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Tius oder Wodan

 

Immer wieder liest man die Theorie, daß einst nicht Wodan (Óðinn), sondern Tius (Týr) der höchste Gott der Germanen gewesen sei. Wodan habe dann Tius abgelöst oder verdrängt, Tius sank zum bloßen Kriegsgott herab.
Eine solche Veränderung sieht willkürlich aus, widerspricht unserer Theorie von einer unverfälschten Überlieferung. Deswegen will ich hier einmal ausführlich darauf eingehen.

Wie kommt man überhaupt dazu, Tius als höchsten Gott anzunehmen? Das liegt einmal daran, daß Sein Name etymologisch mit den Namen Zeus und Jupiter (Ziu-Piter) identisch ist und dieser Gott bei Griechen und Römern der höchste Gott ist. Ganz ähnlich auch bei den Balten (Dievs). Also folgerte man, daß auch Tius bei den Germanen einst der höchste Gott gewesen sein müsse.
Mit gleichem Recht allerdings könnte man darauf spekulieren, daß Donar (Þórr) der höchste Gott sei, denn auch Donar entspricht (z. B. in der Funktion als Blitzewerfer) dem Zeus/Jupiter.

Dann gibt es da einen Hinweis im "Gotenkrieg" des Procopius. Er schreibt um 550 (II, 15, 24):

>Den ersten Kriegsgefangenen opfern sie [die Goten] für Ares, den sie für den größten Gott halten<.

Ares ist die griechische Namensform des Mars, und der Kriegsgott Mars wurde immer mit Tius gleichgesetzt (siehe Abbildung aus einer Eddahandschrift des 17. Jhs.).

 

"MARS eður TYR" (Mars oder Tyr), Handschrift des 17. Jh.

 

Wenn wir aber ehrlich sind, dann können wir gar nicht wissen, ob Procopius mit "Ares" nicht vielmehr Wodan gemeint hatte. Ein Außenstehender sieht nämlich meist zuerst die Aspekte Wodans als Schlachtenlenker und könnte so Wodan mit Ares/Mars gleichsetzen. Unser Zitat bezieht sich auf den Stamm der Goten. Über ihn heißt es in der Jüngeren Edda (Skáldskaparmál 65):

>Die Gotnar heißen nach dem Namen des Königs Goti, nach dem auch Gotland benannt ist. Er selbst war so genannt nach Ódinn, und zwar ist sein Name von Ódins Namen Gaut abgeleitet; Gautland oder Gotland heißt nämlich auch nach diesem Ódinsnamen<.

Es wäre doch recht unwahrscheinlich, daß ein Stamm sich nach Ódinn/Wodan benennt, dann aber Tius/Týr als höchsten Gott verehrt haben soll. Nun könnte man vielleicht noch einwenden, daß die Goten des 10. Jh. vielleicht zum Wodansglauben gewechselt waren, einst aber auch Tius als höchsten Gott verehrten. Nur dürfte dann auch ihr auf Wodan bezogener Stammesname noch nicht vorhanden gewesen sein. Er war aber schon zur Zeit des Tacitus vorhanden, wie Germania 44 beweist:

>Nördlich der Lugier leben die Gotonen.<

Daß bei Procopius Tius gemeint sein sollte, wird auch durch Tacitus widerlegt. Er schrieb in der Germania 9:

>Von den Göttern genießt Merkur die höchste Verehrung: ihm an bestimmten Tagen sogar Menschenopfer zu bringen, halten sie für recht. Den Mars und Herkules stimmen sie durch Opferung zulässiger Tiere günstig<.

Danach erhielt nur Merkur Menschenopfer, die andern Götter nicht. Wenn das stimmt, muß der Ares/Mars des Procopius dem Merkur des Tacitus entsprechen, da Procopius ja Menschenopfer für Ares nennt.

Tacitus sagt in diesem Zitat auch, daß Merkur die höchste Verehrung genoß, also der höchste Gott der Germanen war. Merkur aber wurde seit ältesten Zeiten immer und ausschließlich mit Wodan gleichgesetzt, nie mit Mars. Auch in den Wochentagsnamen wurde der römische Merkurtag durch den germanischen Wodanstag (noch heute im englischen Wednesday) ersetzt.

