin, Zauberin usw.), dennoch scheint sich hier eine Sage von Óðinn und Holle (Frigg) erhalten zu haben. Die Kobolde entsprechen wohl dem Huldrufolk bzw. den Hollen (Geistern im Gefolge der Holda). Wenn wir alle Angaben der Sagen zusammenfügen, ergibt sich folgende Genealogie. Die Eltern der Þorgerðr und Irpa sind: Hulda (Tochter des Rudent und der Magia) und Finnenkönig Cuso. Þorgerðr ist mit Helgo oder Helgi vermählt, der auch mit ihrer Schwester (oder beider Tochter) Irpa liiert war. Die Angabe der jüngeren Edda, daß Þorgerðr Tochter des Helgi wäre, stimmt nicht (und paßt auch nicht zum Beinamen „Hölgabrúðr“ = Hölgis Braut). Dieser Abschnitt in der jüngeren Edda ist allerdings auch keine von den Göttern selbst stammende Überlieferung, sondern eine Interpretation von Snorri Sturluson, der Þorgerðr wohl mit Irpa verwechselte, denn Irpa war ja sowohl Tochter, als auch Frau (Braut) des Hölgi.

Jedenfalls fällt auf, daß Þorgerðr und Irpa im Zusammenhang mit einigen unserer Hochgötter genannt werden, nämlich mit Óðinn, Hulda (Frigg), Loke, Häner (Hönir) oder Hotherus (Höðr). Als Töchter der Hulda (Holle, Frigg) wären Þorgerðr und Irpa wohl Asinnen, wenn Sie nicht einen menschlichen bzw. riesischen Vater gehabt hätten.

Die Mythen um Þorgerðr und Irpa sind zwar etwas widersprüchlich (zu Snorris Angabe und zu unserem Wissen um die Bedeutung der Holda/Holle), und man wünschte sich, es wären mehr eindeutige Überlieferungen vorhanden, aber dennoch zeigt gerade das Beispiel der Þorgerðr, daß doch sehr viel erhalten ist: Beschreibung des Tempels, Beschreibung der Verehrung durch den Jarl, der Gebetstext (den man abgewandelt auch für andere Gottheiten verwenden kann), die Hilfe der Göttin und die Sagen um die mythische Verwandtschaft (deren es vielleicht noch weitere gibt, die mir bislang unbekannt geblieben sein mögen). Damit ist eigentlich ein vollständiges Bild des Kultes der Þorgerðr vorhanden, wenngleich wir natürlich gerne noch mehr Einzelheiten haben würden.

Auch und vor allem zeigt sich die tiefe Verbundenheit des Jarls zu seiner und seiner Sippe Schutzgöttin, die er in jeder Not anruft und mit der er jederzeit in Verbindung treten kann. Das ist noch ganz das alte, germanische Sakralkönigtum: Der König oder Jarl als oberster Kultherr und direkter Vermittler zu den Göttern. Ein derartig inniges Verhältnis zu unsern Göttern sollten wir alle anstreben.

© 2006 Allsherjargode Geza v. Nahodyl Neményi