Von Tacitus gibt es noch eine andere Schilderung, die sich in seinem Werk Historien (IV, 64) findet:

>So schicken denn die Tenkterer, ein durch den Rhein davon [Köln] getrennter Stamm, Gesandte und heißen sie ihre Aufträge in der Versammlung der Agrippinenser eröffnen. Diese brachte der unbändigste von den Gesandten folgendermaßen vor: "Daß ihr zurückgekehrt seid zu dem großen Ganzen und Namen Germaniens, dafür danken wir den gemeinsamen Göttern und dem obersten der Götter, Mars".<

Hier erscheint "Germanien" übrigens als feststehende Eigenbezeichnung für mehrere Stämme. Der Gesandte sprach germanisch, aber Tacitus hat den Satz ins Lateinische übersetzt und dort den Namen Mars verwendet. Es gibt hier nun drei Möglichkeiten:

1. Der Gesandte hatte den Namen Wodan verwendet, Tacitus hatte ihn mit Mars übertragen, um auf den kriegerischen Aspekt hinzuweisen (oder Tacitus hatte einfach nur einen Fehler gemacht).
2. Der Gesandte hatte den Gott Tius genannt, weil es hier ja auch um Krieg ging, und Tius nur als höchsten Kriegsgott gemeint, was Tacitus dann entsprechend übertragen hatte.
3. Tius war tatsächlich bei diesem Stamm zeitweilig der höchste Gott.

Sollte Möglichkeit 3 zutreffen, dann wäre das sicher ein Beispiel für eine zeitweilige Abweichung von den Überlieferungen. Denn wie gesagt, Tacitus selbst bezeugte Merkur als höchsten Gott der Germanen. Schon vor ihm hatte Caesar es entsprechend für die Celten gesagt (De bello gallico VI, 17, 1):

>Unter den Göttern verehren sie Merkur am meisten. Von ihm besitzen sie besonders viele Götterbilder, ihn halten sie für den Erfinder aller Künste, für den Führer auf allen Straßen und Wegen, und von ihm glauben sie, er habe den größten Einfluß auf den Erwerb von Geld und auf den Handel. Auf Merkur folgen Apollo, Mars, Jupiter und Minerva.<

Nun sind wir keine Celten, aber die Celten gehören zu den Indogermanen und Caesar liegt einige Jahrzehnte vor Tacitus. Es ist also schon ein Indiz für Wodan als höchsten Gott, wenn auch bei einem nahe verwandten indogermanischen Volk wie den Celten Merkur als höchster Gott galt.

Die Theorie von Tius als einem einstigen höchsten Gott stützt man auch auf die Namensetymologie. Der Name ist nämlich nicht nur mit Zeus und Jupiter, sondern auch mit dem altindischen Dyaush sowie dem altindischen deva, altiranisch día, lateinisch die (Gott) identisch. Die Mehrzahl seines Namens, altnordisch tívar, bedeutet "Götter" und der Name Týr kann auch als Grundwort für andere Götternamen verwendet werden (etwa: Hangatýr = Óðinn). Er bedeutet also "Gott" schlechthin. Aber auch das ist nicht überzeugend, denn auch der Begriff "Gott" leitet sich wahrscheinlich ursprünglich vom Namen Wodans ab und wird nun als Bezeichnung für andere Gottheiten gebraucht. Zeus, Dyaush, Dievs – all diese Namen können einfach nur "Gottheit" bedeuten, ohne daß damit gesagt ist, welche Gottheit gemeint ist.

Die alten Inder verehrten drei Götter gleichhoch: Dyaush, Indra, Rudra. Ihr Land ist nach Indra (dem Donnergott) benannt, das würde wohl für Indra als höchsten Gott sprechen. Aber Dyaush ist der Gott, dessen Name bei den Griechen zu "Zeus" wurde. Und Rudra ist Wodan; unter dem Namen Shiva wird Er noch heute sehr stark verehrt. Also wer will sagen, welcher der drei Götter von den Indogermanen als höchster verehrt wurde?

 

Abb. Felsbild von Litlesby, Tanum, Schweden, Broncezeit.

 

Für Wodan als höchsten Gott spricht auch eines der schwedischen Felsbilder der Broncezeit, nämlich das von Litlesby, Gemeinde Tanum. Das Felsbild hat die größte Figurendarstellung aller schwedischen Felsbilder, so daß man mit großer Sicherheit sagen kann, daß hier eine Gottheit dargestellt ist. Diese Gottheit hat als Attribut den Speer, und somit können wir hier von einer Darstellung des später Wodan genannten Gottes ausgehen. Die schwedischen Felsbilder stellen auch andere Götter dar, auch übergroß im Vergleich zu den Menschendarstellungen, aber nie so übergroß, wie der Speergott von Litlesby. Somit kann man diesen Speergott als höchsten Gott ansehen.

Auch viele Forscher haben hier Wodan erkannt.

Wir haben also bereits in der Broncezeit Wodan als höchsten Gott, in der Zeit des Tacitus finden wir Merkur (Wodan) als höchsten Gott bei Germanen und Celten, in der Vikingerzeit schließlich ist es Óðinn (Wodan). Schon vor der Zeitenwende wird Wodan als "Harigast" (Heergast) auf einer Inschrift des Negau-Helmes genannt.

Was ist mit dem Stamm der Saxen, welche eindeutig Saxnot (d. i. Tius) als Stammesgott erwählten? Die Sachsen sind nach Saxnot benannt und scheinen deswegen diesen Gott besonders verehrt zu haben. Aber sahen sie Ihn deswegen auch als höchsten Gott an? Nein, die Sachsen haben sicher die gleichen Götter verehrt, wie die andern Stämme. Beweis dafür ist das "altsächsische Taufgelöbnis", welches ein Lossagen von "Wuodan ende Thunaer ende Saxnot" forderte, was ja gar nicht nötig gewesen wäre, wenn Wodan da gar nicht verehrt worden wäre. Und auch in der Reihenfolge wird Er vor Donar und Tius genannt, muß also auch bei den Sachsen als höchster Gott gegolten haben.

Skandinavien soll nach Skaði benannt worden sein, doch niemand würde behaupten, daß Skaði dort als höchste Göttin gegolten hätte.

Wodan ist schon dadurch, daß Er Vater des Donar und Tius ist, in einer besonderen Position. Allerdings widersprechen sich in der Frage des Vaters von Tius/Týr die Quellen. In der Hymisqviða 5 nennt Týr den Riesen Hymir Seinen Vater:

5. "Im Osten wohnt,  von Élivágar
Der hundweise Hymir  an des Himmels Ende.
Einen Kessel hat  mein kraftreicher Vater,
Ein räumig Gefäß,  eine Raste tief."

Wenn man sich aber die Jüngere Edda ansieht, dann wird dort (Skáldskaparmál Kap. 9) Týr als Sohn Óðins bezeichnet. Nach meiner Deutung ist Hymir also lediglich Týrs Ziehvater. Das ergibt sich auch aus den weiteren Verwandtschaftsverhältnissen. In der Hymisqviða 7f heißt es:

7. Der stallte die Böcke,  die stattlich gehörnten;
Sie eilten zur Halle,  die Hymir bewohnte.
Der Sohn fand die Amme,  die er ungern sah;
Sie hatte der Häupter  neunmal hundert.

8. Eine and're kam  allgolden hervor,
Weißbrauig, und brachte das  Bier dem Sohn.

Die Riesin mit neunhunder Häuptern ist Týrs "Avmo" (so im Codex Regius), also áma oder ọmmo, was im Isländischen "Großmutter" bedeutet. Aber dieses Wort bedeutete ursprünglich "Ziehmutter, Pflegemutter, Kinderfrau" (althochdt. "amma") und ist mit unserem "Amme" verwandt. Eindeutig muß es hier in der älteren Form übersetzt werden (was ein Indiz für das hohe Alter des Liedes ist), da diese Riesin eben nur Týrs Amme, nicht Seine leibliche Großmutter ist.

Die "Allgoldene" ist die Sonnengöttin Sól, die im Winter (oder in der Nacht) bei den Riesen weilt. Wäre der Riese Hymir Týrs leiblicher Vater, hätte Týr für die Tötung Hymirs an Þórr Rache nehmen müssen, anstatt ihn dabei auch noch zu unterstützen. Vatermord, also Mord innerhalb der eigenen Sippe, wäre von den Germanen nie toleriert worden, einen Gott, der seinen Vater tötet, hätte man nie akzeptiert.
Wer aber ist nun Týrs Mutter? Es ist die Göttin Sól, also die Sonne, wie es ja hier unsere Strophe erzählt, denn "allgolden" (algullin) ist Umschreibung für die goldene Sonne. Da Sie im Winter beim Riesen Hymir ist, ist dieser nun auch Týrs Stiefvater, den der Gott natürlich mit "Vater" anredet, da man in den Anreden nicht die Unterscheidung von Vater und Stiefvater macht.

Also, Óðinn ist Týrs Vater, die Sól (Sonnengöttin) ist Týrs Mutter, Hymir ist Týrs Ziehvater, denn Hymir als Wintervertreter hatte ja die Sól entführt. In der Hymisqviða 30 erzählt Óðinn davon und nennt die Sól hier "goldschön":

30. Ich war im Osten, mit einer zu kosen,
Spielte mit der linnenweißen und kam zusammen mit ihr.
Ich erfreute die goldschöne; die Liebeslust gefiel der Maid.

Týrs Frau, die in der Lokasenna 40 ohne Name genannt wird,  ist die Jörð, die Erde.

Also: Óðinn hat als Vater der anderen Götter sicher eine besondere Position, Er war auch zuerst da, Er war schon immer da, wie Gylfaginning 3 bestätigt:

>3. Da hub Gangleri an zu sprechen: Wer ist der höchste und älteste aller Götter? Hárr sagte: Alföður heißt er in unserer Sprache und im alten Ásgarðr hatte er zwölf Namen. Der erste ist Alföður, der andere Herran oder Herjan (...) Da fragte Gangleri: Wo ist dieser Gott, und was vermag er? Oder was hat er Großes getan? Hárr sagte: Er lebt durch alle Zeitalter und beherrscht sein ganzes Reich und waltet aller Dinge, großer und kleiner. Da sprach Jafnhárr: Er schuf Himmel und Erde und die Luft und alles, was darin ist. Da sprach Þriði: Das ist das wichtigste, daß er den Menschen schuf und gab ihm Önd (Atem, Seele) der leben soll und nie vergehen, wenn auch der Leib in der Erde fault oder zu Asche verbrannt wird. (...) Da fragte Gangleri: Was tat er, bevor Himmel und Erde geschaffen waren? Hárr antwortete: Da war er bei den Hrímþursen (Frostriesen).<

Trotzdem kann Wodan natürlich Seinem Sohn Tius auch die Herrschaft teilweise übertragen haben. Ich kann mir durchaus vorstellen, daß Wodan der "spirituelle" König (Gott der Priester, oberster Gott) ist, daß Tius hingegen der Kriegskönig (Gott des Wehrstandes) war und Donar der Gott des Nährstandes.

Nachdem Tius aber Seine Schwurhand verloren hatte, konnte er keine Eide mehr leisten oder entgegennehmen und deswegen blieb Tius kein Kriegskönig mehr. Da waren unsere Vorfahren sehr kleinlich, denn "Schwören" war mit bestimmten Handhaltungen zwingend verbunden. Gerade das macht ja Tius Tat so wertvoll, weil sie zugleich die Aufgabe der Position eines Königs gewesen ist (wenn man diesem Mythos folgen will). Das ergibt sich auch aus dem celtischen Parallelmythos von Nuadu Argatlam. Er verlor seine Hand im Kampfe und wurde deswegen als König abgesetzt. Erst als er eine neue Hand aus Silber bekam, wurde er wieder zum König gemacht. Die Einhändigkeit findet sich auch bei den alten Indern beim Gott Surya, dem auch ein Wolf die alte Hand abgerissen hatte und der später eine goldene Hand bekam. Surya ist ursprünglich die Sonnengöttin und weiblich, wurde dann aber männlich vorgestellt und als Sohn von Dyaush angesehen. Ähnlich wie Tius Sohn Wodans und Sunnas ist. Vielleicht bezog sich der Mythos mit der verlorenen Hand ursprünglich auf die Sonnengöttin, die Sich ja auch im Mythos mit dem Fenriswolf Sköll, der Sie verfolgt, ausinandersetzen muß. In der Völuspá 5 wird gerade Ihre rechte Hand erwähnt:

5. Die Sól von Süden, des Mánis Gesellin,
Hielt mit der Rechten den Rand des Himmels.

Das broncezeitliche schwedische Felsbild von Lökeberg zeigt eine Figur, die in der einen Hand ein Schwert oder eine Keule trägt, während die andere Hand (allerdings die Linke) verkürzt ist. Man hat hier bereits eine Darstellung des einhändigen Tius sehen wollen (siehe auf der Abb. links oben).

 

Abb. Felsbild von Lökeberg, Krs. Tunge, Schweden, Broncezeit.

 

Der katholische Theologe Simek versucht, in dem Mythos von Týrs Hand auch einen Eidbruch hereinzudeuteln: "Der Verlust der Schwurhand ist bei vielen Völkern als Strafe für den Meineid belegt, befremdet aber vorerst bei einem Rechtsgott wie Tyr". Die Geschichte findet sich auch bei den Römern in der Sage von Mucius Scaevola, wo der Held seine Hand opfert, um den Gegner von der Richtigkeit seiner Behauptung zu überzeugen; nach Dionysios Halicarnensis war es eine List, um Porsenna zu betrügen. Ein Eidbruch war es im Mythos von Týr aber nicht.

 

Abb. Tyr mit dem Fenriswolf.

 

In der Gylfaginning 34 heißt es zu der Fesselgeschichte:

> Der Wolf antwortete: Um dieses Band dünkt es mich so, als wenn ich wenig Ehre damit einlegen möchte, wenn ich auch eine solche Fessel entzweireiße; falls es aber mit List und Betrug gemacht ist, obgleich es so schwach scheint, so kommt es nicht an meine Füße. Da sagten die Ásen, er möge leicht ein dünnes Seidenband zerreißen, da er zuvor die schweren Eisenfesseln zerbrochen habe. Wenn du aber dieses Band nicht zerreißen kannst, so haben die Götter sich nicht vor dir zu fürchten und wir werden dich dann lösen. Der Wolf antwortete: Wenn ihr mich so fest bindet, daß ich mich selbst nicht lösen kann, so spottet ihr meiner, und es wird mir spät werden, Hilfe von euch zu erlangen: darum bin ich nicht gesonnen, mir dieses Band anlegen zu lassen. Ehe ihr mich aber der Feigheit zeiht, so lege einer von euch seine Hand in meinen Mund zum Unterpfand, daß es ohne Falsch hergeht. Da sah ein Áse den andern an, die Gefahr däuchte sie doppelt groß und keiner wollte seine Hand herleihen, bis Týr zuletzt seine Rechte darbot und sie dem Wolfe in den Mund legte.<

Also: Zunächst sagten die Ásen dem Wolf klar zu, daß Sie das Band lösen würden, falls er es nicht schaffe. Darauf ging der Wolf aber nicht ein. Damit bestand dieser Vorschlag, dieses Angebot nicht mehr. Ob die Ásen ihn dann wirklich freigelassen hätten, wird nicht gesagt. Hätten Sie es nicht getan, wäre die Zusage eine Lüge gewesen, doch Götter lügen nicht. Aber es war kein Eid, es war kein gegebenes Wort, es war nur ein Angebot. Der Wolf macht jedenfalls ein eigenes Angebot, und in diesem haben die Götter gar nichts zugesagt. Es wird von Ihnen lediglich verlangt, daß Einer Seine Hand als Pfand in des Wolfes Rachen legt. Das war die einzigste Bedingung, und Týr erfüllte sie. Der Wolf ging davon aus, daß keiner der Ásen Seine Hand verlieren willl und er traute allein diesem Pfand. Damit, daß er das Pfand dann auch abbeißen konnte, war der Handel korrekt abgelaufen. Unfair wäre es gewesen, wenn Tyr z. B. die Hand weggezogen hätte oder die Ásen dem Wolf Ihr Wort gegeben hätten, ihn zu befreien. Das wollten Sie ja zuerst tatsächlich tun, doch ging der Wolf darauf ja nicht ein.

Man sollte den Göttern nie irgendein ehrenrühriges Handeln unterstellen, denn Götter handeln nie unehrenhaft. Und man darf nie vergessen, daß Götter von einer höheren Warte aus die Welt betrachten. Götter kennen die Zukunft, wissen ob der Bösartigkeit ihrer Gegner und sind daher nie ungerecht. Es heißt ja auch in der Gylfaginning:

>Und als die Götter sahen, wie sehr er [der Wolf] jeden Tag wuchs, und alle Vorhersagen meldeten, daß er zu ihrem Verderben bestimmt sei, da faßten die Ásen den Beschluß, eine sehr starke Fessel zu machen<

Die Götter reagieren also nur im Interesse der von Ihnen geschaffenen Welt.

Doch zurück zu unserem Thema. Ich meine, es gibt eigentlich keine überzeugenden Argumente dafür, daß Tius einst höchster Gott gewesen sein sollte. Er war immer Óðins Sohn und hatte sicher Seine speziellen Aufgaben von Óðinn zugewiesen bekommen. Auch wird Sich Sein Aufgabenbereich nach dem Verlust Seiner Hand geändert haben. Für weitergehende Spekulationen aber sind die Quellen nicht ausreichend.

Daß man unsere Quellen anzweifelt, geschieht doch nur, um ihre Genauigkeit in Frage zu stellen, um sie so zu entwerten. Daß man Tius als höchsten Gott ansieht, lag auch daran, daß früheren Forschergenerationen Rom und Griechenland näher standen, als germanische Quellen. Bei Widersprüchen entschied man gerne zu Gunsten der Römer und Griechen.

© Allsherjargode Géza v. Nahodyl Neményi 2009